Köln ist 370 Kilometer entfernt – und liegt doch mitten in Stuttgart. Die „Rheingeschmeckten“ feiern ihren 20. Geburtstag – mit der größten Kölner Karnevalsparty außerhalb von Köln.
Wenn die Nacht in Stuttgart jeck spielt, verwandelt sich das Mash in ein kölsches Tollhaus. Nach langem Schlangestehen im Bosch-Areal taucht man ein in eine irre Welt aus Hits, Witz, Tanz und Lebensfreude, „Alaaf“ hallt durch die Event-Location, aus den Boxen dröhnen die Hymnen von Brings, Druckluft, Höhnern, Kasalla und den Räubern. Die „Rheingeschmeckten“, der Club der Rheinländer in Stuttgart, feiern ihren 20. Geburtstag – und machen das Mash zur „größten Kölner Karnevalsparty außerhalb von Köln“,
960 Karten waren im Vorverkauf im Nu vergriffen. Für die Besucher steht fest: Das ist Stuttgarts beste Faschingssause. Und sie geben alles, damit in dieser Nacht der Unterschied zwischen Rhein und Nesenbach verschwimmt. Und was die Veranstalter erfreut: In den 20 Jahren blieb alles immer friedlich.
Gegründet wurde der Verein vor genau 20 Jahren von gebürtigen Rheinländern, die aus Liebe, Beruf oder ganz anderen, nicht näher beschriebenen Motiven in Stuttgart gestrandet sind. Anfangs galten sie als fröhliche Exoten. Inzwischen hat sich längst herumgesprochen, wo die wildeste Karnevalsparty der Stadt steigt. Auch viele Ur-Schwaben sind dabei – ein Zeichen gelungener Integration im multikulturellen Stuttgart.
Zugezogene mischen Stuttgarts Karnevalsszene auf
Ein Blick ins schwäbische Lexikon: Der Begriff „Reigschmeckter“ (oft auch Neigschmeckter oder Reingschmeckter) bezeichnet eine Person, die nicht aus der Region stammt, sondern zugezogen ist. Und die Zugezogenen können ihre Wahlheimat ganz schön aufmischen.
Die Erfolgsformel der Rheingeschmeckten ist schnell erklärt: Musik, Musik und nochmals Musik. Ballermann-Hits oder Schlager werden aus Prinzip nicht gespielt. Stattdessen singt der gesamte Saal textsicher mit, wenn aus den Boxen eine der inoffiziellen Hymnen dieser Nacht schallt: „Ich bin ’ne Karnevalsmaus! Eine was? Und geh’ nie ohne Kölsch aus dem Haus. Ohne was?“ Im engen Gedränge machen die kostümierten Karnevalsmäuse die aus TikTok bekannte Choreo dazu – Generationen übergreifend.
DJ BaLou bringt kölsche Karnevalsstimmung nach Stuttgart
Für den typisch Kölner Sound sorgt DJ BaLou aus Köln. Die Stimmung im Mash erinnere ihn an eine Karnevalsparty in einem Kölner Vorort, hat er mal gesagt: urig, authentisch, ausgelassen. In den Kneipen der Kölner Innenstadt seien oft zu viele Touristen, die nur schauen wollten. Hier dagegen feiere jeder mit.
Ein weiterer Trumpf der Party: Kölsch fließt wie aus einer unerschöpflichen Quelle. Der Kranz mit zehn Gläsern à 0,2 Liter kostet 25 Euro. Abwechselnd geht es an die Theke – sehr zur Freude der in dieser Nacht viel beschäftigten Taxifahrer sowie des benachbarten Hotels Maritim, in dem manche Narren gegen vier Uhr morgens in die Betten fallen.
Für eine Nacht quiecken in Stuttgart lauter Karnevalsmäuse
Mindestens ebenso originell wie die Musik sind die Kostüme. Cliquen treten oft einheitlich kostümiert an, etwa als grüne Männchen oder Weibchen, dazwischen Giraffen, 70er-Jahre-Lampen, Pilze, Blumentöpfe, ein Rudi Völler, der im wahren Leben Sprecher eines Ministers ist, Ärzte, Astronauten oder Banditen. Die Leichtigkeit des Feierns steckt an. Es ist laut. Doch man kommt schnell miteinander ins Gespräch, sofern man etwas versteht oder draußen feiert. Für eine Nacht sind Krisen, Kriege und Klimanotstände vergessen, sofern es noch genügend Kölsch gibt. Für eine Nacht sind wir alle Karnevalsmäuse.
So unterschiedlich Rhein und Nesenbach auch plätschern mögen – gefeiert wird da wie dort mit vollem Elan. In dieser Nacht schlägt Stuttgarts Herz mindestens so bunt und laut wie in Kölle Alaaf. Und wenn immer mehr Stuttgarter die Party der Rheingeschmeckten entdecken, muss am Ende wohl noch eine größere Location her.