Wenn Rehe in ihren Rückzugsorten gestört sind, fressen sie zunehmend Kulturpflanzen an. Foto: Adobe Stock/Karl Leitner-Photography

Jagdpächter – wie Jochen Schimpf aus Echterdingen – fordern mehr Rücksichtnahme von den vielen Menschen ein, die wegen der Pandemie nun im Wald unterwegs sind. Nicht alle verhalten sich dort so, wie sie sollten. Was auch ein recht drastisches Beispiel zeigt.

Leinfelden-Echterdingen - Jochen Schimpf will kein Öl ins Feuer gießen. Der Sprecher der Hegegemeinschaft Leinfelden-Echterdingen hat auch erst gezögert an die Öffentlichkeit zu gehen. Weil aber die Wildtiere in der Debatte um das Freizeitverhalten in den Wäldern rund um Leinfelden-Echterdingen bisher zu kurz gekommen seien, hat er sich dann doch dafür entschieden.

„Wir Jäger haben durchaus Verständnis dafür, dass aufgrund von Corona immer mehr Menschen in der Natur und damit auch im Wald unterwegs sind“, sagt er. Viele Spaziergänger, Radfahrer und Mountainbiker würden sich vernünftig und rücksichtsvoll verhalten. Da gebe es aber Einzelne, die keine Rücksicht nehmen, nur das eigene Interesse im Blick haben. „Dann wird es schwierig“, sagt er.

Seit gut einem Jahr sind gerade auch im Stettener Wald Spaziergänger und Jogger zunehmend genervt von den Mountainbikern und anders herum. Naturschützer und Waldbesitzer ärgern sich über Schäden, die durch die Vielzahl an Erholungssuchenden entstanden sind. Mittlerweile steht aber der Bau eines legalen Flowtrails im Raum, der auch für weniger geübte Radler geeignet ist. Wo genau die Stadt diesen bauen will, ist noch offen. In einem ersten Schritt will die Kommune alle Gruppen, die in diesem Wald unterwegs sind, an einen Tisch holen.

Wild findet keine Ruhe mehr

Schimpf und seine Jagdkollegen sind offen für ein solches Gespräch. „Eine gute Lösung kann man nur miteinander finden“, sagt er. Diese sollte aber auch den Tieren gerecht werden. Denn der Wald „ist eben auch die Wohn- und Kinderstube von Rehen und Wildschweinen“, sagt er. Wenn tagsüber alle paar Minuten ein Radfahrer durch deren „Einstand“ brettert, Trails mitten durch Bereiche führen, in denen sich das Wild eigentlich zurückziehen will, um Ruhe zu finden und die Jungen aufzuziehen, dann werde es zwangsläufig immer mehr nachts aktiv, erläutert er.

Wildschweine würden dann in Tälern, auf Feldern und in Wiesen große Schäden anrichten; Rehe immer mehr junge Kulturpflanzen anfressen. Für diese Schäden müsse dann der Jagdpächter haften, regulierend eingreifen könne er aber nur noch bedingt. Denn er bekomme das Wild tagsüber ja kaum noch zu Gesicht, und nachts sei es deutlich schwerer zu jagen.

Der Sprecher der Hegegemeinschaft würde sich wünschen, dass Trails in Rücksprache mit der Jägerschaft angelegt werden – das heißt bestimmte Bereiche des Waldes gänzlich davon ausgespart werden. „Gerade in den Brut-, und Aufzuchtzeiten sollte man auf den normalen Wegen bleiben“, sagt er. Er würde sich auch wünschen, dass Jäger nicht fälschlicher Weise für Dinge verantwortlich gemacht werden.

Unbekannte sägen Hochsitze an

Unbekannte haben im vergangenem Herbst mehrere Hochsitze an- und umgesägt, beziehungsweise umgeworfen, wie ein Polizeisprecher auf Nachfrage unserer Zeitung bestätigt. Jochen Schimpf vermutet, dass dies eine Reaktion auf den Rückbau illegaler Trails durch die Stadt gewesen sei. Die Vorfälle wurden bei der Polizei angezeigt, bisher konnte aber niemand dingfest dafür gemacht werden.

Die Stadt hatte nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 festgestellt, dass ein ganzes Netz an illegalen Trails und Wegen entstanden war, welche in Stetten vom Theater unter den Kuppeln in Richtung Siebenmühlental führten. Um die Folgen für den Wald und dessen Bewohner einzudämmen, hat die Stadt diese Strecken gesperrt, Hindernisse zurückgebaut, entsprechende Schilder aufgestellt.

Haben Radler die Hochsitze beschädigt? „Wir waren über diese Aktion total erschrocken“, sagt auf Nachfrage Marcus Wartbiegler, ein Mountainbiker aus Steinenbronn. Er ist oft im Siebenmühlental unterwegs und tauscht sich über die Facebook-Seite „MTB-Siebenmühlental“ mit anderen Sportlern aus. „Dass dies Mountainbiker waren, halte ich für unwahrscheinlich, da die Jäger für den Rückbau der Strecken ja nichts können.“

Wartbiegler und seine Mitstreiter setzen sich für ein legales Netz an Trails ein. Von der Idee eine legale Strecke anzulegen, wie es die Stadt plant, halten sie wenig. Der Großteil der Mountainbiker würde am Tag 20 bis 30 Kilometer zurücklegen und innerhalb verschiedener Markungsgrenzen unterwegs sein.

Er sagt auch: „Ich sehe sehr viele Rehe, wenn ich mit dem Rad unterwegs bin.“ Die Tiere würden kein Fluchtverhalten zeigen, vielmehr die Menschen, die im Wald unterwegs sind, bereits gewohnt seien. Auch wenn dies seit Corona – zugegeben – deutlich mehr seien, als früher.

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