Eine Reise ins Herz des Schwarzwalds zu Weltklassemanufakturen, Uhrmacherstuben und tickenden Souvenirs.
Furtwangen - „Kuckuck, Kuckuck“. Das ist eigentlich schon zu viel Schwarzwald-Klischee: Das Erste, was der Besucher beim Betreten des Deutschen Uhrenmuseums in Furtwangen hört, ist der Schrei vieler kleiner Vögel. Sie wohnen in Häuschen, die mit unzähligen feinen Schnitzereien verziert sind und zu Dutzenden an einer Wand des Museums hängen. Nicht zu überhören – oder gar zu übersehen – ist auch der Riesenkuckuck, der ein paar Treppenstufen hoch auf einem Podest thront und im Viertelstundentakt den Schnabel aufreißt.
Die Kuckucksuhr gehört neben Bollenhut und Kirschtorte zu den Symbolen, die den Schwarzwald weltweit bekannt gemacht haben. Doch in Sachen Uhren hat die Region noch mehr zu bieten. Schließlich zählten Schwarzwälder Unternehmen wie Kienzle, Mauthe oder Junghans einmal zu den führenden Uhrenherstellern der Welt.
Wer sich auf Zeitreise begeben will, folgt der „Deutschen Uhrenstraße“. Der etwa 300 Kilometer lange Rundkurs führt durch den Mittleren und Südlichen Schwarzwald, streift die Hochebene in Richtung Schwäbische Alb und reicht fast hinunter bis ins Rheintal. Unterwegs passiert der Suchende Museen, Fabriken und Sehenswürdigkeiten, die alle eng mit der Geschichte der Schwarzwalduhr verknüpft sind.
Geschichte der Schwarzwalduhr
Furtwangen nordöstlich von Freiburg war einst Sitz der Großherzoglich Badischen Uhrmacherschule. Etwa 1200 Zeitmesser hat das dortige Museum ausgestellt, mehr als sechsmal so viele lagern unsichtbar im Depot. Uhren groß wie Wandschränke, fast lautlos tickende Taschenuhren, Kirchturmuhren, vergoldete Exemplare, Musikuhren, mit dröhnenden Melodien und sich im Takt drehenden Figuren.
Die Geschichte der Schwarzwalduhr beginnt vor ungefähr 300 Jahren. Das älteste Exemplar des Museums ist ein einfacher Kasten mit offen liegenden Zahnrädern, auf den ersten Blick kaum als Uhr zu erkennen. Hand in Hand mit den Uhrmachern arbeiteten Kettenmacher, Schildermaler, Glockengießer und andere Zulieferer. Weil sich viele spezialisierte Handwerker die Arbeit teilten, konnten sie Uhren zu unschlagbaren Preisen herstellen, die auch für einfache Leute erschwinglich waren. Um 1840 machten Holzuhren „made in Schwarzwald“ einen Großteil der Weltproduktion aus.
Junghans – ein Name mit Klang
Zu den großen Namen, die man mit Uhren aus der Region verbindet, zählt Junghans. Der in Schramberg am Ostrand des Mittleren Schwarzwalds ansässige Hersteller von Luxusuhren orientierte sich zunächst an amerikanischen Uhrwerken. Statt Holzuhren überschwemmten nun Wecker aus Metall den Markt – mit Erfolg. Anfang des 20. Jahrhunderts war Junghans zeitweise die größte Uhrenfabrik der Welt.
In einer ehemaligen Produktionsstätte neben dem Fabrikgebäude ist heute das Junghans Terrassenbau Museum untergebracht. Und wann kommt endlich der Kuckuck ins Spiel? Die „Deutsche Uhrenstraße“ führt in rund 20 Minuten von Furtwangen über Schönwald weiter nach Schonach, gelegen in einem schönen Hochtal im Mittleren Schwarzwald.
Kuckucksuhr XXL
Unterwegs passiert man dunkle Nadelwälder, kleine Bachläufe und einsam stehende Bauernhöfe mit den typischen, weit herabgezogenen Walmdächern. Schonach gilt als handwerkliches Zentrum der Kuckucksuhr. Hier war es auch, wo Ende der 1970er Jahre eine Uhr in Rekordformat entstand. Der Uhrmacher Josef Dold baute dem Vogel ein ganzes Haus, eine Kuckucksuhr XXL in 50-facher Vergrößerung.
