Der blassen Schönheit aus Virginia fehlt ein Auge, auf Foto: Petra Bail - Petra Bail

Es war wie in vielen Arztpraxen: Es gab lange Wartezeiten, als die Puppendoktoren ins Filderstadt-Museum kamen. Sie verarzteten Puppen, die verschiedene Gebrechen hatten.

FilderstadtBei Puppen ist es wie bei Menschen, wenn sie älter werden, zwackt’s. Man muss zum Arzt. Bärbel kann den Arm nicht mehr heben, Inge fällt das Sitzen schwer. Das hängt mit dem Kopf zusammen, habe der Doktor gesagt, erzählt Rosa Eisele aus Bonlanden, die gerade mit der legendären Schildkröt-Puppe aus den 50er-Jahren aus der Sprechstunde der mobilen Puppenklinik im Filderstadtmuseum kommt. Dort praktizierten zum Ende der Puppenausstellung am vergangenen Wochenende zwei Restauratoren aus Baiersbronn.

Die Wartezeiten sind wie beim richtigen Arzt. Bis zu zwei Stunden geduldeten sich die Puppenmütter und -großmütter, bis sie an der Reihe waren. Man tauschte Krankengeschichten aus, bis man vom freundlichen Puppendoktor aufgerufen wurde: „Der nächste bitte.“ Geduldig nimmt er die Anamnese auf. Auf netten Umgang legen Doris und Peter Spechtenhauser in ihrer Gemeinschaftspraxis wert. Wie Rosa Eisele haben viele Besucherinnen mehrere Patienten dabei, liebevoll in Körbchen gelegt und mit Tüchern zugedeckt. Evi Steimle bringt zwei Puppen zur Untersuchung und einen Teddy. „Aber der ist nur Begleitschutz“, sagt die Frau aus Plattenhardt lachend. Die Bärbel von Schildkröt ist mit etwa 75 Jahren eine betagte Dame und hat sich beim Sturz einen Schädelbasisbruch zugezogen. Sie stammt von Steimles 83-jähriger Mutter und bleibt nun für einen längeren Aufenthalt in der Schwarzwaldklinik in Baiersbronn.

Die schwereren Fälle nehmen Doris und Peter Spechtenhauser mit in ihre Werkstatt, die für komplizierte „Operationen“ ausgerüstet ist. Einfachere Beschwerden, wie der abgetrennte Kopf des „Kullertränchens“ von Mattel werden sofort beseitigt. Ankleben ist ruckzuck erledigt. Den Mechanismus fürs Weinen zu reparieren, das wäre aufwendig und teuer. Darauf verzichtet die Frau aus Bonlanden, obwohl die kleine Tochter bereit wäre, einen Teil ihres Taschengeldes dafür herzugeben: „So eine liebe Puppe, sagt sie“, aber die Mutter bleibt eisern. „Manchmal wird’s gemacht, weiß Peter Spechtenhauser aus seiner 40-jährigen Praxis und lacht: „Das kommt auf den Vater an.“

Meistens sind es Erinnerungswerte und der nostalgisch verklärte Blick auf die Puppe, die dazu führen, dass ein Auge wieder eingesetzt wird, Arme und Beine angebracht werden oder das Loch im Porzellankopf geschlossen wird. „Wir reparieren alles“, sagt Peter Spechtenhauser. Sind alle Teile da, werden sie zusammengefügt, fehlen welche, werden sie nachmodelliert. Der Restaurator hat viele Jahre Möbel und Gemälde wiederhergestellt. Handarbeit hat ihren Preis, die Heilungsrate sei eine Kostenfrage. Wird es teuer, nehmen manche Puppenbesitzer Abstand. Eine ältere Frau aus Plieningen bringt ihre Schildkört-Inge, in deren Zelluloidkopf eine tiefe Wunde klafft. „Sie heißt wie ich“, sagt sie mit verklärten Augen. Sie entscheidet sich nach dem Kostenvoranschlag gegen die Reparatur. „Meine Kinder schmeißen sie später nur weg.“

„Ich brauch nur ein Auge“, ruft die energische Besitzerin einer Puppe aus Richmond, Virginia, die sie 1980 von einer USA-Reise mitgebracht hat. Beim Umzug ist das Auge nach innen gefallen. Das wird eine längere Behandlung und die blasse Patientin kann erst am Abend wieder abgeholt werden. Eine andere Frau möchte gerne Schlafaugen für ihre Puppe mit starrem Blick. „Vermutlich habe ich die Originalaugen als Kind eingedrückt“, bekennt sie kleinmütig. Da tröstet der Doktor: „Manchmal fallen sie einfach von alleine nach innen“. Einer der wenigen Männer in der Schlange ist Martin Fischer aus Bernhausen, ein Experte. Er hat in der Spielwarenbranche gearbeitet. Die 60-jährige Ursula, die Schildkröt-Puppe seiner Frau, habe einen Dachschaden. Die Lieblingspuppe der fünfjährigen Enkelin sei beim Spiel angeschlagen worden und hat nun ein Loch im Kopf. „Haben wir Köpfe dabei“, ruft Doris Spechtenhauser vom Behandlungstisch nebenan und sucht gemeinsam mit einer Kundin die passenden Beine für ein kleines Zelluloidpüppchen. Dafür schüttet sie Massen von Gliedmaßen aus einer Plastikbox.

Etwas erschöpft nach 90 Minuten Wartezeit sitzt die 86-jährige Helene Basler aus Bonlanden auf einem Stuhl. In einer Tasche hat sie zwei Patientinnen, eine ist Anja, die so heißt, weil sie gerne ein Mädchen haben wollte, das Anja heißt, aber keines bekam. Sie erhielt die zierliche Puppe zum 80. Geburtstag geschenkt, doch die Nachbarkinder haben beim Spiel die Füße abgerissen. Dem Bärbele hat Helene Basler als Kind zwei Finger abgebissen, erzählt sie und schiebt entschuldigend nach: „Wir waren neun Kinder zu Hause“. Wenn die Schwestern wüssten, dass sie mit dem Bärbele hier ist, wären sie gerührt.

Aus dem Jahr 1905 stammt die Armand Marseille. In gutem Zustand ist die Puppe aus der legendären Puppenkopfherstellung in Köppelsdorf 500 Euro wert. Sie hat seidiges Mohairhaar, eine Reihe weißer Porzellanzähnchen im leicht geöffneten Mund, fein gemalte Augenbrauen und Wimpern am Bisquitporzellankopf. Ihr fehlt ein Auge. In besserem Zustand wäre sie eine Schönheit. Der Restaurator holt die Augen aus dem Körper. Dafür schneidet er die Haare sorgfältig mit einem Skalpell ab. „Es bleiben die alten Augen. Darauf legen wir Wert“, betont seine Frau. Der ursprüngliche Charakter soll bewahrt bleiben. Nur die Mechanik wird neu gemacht in der Klinik in Baiersbronn.

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