Sebastian Kunz leitet das Ulmer Instituts für Rechtsmedizin. In seinem Sektionssaal untersucht er den Tod. Was seinen Beruf für ihn auszeichnet.
Mit einem Viertelstündchen Verspätung erreicht Sebastian Kunz an diesem Mittag seinen Hauptarbeitsplatz, das Institut für Rechtsmedizin auf dem Gelände der Universität Ulm. Er kommt, leicht erhitzt, von einer Leichenschau im Krematorium Ulm: 21 zur Einäscherung bestimmte Körper. Danach blieb ein Verdacht. An einer weiblichen Leiche haften zwei Fentanylpflaster. Die über Telefon kontaktierte Hausärztin der Toten versichert, die Frau sei Schmerzpatientin gewesen. Kunz ist beruhigt.
Wie alle Mitarbeiter und Besucher nimmt auch der Institutsleiter die Treppe bis ganz hinauf in den 5. Stock des Unigebäudes. Es gibt einen Fahrstuhl, der exakt bis zum Vorraum des Sektionssaals mit dem metallenen Tisch im Zentrum reicht. Doch der ist den 150 bis 200 Toten vorbehalten, die im Lauf jedes Jahres von Bestattern angeliefert werden. Das Klischee vom ewigen, neonlichtbeschienenen Kachelkeller, in dem Rechtsmediziner zu Werk gehen, passt hier nicht: Der Blick von den Panoramafenstern aus reicht an klaren Tagen bis zur Alpenkette. Geradezu schön ist es hier, daran ändern auch das wissenschaftliche Gerippe in der Ecke und der ewige Geruch von Desinfektionsmittel nichts.
Ein Ehepaar mit eigenem Podcast
Auch auf den 43 Jahre alten Chef-Rechtsmediziner will so recht kein Stempel passen. Die Gürtelschnalle seiner Jeans weckt Assoziationen an den Kühlergrill eines Rolls Royce, und breit ist auch sein Lächeln. Kunz wirkt weder schrullig noch ulkig wie die Tatort-Filmfiguren Karl-Ludwig Börne oder Joseph Roth - lauter Mordsgeschichten übrigens, sagt Kunz, von denen er nach langen Arbeitstagen keine Lust habe, sie noch in seinen Kopf zu lassen. Aber seiner Außenwelt zugewandt, geradezu medienaffin ist der Professor durchaus. Kunz erzählt seinem eigenen Publikum seine eigenen Storys, zusammen mit seiner Ehefrau, der Rechtsanwältin Tina Kunz. Ihr Apple-Podcast, in dem sie real erlebte Fälle erörtern, heißt „True Crime – Lifehacks“. Das selbst erklärte Motto dieser Dialogrunden: „Von den Toten fürs Leben lernen.“
Kunz versteht das als Aufruf, denn: „Die Rechtsmedizin ist noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Auch der Tod nicht.“ Sein Metier und dessen Wirkung auf die Gesellschaft würden weiterhin „unterschätzt“. Pathologen helfen, Verbrechen aufzuklären, soviel versteht auch der unbedarfte Krimigucker. Und tatsächlich ist die Untersuchung von Leichen auf Gewaltspuren ein wesentlicher Teil der Arbeit. Das Handy des Rechtsmediziners ist auch zugleich Notfalltelefon für Polizisten und Staatsanwälte. Wann immer Kunz kann, eilt er selbst an Tatorte, nicht selten sogar wiederholt. „Wenn man sich nur Fotos ansieht, da täuscht man sich manchmal“, sagt er.
Die Gewaltopferambulanz ist wenig bekannt
Was der öffentlichen Vorstellung aber oft verborgen bleibt, sind die Fälle, bei denen Kunz und seine Kolleginnen helfen, per Leichenschau Unfallhergänge aufzuklären und damit etwa Versicherungsstreitereien zu befrieden. Besonders verweist er auf die Möglichkeit privat veranlasster Sektionen. Gerade erst hat er wieder so einen Auftrag erledigt. Angehörige eines in der Uniklinik verstorbenen Patienten verlangten Gewissheit über die Todesursache.
Die rund zweistündige Privatsektion kostet 1500 Euro, eingeschlossen ist die Arbeit jeweils zweier Ärzte, die schriftliche Dokumentation des Ergebnisses und die Säuberung des Sektionssaals. Fünf bis zehn solcher Aufträge unter Umgehung jeder Staatsanwaltschaft erledigt das Institut derzeit pro Jahr. Wie viele Menschen quäle wohl die Ungewissheit über die Todesursache eines Angehörigen, sinniert Kunz. Er wünschte sich, häufiger helfen zu können.
Helfer verpflichten sich zu strenger Verschwiegenheit
Noch weithin unbekannt ist zudem die vom Institut betriebene Gewaltopferambulanz in der Ulmer Prittwitzstraße, einer Außenstelle des Instituts. Dorthin können, zu festen Sprechzeiten, alle kommen, die Gewalt erfahren haben, „aber sich nicht trauen, zur Polizei zu gehen“, sagt der Professor. Wunden werden hier dokumentiert, die Berichte sind „gerichtsfest“, aber die Helfer verpflichten sich zu strenger Verschwiegenheit. Wer es wünscht, bekommt Vermittlung zu einer Anwaltskanzlei.
Oft trauen sich Geschädigte von häuslicher Gewalt zunächst nicht gleich, etwas gegen ihre Peiniger zu unternehmen. Wunden verheilen, verschwinden, und später vor Gericht steht Aussage gegen Aussage. Die Berichte der Ambulanz können in solchen Fällen ausschlaggebend sein.
Aus der Profisportlerkarriere wurde nichts
Womöglich hätte aus Sebastian Kunz auch ein Profisportler werden können. Er betrieb Judo als Leistungssport, kämpfte für einen Würzburger Verein in der Bundesliga. Aber mit 19 Jahren zerknackte ihm eine Bandscheibe. Immerhin war nun der Weg frei in die Medizin. An dessen Anfang geriet er in München in eine Rechtsvorlesung für Juristen. Im Uni-Hörsaal vor Publikum obduzierte Wolfgang Eisenmenger, schon damals einer der großen Alten der deutschen Rechtsmedizin. Kunz kam zu spät, erinnert er sich, hatte in der Eile nichts zu Mittag gegessen, die Vorboten einer Unterzuckerung wirkten auf die Magengegend, und dann musste er auch noch mit einem der letzten Plätze ganz vorne am Seziertisch Vorlieb nehmen, direkt am Kopfende. Doch während andere Studierende die Augen abwenden mussten, geschah mit Kunz: nichts. „Ich dachte, interessant. Du hast den Magen dafür.“
In Ulm lehrt Kunz längst selbst Studenten die Grundzüge seines Handwerks, erzählt vom Verantwortungsgefühl, das es braucht. Er möchte, „dass man die Leichenschau besser versteht“. Für ihn ist sie eine entscheidende „Schnittstelle vom Leben zum Tod“. Gutachter, Helfer, Tröster, Detektiv, von allem sieht Kunz etwas innerhalb seines Fachs, von dem er sich wünscht, dass sich noch mehr medizinischer Nachwuchs begeisterte und mehr materielle Ausstattung vorhanden wäre. Wer Sebastian Kunz sprechen hört, weiß außerdem: Auch wer täglich mit dem Tod umgeht, kann durchaus ein heiteres Wesen bewahren.