DJ Alle Farben alias Frans Zimmer feierte die heftigste Party des CSD. Foto: ubo - ubo

Rund 200 000 Zuschauer – so viele wie nie zuvor – wollten die grellbunte Parade zum Christopher Street Day in Stuttgart sehen. Eindrucksvoll demonstrierten die Akteure für Vielfalt – in jeder Hinsicht.

StuttgartDass man sich dort viel freier fühle. Das sagen alle, mit denen man spricht. Zigtausende haben am Samstag bei der Parade zum Christopher Street Day (CSD) durch die Stuttgarter Innenstadt teilgenommen. 94 Formationen mit etwa 7000 Teilnehmern waren beim großen Umzug für (nicht nur) sexuelle Vielfalt und Diversity dabei – ein Rekord. Die Veranstalter hatten im Voraus mit 175 000 Zuschauern gerechnet. Laut Stuttgarter Polizei wurde dies getoppt. Am Sonntag teilte sie mit, dass etwa 200 000 Menschen der Parade zugeschaut hätten. Und es sei, so die Polizei, ruhig geblieben.

Die Botschaften der handgeschriebenen Plakate sind bunt. „Fuck yourself, not the planet“ ist zu lesen. Oder: „Homophobie ist voll schwul“ und „Lieber CSD als AfD“. Zwischen dem vergnügten Partyvolk sind ältere Menschen zu sehen, die dem fröhlichen Treiben nicht unbedingt kritisch folgen, aber reserviert.

Beim CSD sind traditionell extrem aufwendige und teils schrille Kostüme zu sehen: Da gibt es etwa Personen, die sich als Klavier oder als Wattestäbchen verkleiden. Außerdem zahlreiche bunt geschmückte Engel, jede Menge Glitzer sowie einige Personen in Lederkluft, teils auch mit Tiermasken.

Martin Kuhn und Frede Ferreira, die vor dem Gerber-Einkaufszentrum stehen, sind indes ganz unauffällig angezogen: T-Shirt und kurze Hose. Die beiden Männer aus Metzingen wollen im September dieses Jahres heiraten. „Wir haben uns bei der Arbeit kennengelernt. Zum Glück sind unsere Geschäftsführer sehr tolerant.“ Trotzdem halten sie es für wichtig, beim CSD ein Zeichen zu setzen, denn noch immer gebe es keine absolute Gleichberechtigung von Homosexuellen und Diversen.

Im Anschluss an die rund dreistündige, kunterbunte und fröhliche Parade wird es bei der Kundgebung auf dem Schlossplatz kurz ernst. Christoph Michl, der Geschäftsführer der Interessengemeinschaft CSD, betont, dass „der Kampf für Vielfalt noch längst nicht vorbei“ sei. „In Zeiten von Populismus und Nationalismus versuchen uns Menschen, das Erreichte wieder wegzunehmen.“ Außerdem müsse das Transsexuellengesetz dringend angepasst werden, fordert Ronja Böhringer, die selbst transsexuell ist: „Länder wie Irland, Malta und sogar Pakistan haben fortschrittlichere Transsexuellengesetze.“ Sie forderte zudem ein Verbot der sogenannten Konversionstherapien zur sexuellen Umorientierung von Homosexuellen. Auch Operationen sollten erst dann vorgenommen werden dürfen, wenn man sich selbst entscheiden könne, in welchem Geschlecht man leben will.

Unmittelbar nachdem die Kundgebung zu Ende ist, folgt ein Wolkenbruch. Die Tausenden Besucher stört dies allerdings wenig: Sie tanzen auf dem Schillerplatz weiter im Regen. Noch bis Sonntagabend wurde rund um den Markt- und Schillerplatz in der Innenstadt die CSD-Hocketse gefeiert. Dabei legten mehrere DJs auf, unter anderem die aus Belgien stammende Dance-Sängerin Kate Ryan.

Der diesjährige Christopher Street Day fand 50 Jahre nach den Stonewall-Revolten in der Christopher Street in New York statt. Damals wurde der Grundstein für Gleichberechtigung und Akzeptanz gelegt. Zehn Jahre später zog Stuttgart nach; 1979 gab es in der Landeshauptstadt erstmals einen sogenannten Homo­befreiungstag. Deshalb sollte in diesem besonderen Jahr auch keine Partei die Schirmherrschaft über den CSD übernehmen, wie sonst üblich. Stattdessen teilten sich die Schirmherrschaft sechs Stuttgarter Kulturinstitutionen, die in den vergangenen Jahren Zeichen für Vielfalt gesetzt haben.

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