Ramon Castellucci ist der Stammkeeper der Stuttgarter Kickers. Foto: Baumann/Julia Rahn

Ramon Castellucci ist zurück im Tor der Stuttgarter Kickers. Im Interview spricht er über seine Verletzung, sein Achtsamkeitstraining, die Rolle des Trainers, und er erklärt, warum es eine Herausforderung ist, bei den Blauen zwischen den Pfosten zu stehen.

Die Stuttgarter Kickers empfangen am kommenden Samstag (14 Uhr/Gazi-Stadion) in der Fußball-Oberliga den 1. FC Rielasingen-Arlen. Von der Papierform her ist dies die leichteste Aufgabe der nächsten Wochen, die brisante Spiele mit sich bringen. Torwart Ramon Castellucci (25) schätzt seine persönliche Lage und die der Mannschaft ein.

Herr Castellucci, wie hat sich Ihr Comeback beim Spiel in Offenburg angefühlt?

Das war ziemlich unaufgeregt. Erst einmal habe ich ja nicht so sehr lange pausieren müssen, es waren gerade einmal fünf Spiele. Und dann nahm das Spiel nach unserem 1:0 schnell einen klaren Lauf in unsere Richtung. Ich habe bei unserem 6:0-Sieg nicht viel auf mein Tor bekommen.

Wie so oft.

Stimmt, ich bekomme oft nur zwei, drei Schüsse auf mein Tor, weil wir dominant auftreten und sehr gut verteidigen. Aber das macht es für einen Torwart gerade zur großen Herausforderung. Ich muss die Konzentration immer hoch halten und dann eben voll da sein, wenn ich gefragt bin.

Trainieren Sie das?

Ich trainiere meine Konzentrationsfähigkeit seit Jahren, das schärft die Sinne.

Wie genau?

Ich mache viel Meditations- und Achtsamkeitstraining – und das nicht nur, um im Fußball davon zu profitieren. Ich bin ein Mensch, der gerne nachdenkt, deshalb mache ich diese Übungen.

Alleine und zu Hause?

Ja, vielleicht künftig auch mal gemeinsam mit meiner Freundin.

Was hat es denn mit Ihrer Ellbogenverletzung genau auf sich?

Ich habe Verschleißerscheinungen, die sich in den Wochen vor der Partie gegen den SV Oberachern angedeutet haben, deshalb habe ich auch etwas dosierter trainiert. Beim Aufwärmen vor dem Oberachern-Spiel wurden die Schmerzen dann zu groß.

Lädierte Innenbänder

Wie lautete die genaue Diagnose?

Es sind zwei Aspekte zu nennen. Aus einer früheren Verletzung befinden sich sogenannte freie Gelenkkörper im Knochen des Ellbogen. Diese verursachen jedoch keine Schmerzen. Die Problematik liegt in den Innenbändern, die die Ellbogen stabilisieren. Da diese Bänder lädiert sind, werden Schläge auf den Ellbogen nicht richtig abgefedert, es kommt zu einer Überstreckung und damit schneller zu Entzündungen.

Müssen Sie das nicht operieren lassen?

Zwei Schulmediziner haben mir zu einer sofortigen Operation geraten. Ich habe in Hamburg eine dritte Meinung eingeholt und einen Kinesiologen zurate gezogen. Nach Rücksprache mit ihm habe ich mich entschieden, mich vor der Winterpause nicht operieren zu lassen.

Ist das nicht ein Risiko?

Nein, ich bin felsenfest davon überzeugt, dass der Arm stabil bleibt.

Ihr Vertreter David Nreca-Bisinger hatte gleich bei seinem ersten Einsatz einen Aussetzer. Wie haben Sie seine Leistung gesehen?

Solche Patzer fallen bei einen Torwart eben immer besonders auf. Der angesprochene Fehler war in seinem ersten Spiel die allererste Aktion, da bekommst du zumindest vom Publikum gleich den Stempel verpasst, den du nur ganz schwer wieder wegbekommst. Dabei hatte David wirklich auch einige sehr gute Aktionen, von denen dann keiner mehr spricht. Bei VfB-Keeper Florian Müller ist das doch genau das gleiche. An seine Glanztaten erinnert sich jetzt auch keiner mehr.

Worin sehen Sie die Hauptgründe für den guten Lauf der Kickers?

Der Hauptgrund ist die gestiegene Qualität im Kader. Wir sind besser als im Vorjahr. Wir hatten einige Neuzugänge, da hat es eine Zeit lang gebraucht bis die Abläufe funktionieren. Ich will uns nicht in den Himmel loben, aber wenn der Zug bei uns mal rollt, sind wir nicht zu bremsen. Und das Positive ist eben auch, dass uns ein Rückschlag nicht umhaut. Liegen wir mal 0:1 zurück oder verballern einen Elfmeter, kommt es bei uns nicht zur Verunsicherung, sondern es hat sich ein gewisses Selbstverständnis entwickelt, dass wir das Ding noch drehen.

„Wir haben kein einfaches Team“

Welche Rolle spielt dabei das Trainerteam?

Sie machen das genauso gut wie in der vergangenen Runde. Wir haben keine einfache Mannschaft, aber wie Chefcoach Mustafa Ünal vor allem mit den Spielern umgeht, die nicht zum Einsatz kommen, da muss ich sagen: Hut ab!

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ich selbst habe vor dem Spiel gegen die Sport-Union Neckarsulm ein klares Go gegeben, dass ich spielen kann. Der Trainer entschied aber, dass ich noch einmal pausieren soll. Er hätte mir das nicht erklären und begründen müssen, denn der Trainer stellt auf und muss auch den Hintern hinhalten, wenn es nicht läuft. Ich habe in meiner Karriere Trainer erlebt, die reden gar nicht mit dir. Musti kommuniziert offen und ehrlich, darüber bin ich sehr dankbar. Und deshalb genießt er in der Mannschaft auch ein hohes Ansehen und hat einen großen Rückhalt.

Wie sehr könnte die Euphorie rund um das DFB-Pokal zu einer Gefahr werden?

Das Spiel gegen Eintracht Frankfurt ist bei uns nicht präsent. Klar, wir freuen uns drauf, und es wird auch für mich das größte Spiel meiner bisherigen Karriere. Man kann dieses Spiel genießen, weil wir keinerlei Druck haben. Das ist in der Liga anders, wenn es gegen Teams geht, die vielleicht nur zwei- dreimal pro Woche trainieren. Ich war letzte Saison vor einem Spiel in Bruchsal jedenfalls nervöser als im DFB-Pokal gegen die SpVgg Greuther Fürth.

Rund um das Pokal-Spiel gegen die Eintracht stehen Knallerspiele in der Liga an.

Ja, bei 1. Göppinger SV, gegen den SSV Reutlingen und dann bei der SG Sonnenhof Großaspach – diese Spiele haben es wirklich in sich. Wir fahren nicht nach Göppingen, um nur einen Punkt zu holen, unser Anspruch ist es, solche Spiele zu gewinnen. Im Optimalfall können wir uns bis zur Winterpause ein Polster erarbeiten. Das ist unser Ziel, das würde Ruhe geben – und das wäre sicher kein Nachteil.