Im Anzug selbst unter Palmen: Thomas Mann im kalifornischen Exil Foto: dpa/Thomas-Mann-Archiv

Ein grandioses Hörbuch mit Stimmen von 1900 bis 1945 versammelt Grußworte von Sisis Ehemann, warnende Ansprachen von Autor Thomas Mann, Politiker- und Künstlerreden – und erzählt Weltgeschichte eines halben Jahrhunderts.

Stuttgart - Wenn Jahrhundertstimmen deutsche Geschichte von 1900 bis 1945 in Originalaufnahmen dokumentieren, geht das nicht ohne den deutschen Jahrhundertdichter: Thomas Mann. Seine Reden an „Deutsche Hörer!“ waren im März 1941 erstmals zu hören und sind Teil der Produktion „Jahrhundertstimmen“. Der Autor im US-Exil duzt die Hörer vor den Radioapparaten in Nazideutschland, warnt vor „fürchterlich falschen Wegen“. Und vor den Rachegeistern, die das deutsche Volk nach der Niederlage heimsuchen werden.

Doch nicht nur Stimmen zu den Weltkriegen werden hörbar. Erzählt wird auch von alltäglicher Eitelkeit und von Fortschrittsoptimismus. Wer heute zum Urlaub ins All Flüge bucht, hat sich einst vors Mikro gepflanzt und beginnend mit „Hört, hööört hööörrrttt – diese Stimme aus diesem seelenlosen Apparat“ seine Silvesteransprache auf dem Edison Phonographen festgehalten. So wie der Bergwerksbesitzer Adolf von Rechenberg, der seine Worte in der Nacht von 1899 auf 1900 in seiner Villa in Neu Petersheim in der Niederlausitz den überraschten Gästen vorspielte. Er hatte sich einen der raren und teuren, 1887 auf den Markt gebrachten Phonographen geleistet, die Stimmen auf Wachswalzen konservierten.

Wilhelm II. und der Erste Weltkrieg

Die drei MP3-CDs sind chronologisch geordnet. Experten, Historiker sowie Verleger ordnen die Reden ein und informieren über die jeweils aktuelle Weltlage. Wohltuend sind diese Kommentare auch was die Tonqualität betrifft. Denn die Originaldokumente knistern und knattern schon ordentlich. Spaß und Erkenntnis bringt das Zuhören trotzdem.

Erschreckend, wie kriegslüstern, rechthaberisch und martialisch schon lange vor den Nationalsozialisten vor dem Mikrofon agiert wurde – oder berühmte Reden und Schlachtgesänge nachgesprochen und auf Propaganda-Schallplatten verkauft wurden. Nicht immer gleich begabt waren die Machthaber. Erhalten haben sich mehrere Versuche von Wilhelm II., den Beginn des Ersten Weltkriegs als richtig zu rechtfertigen, erst die dritte, nicht mehr so nüchtern klingende Rede wurde fürs Hörarchiv verewigt.

Ein Grußwort von Sisis Ehemann

Radioproduktionen aus der Zeit zwischen den Kriegen sind auch versammelt, man lauscht dem Physiker Albert Einstein und dem Regisseur Max Reinhardt, dem Autor Gerhart Hauptmann und dem Komponisten Arnold Schönberg.

Kurioses findet sich: Wer hat schon den Schuhmacher Wilhelm Voigt, bekannt als „Hauptmann von Köpenick“, je im Original sprechen gehört? Oder den Ehemann von Sisi? Der Kaiser von Österreich, Franz Joseph I., hinterlässt 1903 in Bad Ischl ein etwas aufgeregt steif klingendes Grußwort fürs weltweit erste Phonogrammarchiv auf einem Phonographen.

Plötzlich klingen die über 100 Jahre zurückliegenden Ereignisse wie gestern geschehen: Rittmeister Josef Graf Erbach-Fürstenau, ein Begleiter des 1914 in Sarajevo getöteten Franz Ferdinand, berichtete im Jahr 1945 im Rundfunk, wie der österreichische Thronfolger leblos die Treppen hinaufgetragen und von den Ärzten „der eingetretene Tod“ festgestellt wurde. Derlei Funde machen dieses halbe Jahrhundert zu einem faszinierenden Hörtheater.

Info: Hans Sarkowicz, Ulrich Herbert, Michael Krüger, Christiane Collorio (Hg.): Jahrhundertstimmen 1900–1945. Der Hörverlag. 3 MP3-CDs, 24 Stunden. 60 Euro