Johannes Fischer schreibt über ein Klassentreffen. Eine kleine Auszeit, in der die Gäste jünger wurden, je länger der Abend dauerte.

EsslingenKlassentreffen! Das erste Mal in meinem Leben. Sollte ich wirklich hingehen? Ja! Ich wollte mich „der Angelegenheit“ stellen. Ganz sachlich ging ich die Risiken durch:

Mit Sicherheit konnte ich davon ausgehen, dass mich niemand (er)kennt und ich niemanden (er)kenne – als Schüler war ich eher schüchtern und unauffällig. Risiko: Ich würde fremdeln. Ich könnte mich fühlen, als sei ich am falschen Ort. Aber da ich das als Journalist oft bin, würde ich wohl damit zurechtkommen.

Was könnte noch passieren? Da ich keine Klassentreffenerfahrungen habe, griff ich auf bekannte Klischees zurück. Mein Haus, mein Auto, mein sonst was – so etwas in der Art würde möglicherweise laufen. In einem Alter, „wo man etwas erreicht haben sollte“, entsteht ein gewisser Rechtfertigungsdruck, so etwas nachweisen zu müssen. (Ein alter Glaube aus dem vergangenen Jahrhundert, der in meiner Generation tatsächlich noch immer lebt.) Und ja, mir sind solche Menschen begegnet, die sich mit der Zeit so etwas wie eine zweite Persönlichkeit zugelegt haben, so eine Art Avatar für andere. Sie performen dann diese erfolgreiche Zweitperson, und erst wenn sie wieder alleine zu Hause sind, kehrt die einsame Wirklichkeit zurück. (In solchen Fällen ist es gut, wenn etwas im Kühlschrank steht, das die Kluft zwischen den beiden Ichs vergessen macht).

Risiko des Abends: Ich würde mich genötigt fühlen, mitzuspielen oder wenigstens anerkennend zu nicken. Wenn ich später nach Hause kommen würde, müsste ich den Spiegel verhängen oder an den Kühlschrank gehen.

Es kam anders. Einige spekulierten tatsächlich, ich gehörte womöglich nicht dazu, hätte mich eingeschlichen. Zu meiner Schande muss ich gestehen: Vermutlich wäre ich sogar zu so etwas in der Lage – undercover, um das Sozialverhaltens der Generation „OK, Boomer“ zu studieren. Aber ich war echt, hatte Detailwissen aus der alten Zeit, und einige Mitschüler erkannten mich dann doch und ich erkannte sie.

Der Abend entwickelte sich schnell zu einem der besseren Sorte: Ich war genau am richtigen Platz! Es wurde viel gefragt und geantwortet. Atmosphärisch lag eine reizvolle Mischung aus Speed- und Blind-Dating in der Luft und kapselte die Gruppe ein. Anekdoten wurden ausgepackt und bildeten den sozialen Kitt zwischen den „Schülern“. Je länger das Klassentreffen dauerte – und er dauerte lange! – umso jünger wurden die Teilnehmer. Irgendwann an diesem Abend war vermutlich jeder mal für Augenblicke 16 oder 17.

Haus, Auto und sonst was spielten keine Rolle. Das Klischee brach schon in den ersten Minuten zusammen. Natürlich ging es viel ums Berufsleben, aber dann doch häufig um Veränderungen und Brüche. Apropos: Auch das zweite große Thema, aus dem unser Leben besteht, Beziehungskram also, gab reichlich Gesprächsstoff her.

Am nächsten Morgen trudelten die ersten Nachrichten in die neu gegründete Messenger-Gruppe ein. Während ich durch die kleinen Texte scrollte, fragte mich meine Tochter, bei der ich übernachtet hatte: „Wie war’s?“ Und ich, noch immer ein wenig der Schüler vom Vorabend, antwortete genauso faktenreich, wie sie es immer getan hatte. Als sie noch Schülerin war und ich, der Vater, sie gefragt hatte, wie die Schule gewesen sei. „Schön.“

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