Das Ziffernblatt ziert die Fassade, im Innern zeigt sich das mehr als drei Meter hohe, handgefertigte Uhrwerk. Gegen eine kleine Gebühr kann man eintreten und sich ansehen, wie die Räder ineinandergreifen. Lange stand Dold mit der weltgrößten Kuckucksuhr im Guinness-Buch der Rekorde, bis Uhrmachermeister im Nachbarort Triberg ein noch größeres Exemplar hinstellten.
Ein Stück Handwerkskunst
Komplett handgefertigt werden Kuckucksuhren bis heute im Schonacher Familienbetrieb „Robert Herr Kuckucksuhren“ nur wenige Fahrminuten vom Rekord-Kuckucksuhren-Haus entfernt. Der Boden der Werkstatt ist übersät mit feinen Lindenholzspänen. Wände, Tische und Regale sind bedeckt von Uhren in verschiedenen Stadien der Fertigstellung. Geschnitzte Tannen, Hirsche, Adler und Hasen fallen ins Auge. Christophe Herr beugt sich gerade über die Front einer Uhr. Früher stand er neben seinem Vater und Großvater an der Werkbank. Inzwischen arbeitet der Holzbildhauer allein, ein Nachfolger ist nicht in Sicht.
„Eine Kuckucksuhr ist kein Souvenir, sondern ein Stück Handwerkskunst“, sagt er. Wenn man mit dem Finger über die Uhrenfront fährt, spürt man die feinen Kerben, die sein Schnitzwerkzeug hinterlassen hat. Der Uhrenhersteller Kienzle hatte die pfeifenden Vögel bereits abgeschrieben.
„Der Kuckuck ist tot“, verkündete Kienzle 1975 in einer Anzeige. Die Glanzzeiten der Schwarzwalduhren waren da lange vorbei. Quarzuhren revolutionierten den Markt und verdrängten mechanische Werke. Sie konnten vollautomatisch hergestellt werden und kosteten nur noch einen Bruchteil. Viele in der Region beheimatete Firmen mussten aufgeben. Ist der Kuckuck tatsächlich tot? Christophe Herr schüttelt den Kopf: „Der Kuckuck in der Uhr bedeutet ein Stück Heimat. Der bleibt.“
Info: Anreise
Für die Schwarzwälder Uhrenindustrie bedeutsame Orte wie Villingen-Schwenningen oder Triberg lassen sich ab Stuttgart auch mit der Bahn erkunden. Mit dem Auto erreicht man Furtwangen über die A 81, Ausfahrt 35 Villingen-Schwenningen.
Unterkunft
Das Höhengasthaus Kolmenhof bei Furtwangen liegt idyllisch auf 1100 Meter Höhe mitten im Naturschutzgebiet des Mittleren Schwarzwaldes, mit Spazier- und Wanderwegen direkt vor der Tür. Restaurant mit Sonnenterrasse, DZ mit Frühstück ab 55 Euro pro Person.Am Ortsrand Tribergs schmiegt sich die Best Western Plus Schwarzwald Residenz an einen Hang. Alle Zimmer haben einen Balkon. Ü/F ab 78 Euro pro Person.Umrahmt von einem Park mit Burgruine residieren Gäste im Schloss Hornberg. Einmal im Monat lockt ein Rittermahl in der Felsengrotte unterm Schloss, DZ mit Frühstücksbüfett ab 47 Euro pro Person.
Aktivitäten
Das Deutsche Uhrenmuseum in Furtwangen ist täglich geöffnet, April bis Oktober von 9 bis 18 Uhr, November bis März von 10 bis 17 Uhr. Eintritt 7 Euro, ermäßigt 5 Euro, Führungen möglich. Das Junghans Terrassenbau Museum in Schramberg hat Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet, Führungen auf Anfrage. Eintritt 8 Euro, Kinder 4 Euro. Die weltgrößte Kuckucksuhr ist so groß wie ein Schwarzwaldhaus und steht in Schonach. Wegen Corona können Museen und Kuckucksuhr vorübergehend geschlossen sein. Christophe Herr bietet auf seiner Website einen virtuellen Rundgang durch seine Werkstatt sowie einen Shop mit seinen Uhren.