Quelle: Unbekannt

Die Geschichte einer jungen Frau, die sich in die Psychiatrie einliefern lässt und sich mehr und mehr als „unzuverlässige Erzählerin“ erweist, hat das Esslinger LesART-Publikum fasziniert.

EsslingenSelten hat eine LesART mit so viel Prominenz aufgewartet wie diese. Doch es sind nicht nur die großen Namen, die den Reiz der Esslinger Literaturtage ausmachen. Nicht minder wichtig sind Publikum und Veranstaltern die literarischen Entdeckungen – Autorinnen und Autoren wie Angela Lehner. Die 32-jährige Kärntnerin zählt zu den faszinierendsten Stimmen der jüngeren deutschsprachigen Literatur – mit ihrem Debütroman „Vater unser“ wurde sie für den Deutschen und den Österreichischen Buchpreis nominiert. Nun hat sie dem Festival eine Sternstunde beschert, die daran erinnerte, wie reizvoll die Literatur doch ist.

Man könnte ein bleischweres und deprimierendes Buch und eine zutiefst ernste Autorin erwarten, wenn man nur oberflächlich den Klappentext von „Vater unser“ (Hanser-Verlag, 22 Euro) liest: „Die Polizei hat sie hergebracht, in die psychiatrische Abteilung eines alten Wiener Spitals. Nun erzählt sie dem Chefpsychiater Doktor Korb, warum es so kommen musste. Sie spricht vom Aufwachsen in der erzkatholischen Kärntner Dorfidylle. Vom Zusammenleben mit den Eltern und ihrem jüngeren Bruder Bernhard, der seit langem krank ist. Auf den Vater allerdings ist sie nicht gut zu sprechen. Töten will sie ihn am liebsten. Das behauptet Eva Gruber zumindest.“ So weit, so klar – oder auch nicht. Denn diese Eva Gruber ist das, was man als „unzuverlässige Erzählerin“ bezeichnet. Man hört ihr zu, macht sich ein Bild, und kaum hat man sich auf ihre vermeintliche Wahrheit eingelassen, wartet schon die nächste Überraschung, die der Geschichte eine unverhoffte Wendung gibt. Und wenn man dieses Buch nach fast 290 Seiten aus der Hand legt, bleibt das Gefühl, dass man die Wahrheit vielleicht noch immer nicht kennt.

Die Lektüre dieser 290 Seiten vergeht wie im Flug. Denn Eva Gruber, mit der uns Angela Lehner da bekannt macht, versteht es vorzüglich, die Leser ein ums andere Mal auf falsche Fährten zu locken. Hat sie allen Ernstes eine ganze Kindergartengruppe erschossen, um in dieselbe Klinik eingeliefert zu werden, in der ihr Bruder, um den sie sich angeblich so fürsorglich kümmert, wegen Magersucht behandelt wird? Was hat es mit dem Hass auf ihren Vater auf sich? Missbrauch? Und hat Eva ihr Leben (und das Krankenhaus-Personal, mit dem sie ein Katz-und-Maus-Spiel nach ihren eigenen Regeln zu spielen glaubt) wirklich so sicher im Griff, wie sie den Leser in dem ihr eigenen Erzählton glauben machen will? Mit jeder weiteren Passage verändert sich das sicher geglaubte Bild, und eine andere Wahrheit gewinnt Konturen.

Dazu passt jener leichte, selbstgefällige und oft ziemlich rotzige Ton, den die Autorin ihre Erzählerin anschlagen lässt. Und kaum ein Leser dürfte ahnen, wie viel schriftstellerische Arbeit hinter alledem steckt. Denn Angela Lehner schreibt akribisch, wägt jedes Wort sorgfältig ab und arbeitet immer und immer wieder an ihren Texten, die sie wohl nur ungern aus der Hand gibt, weil man alles immer noch ein bisschen besser machen könnte. „Ich bin als Autorin nicht besonders streichelzart“, verrät sie mit Blick auf ihren Verlag, der erleben durfte und manchmal auch musste, wie akribisch Angela Lehner arbeitet.

Doch die Mühe hat sich gelohnt. Es ist faszinierend, diesen wunderbaren Roman zu lesen, der so wohltuend anders ist als vieles, was der Buchmarkt in die Regale spült. Und es ist ein Vergnügen, der Kärntnerin zuzuhören, wenn sie mit der Moderatorin Julia Lutzeyer über ihr Buch plaudert. Da begegnet man einer wohltuend unprätentiösen, humorvollen und blitzgescheiten jungen Autorin, die als Entdeckung zur LesART kam und die bald zu den großen Namen im Programm der Esslinger Literaturtage gehören könnte.

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