Abschied nach 19 Jahren als Schulleiter: Kai Buschmann Foto:  

Er ist der Sprecher der Stuttgarter Privatschulen. Die laufende Schulreform im Land hält er für falsch. Nun geht Kai Buschmann, lange Jahre Leiter der Waldschule, in Ruhestand.

Fast zwei Jahrzehnte ist Kai Buschmann Leiter der privaten Waldschule in Degerloch gewesen. Nun geht er in den Ruhestand. Buschmann hält die laufende Schulreform im Land für verfehlt, Privatschulen werden nach seiner Ansicht davon profitieren.

Herr Buschmann, Sie sind Sprecher der Stuttgarter Privatschulen. Die haben in den zurückliegenden Jahrzehnten einen merklichen Aufschwung erlebt.

Im Schuljahr 2023/24 hatten die Privatschulen in Stuttgart 10 865 von insgesamt 58 431 Schülern, das ist ein Anteil von 18,6 Prozent. Zehn Jahre davor lag dieser Wert bei 14,5 Prozent, vor drei Jahrzehnten bei 12,8 Prozent.

Das ist ein vergleichsweise sehr hoher Anteil. Was macht Stuttgart zu einem so guten Nährboden für Privatschulen?

Erst mal ist Stuttgart die Mutterstadt der Waldorfschulen. Die machen ein Viertel der Privatschulen aus. Dann gibt es die Tradition der kirchlichen Schulen, die die Aufgabe haben, in die Region zu wirken. Die konfessionellen Schulen haben eine hohe Einpendlerquote. Aber auch die anderen Privatschulen haben schon eine lange Tradition in Stuttgart.

Welche Rolle haben die Privatschulen in unserem Bildungssystem?

Sie sind aus meiner Sicht Innovatoren. Die Privatschulen sind durch Defizite des staatlichen Schulwesens entstanden. Die Waldschule zum Beispiel vor 153 Jahren als Mädchenschule. Das Bürgertum hier wollte auch den Töchtern eine höhere Bildung ermöglichen. 1954, also relativ früh, wurde bei uns die Koedukation eingeführt, seither ist die Waldschule auch Ganztagsschule, die erste in Stuttgart. Das staatliche Schulsystem hat ein recht grobes Raster. Damit kann man 70 bis maximal 90 Prozent der Schüler erfassen, aber es gibt unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Begabungen und Entwicklungen. Die kommen nicht alle im staatlichen Schulsystem zurecht.

Den stärksten Aufschwung haben zuletzt die privaten Realschulen erlebt.

Das hatte mit der Bildungsreform unter Rot-grün zutun, mit der Einführung der Gemeinschaftsschule und der Auflösung der Hauptschule. Realschulen wurden damals entweder zu Gemeinschaftsschulen, meist unter großem Widerstand, oder man kann dort heute auch den Hauptschulabschluss machen. Die Schülerschaft ist dadurch sehr disparat geworden. Teilweise arbeiten dort heute 50 bis 60 Prozent der Schüler auf den Hauptschulabschluss hin. Das hat der Realschule in den großen Städten sehr geschadet. Unsere 1985 gegründete Realschule wurde 2007 mit dem Ziel neu konzipiert, dass die Schüler im Anschluss die Möglichkeit haben, auf den Realschulaufsetzer zu gehen und das Abitur zu machen. Deshalb haben wir eine leistungsstarke Realschule. Das haben andere Privatschulen dann auch gemacht.

Wie wird sich die laufende Schulreform – wieder verbindliche Grundschulempfehlung, Rückkehr zu G9, Abschaffung des Werkrealabschlusses – auf die Privatschulen auswirken?

