Skizirkus und Menschenmassen sucht man in dieser Ecke des Tiroler Oberlandes vergeblich. Dafür gibt es Ruhe und Natur pur. :l Foto: oto/b

Im südlichsten Zipfel von Tirol lockt das Dorf Pfunds ganz ohne Skilifte Familien und Naturfreunde mit einem weißen Hirsch und alternativen Wintervergnügen – das geht manchmal sogar ohne Smartphone.

Pfunds - Manchmal nehmen Skifahrer oben am Berg die falsche Abfahrt. „Die erkennen wir sofort“, sagt Elisa Thöni in der Tourist-Info im Dorfzentrum von Pfunds. Die Gemeinde am Oberlauf des Inn im Tiroler Oberland ist schließlich ganz anders als ihre Nachbarn Ischgl und Samnaun auf der anderen Seite der Berge.

Skizirkus und Après-Ski sucht man hier vergeblich. In den tief verschneiten Wäldern ringsum stört kein einziger Lift. Vor 50 Jahren habe das Geld dafür gefehlt, erzählen die Älteren im Dorf. Während die Nachbarn sich zu wohlhabenden Zentren des Wintertourismus mauserten, blieb in Pfunds alles beim Alten. „Und jetzt is’ eh so“, sagt Elisa. Soll heißen: Lifte baut in Pfunds heute niemand mehr.

An die Spitze einer neuen Avantgarde

Mit einem neuen Konzept setzen sich die 2600 Einwohner der Alpen-Gemeinde stattdessen an die Spitze einer neuen Avantgarde. „Spür dich Winter“, heißt es grammatikalisch etwas heikel und es lockt zu Wintererlebnissen jenseits der Pisten. Inzwischen haben sich auch die Nachbardörfer angeschlossen.

Elisas Bruder Andreas Thöni nimmt Gäste als Wanderführer mit ins Hochtal auf der anderen Seite des Flusses. Bevor es auf Schneeschuhen losgeht, müssen alle die Smartphones abgeben. „Sie haben sowieso keinen Empfang, falls Sie das tröstet“, sagt Thöni. „Digital Detox“ soll auch den Städtern die Einzigartigkeit der Alpen näher- und sie auf neue Gedanken bringen.

Die Pfundser Tschey, 400 Meter über dem Inn gelegen, wird seit Jahrhunderten als Sommerwiese und Herbstweide für das Vieh genutzt. Rund 100 Eigentümer haben dort noch heute einen Heustadel und ein Kochhaus stehen. Die jährliche Mahd ist Pflicht, und die Partys der Dorfjugend sind legendär.

Helfende Hände sind willkommen

Jetzt im Winter stehen allerdings nur zwei Autos an der Straße vor dem Wendekreisel. In der Nacht hat frischer Schnee alle Spuren verdeckt. Mühsam stapft Andreas einen Pfad in das fluffige Weiß. „Jeder muss seinen Rhythmus finden“, erzählt er. Viele versänken dabei ganz in sich selbst.

Leicht kann man sich in dieser Abgeschiedenheit vorstellen, wie auf den Höfen der Umgebung noch vor wenigen Jahrzehnten fast alles von Hand erledigt wurde. Kinder waren damals vor allem als helfende Hände willkommen, erzählt Andreas. Statt im Sommer ins Schwimmbad ging es auf die Alm zur Heuernte. Selbst der Tiroler Landeshauptmann fand die Landwirtschaft wichtiger als Mathematik und Englisch und hob die Schulpflicht für den ältesten Jahrgang auf.

Niemand mag nach dieser Geschichte noch über ein fehlendes Mobilfunknetz jammern. Zur Erinnerung macht Andreas – bewusst old school – ein Polaroid-Foto gleich zum Mitnehmen. Und mit der Natur kennt er sich aus: Bei einer Rast schenkt der Bergführer selbst gemachten Wintersaft mit Holunder, Preiselbeeren und Berberitze aus der Thermosflasche aus. Gut gegen Erkältung sei der – vor allem mit einem ahornroten Zirbenschnaps aus dem Flachmann hinterher. „Den braut sich hier jeder selbst“, verrät Andreas.