Wir haben einen sehr starken Bewerberzuwachs auf die Realschule gehabt in diesem Jahr. Bei den Gymnasien muss man abwarten. Ich sehe die Stundentafel beim neuen G9 sehr kritisch. Der Staat hat in den Hauptfächern einfach eine Stundenstreckung gemacht. Man hat ein Schuljahr mehr, es ist aber nicht mehr Geld da, um ein ganzes Jahr mehr Unterricht zu machen. Also sind Mathe, Deutsch, Englisch, Französisch und die Profilfächer ab Klasse acht sehr häufig von vierstündigen zu dreistündigen Fächern in der Woche geworden. Durch viele Ausfallzeiten werden die Fächer zukünftig dann nur zweistündig in der Woche unterrichtet. Das wird man in Mathe, Deutsch und Englisch garantiert merken nach ein paar Jahren. Da hat sich die Schulpolitik aus finanziellen Gründen ein Ei gelegt.

Die Rückkehr zu G9 ist aus Ihrer Sicht ein Fehler?

Die Rückkehr zu G9 ist eine politische Fehlentscheidung aufgrund eines nicht zu Ende gedachten Elterndrucks. Die Kosten, die ab 2030 doch am Gymnasium entstehen, hätten an anderen Stellen des Bildungssystems mehr Effekt gehabt – mehr Personal in der Grundschule, mehr Einsatz im beruflichen Schulsystem. Aber wir als Waldschule müssen da mitgehen, sonst hätte es geheißen, wir seien eine Selektionsschule. Wir sind aber eine Potenzialentwicklungsschule. Auf die Strecke werden die Privatschulen davon profitieren.

Die Privatschulen gehen doch auch zurück zu G9.

Unsere Eltern gehören nicht so zu der Gruppe, die weniger Nachmittagsunterricht will. Wenn die Privatschulen, von denen die meisten ohnehin als Ganztagsschulen konzipiert sind, klar sagen, wir bieten Mathe wieder vierstündig, wäre das ein enormer Vorteil.

Woher nehmen Sie das Geld für mehr Lehrerstunden?

Wir haben in der fünften und sechsten Klasse weiter eine Ganztagsschule mit Unterricht an zwei Nachmittagen. In diesen Klassen ist es wichtig, die Basics zu vermitteln. Ich darf ja mehr machen, wenn ich das finanzieren kann. Ich denke, das wird kommen. In den Klassen fünf und sechs machen wir auf jeden Fall mehr. Gerade in Mathe, da sind die Leistungen landesweit in exponentiellem Verfall. Da fehlen die Basics. Früher hat man noch in der Familie geübt, aber das wird heute zuhause nicht mehr geleistet. Deshalb braucht es wieder mehr Übung gerade in Mathe in der Schule. Wenn Mathe gestreckt wird, ist das tödlich.

Wir haben viel von Pädagogik gesprochen. Entscheiden sich Eltern nicht auch für eine Privatschule, weil dort eine Selektion über den Geldbeutel stattfindet?

Es ist klar, dass wir eine etwas verschobene Sozialstruktur haben, weil wir Schulgeld nehmen. Das Land übernimmt 80 Prozent der Kosten, die ein Schüler im staatlichen System erzeugt, als Zuschuss für die Privatschulen. An der Waldschule sind das faktisch 50 Prozent der Kosten, weil wir kleine Klassen haben und der Personalschlüssel höher ist. Aber wir haben einkommensabhängige Gebühren. Eine Schulgebühr von maximal fünf Prozent des Haushaltseinkommen, das ist vom Land gedeckelt, wirkt natürlich sozial segregativ. Durch die soziale Staffelung starten Familien aber mit niedrigem Einkommen bei 35 Euro. In Stufen steigt die Gebühr bis 375 Euro bei 80 000 Euro Einkommen. 17 Prozent unserer Schüler zahlen ermäßigte Gebühren, zum Teil sehr ermäßigt. Diese Durchmischung tut den Schülern gut. Aber klar ist: Wir sind ein Wirtschaftsbetrieb. 15 bis 20 Prozent dieser Gruppe von Schülern können wir finanziell tragen. Wenn wir 50 Prozent Schüler mit ermäßigten Gebühren hätten, dann hätten wir ein Problem.