Punsch am Feuer vor dem Haus statt Facebook

Auch in seinem familiären Berggasthof mit zehn Zimmern an der Zufahrtsstraße zur Tschey setzen Andreas und sein Bruder Toni auf Regionales. Die Frühstückseier kommen von eigenen Hühnern, das Lammkarree von eigenen Schafen, das Brot vom Nachbarn. Butter und Käse von der „Leasing-Kuh“ holt Toni sommers mit dem Mountainbike direkt von der Alm. Abends bitten die Thönis ihre Hausgäste anstelle von Facebook und Whatsapp zum gemeinsamen Punsch ans Feuer vor dem Haus. Im Haus warten Schach und andere Spiele.

Und an den nächsten Tagen locken weitere Ausflüge. Pfunds liegt schließlich ganz im Südzipfel Tirols im Dreiländereck mit Italien und der Schweiz. Schon um die Zeitenwende führten die Römer ihre Via Claudia Augusta ein Stück am Inn entlang zum Alpenübergang am Reschenpass hinauf – heute eine beliebte Fernwanderroute von Augsburg nach Verona.

Direkt an der Schweizer Grenze liegt unterhalb der Hauptstraße an die schroffen Felsen des Inntals gepresst die Zollburg Altfinstermünz. „Finstermintsja“ heißt „dunkler, schroffer Fels“. Seit 2011 hat ein Verein die Burganlage wieder für Besucher geöffnet, erzählt Wanderführerin Gisela.

Entspannte Zusammenarbeit im Dreiländereck

Inzwischen ist die Zusammenarbeit im Dreiländereck trotz EU-Außengrenze entspannt. Ein Kaffee in Meran oder ein Stück Nusstorte in St. Moritz liegen jeweils nur eine Autostunde entfernt. Aber viel besser als eine Autofahrt sei doch noch ein Abstecher in die Berge, findet Jörg Hueber.

Der Landwirt aus Pfunds möchte am Feichtl oberhalb des Dorfs noch einen besonderen Waldbewohner vorstellen. Durch tief verschneiten Kiefernwald stiefelt Hueber aufwärts, für den Rückweg einen Schlitten im Schlepptau. Der Weg ist schweißtreibend. Aber wer ihn bis zum Ende geht, der wird mit einem unvergesslichen Panoramablick bis hin zur 3900 Meter hohen Ortler-Gruppe in Südtirol belohnt.

Hansi wartet dagegen schon auf halber Strecke. Der weiße Hirsch ist der ungekrönte Star in Huebers Wildgehege. Stolz und auch etwas scheu schreitet Hansi zur Fütterung mit alten Brötchen und streckt den Fotografen auch mal die Zunge raus. Und auf dem Rückweg geht es mit dem Rodel so flott abwärts, dass man diesmal gar keinen Zirbenschnaps braucht, um mitten in den Bergen ein bisschen seekrank zu werden.

Info: Anreise

Mit dem Zug bis Landeck. Von dort weiter mit dem Bus oder Taxi nach Pfunds, z. B. mit Engelberts Taxi für ca. 160 Euro pro Tour (www.serfaus-fiss-ladis-taxi.at).

Unterkunft

Das Gasthaus Berghof liegt auf 1400 Metern und bietet Zimmer mit viel Echtholz und auf Wunsch ohne TV, regionale Küche teils exklusiv für Hotelgäste, DZ für mindestens 3 Nächte mit Halbpension ab 75 Euro pro Tag, www.berghof-pfunds.com. Das Hotel Kreuz mitten im Dorfzentrum hat einen schönen Flussblick und eine Außensauna. Das DZ kostet mit Frühstück und Nachmittagsjause ab 53 Euro.

Aktivitäten

Geführte Schneeschuhwandungen durch das Hochtal Pfundser Tschey gibt es immer donnerstags (bis 21. 4. 22). Dauer: 4,5 Stunden, 27 Euro, Kinder zahlen 14 Euro.Spür dich Winter: Mit der Winter.Wander.Karte für 45 Euro (Kinder 6–14 Jahre 20 Euro) sind vier geführte Wanderungen, Eislaufen, 1 x Eisklettern, 1 x Rodelverleih und der Winter.Wander.Bus mittwochs zum Naturpark Kaunergrat, donnerstags in die Tschey und freitags auf den Kobl inklusive. Die Gästekarte ist erhältlich in den Info-Büros des örtlichen Tourismusverbands in Pfunds, Ried und Prutz, www.tiroler-oberland.com.

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