Wie steht die Politik zu den Privatschulen?

Es war immer ein hartes Ringen mit dem Land um die Privatschulzuschüsse. Mit der 80-Prozent-Förderung, die dynamisiert ist, wurde vor einigen Jahren ein Durchbruch erzielt. Für das Land ist das immer noch ein Sparmodell. Ich habe immer dafür geworben, dass beide, die staatlichen und die privaten Schulen, ihren Platz haben. Ich will das staatliche Schulsystem nicht kannibalisieren. Ich wollte nie ein angelsächsisches System. Dort gehen 20 bis 25 Prozent der Schüler auf Privatschulen, grob doppelt so viele wie in Deutschland. Unser ergänzendes, Vielfalt bildendes, innovatives System der Privatschulen im Verhältnis 20 zu 80 zu den staatlichen Schulen ist ideal. Wichtig ist mir, dass es weiterhin Wechsel der Lehrkräfte zwischen dem staatlichen und dem privaten System gibt. Da werden in der Kultusverwaltung zunehmend Barrieren aufgebaut. Das ist nicht gut.

Man hat den Eindruck, dass die Privatschulen in Stuttgart nicht mehr so zulegen.

Nach stetigen Steigerungen sehen wir seit drei, vier Jahren eine Seitwärtsbewegung. Neugründungen und die Erweiterung von Zügen sind weniger geworden. Die Privatschulen sind ausgelastet und können gar nicht mehr aufnehmen. Ich glaube, dass ein Markt dafür da wäre. Aber die Frage ist: Wie komme ich hier in Stuttgart an ein Grundstück? Und wie kann ich das finanzieren? Vielleicht werden mal Schulen in leer stehenden Büros eingerichtet, wie das Galileo Bildungshaus am Olgaeck, das funktioniert. Aber man braucht auch einen Schulhof, eine Sporthalle. Das ist in einer Stadt wie Stuttgart nicht so einfach.

Pädagoge und Regionalpolitiker

Leben
Kai Buschmann wird bald 62 Jahre alt. Seit 19 Jahren ist er nun Schulleiter an der privaten Waldschule in Degerloch. Sie hat 861 Schüler. Buschmann hat Geschichte, evangelische Religion und Philosophie studiert. Berufsbegleitend hat er sich in Wirtschaft qualifiziert und dieses Fach in Baden-Württemberg mit eingeführt. Er ist verheiratet und hat eine erwachsene Tochter. Seit dem Zusammenschluss der Stuttgarter Schulen in freier Trägerschaft im Jahr 2009, ist Kai Buschmann ihr Sprecher.

Engagement
Buschmann ist seit Langem auch politisch aktiv. Seit 21 Jahren ist das FDP-Mitglied Stadtrat in Remseck am Neckar, seit 16 Jahren Regionalrat im Verband Region Stuttgart, seit 13 Jahren dort FDP-Fraktionsvorsitzender. Mit Freunden hat er 2021 einen Trägerverein für den Erhalt einer ehemaligen Synagoge gegründet. Der Verein Beth Shalom, Haus des Friedens, Verein für Erinnerungs- und Friedensarbeit, hat dort auch ein Kulturzentrum ins Leben gerufen.

Nachfolge
Kai Buschmann wird am Freitag, 11. Juli, offiziell verabschiedet. Seine Nachfolge tritt Karin Schneider an, seine bisherige Stellvertreterin.

Privatschulen
In Stuttgart gibt es insgesamt 20 private allgemeinbildende Schulen, zumeist Verbundschulen, die Klassen in 47 Schularten anbieten: acht Grundschulen, drei Werkrealschulen, fünf Realschulen, acht Gymnasien, drei SBBZ, eine Gemeinschaftsschule, vier Waldorfschulen und 14 Berufliche Schulen; dazu die International School of Stuttgart.