Mitarbeiter des Pubs „The Long Acre“ markieren vor dem Eingang mit Klebeband den während der Corona-Pandemie getrennten Eingangs- und Ausgangsbereich Foto: dpa/Frank Augstein

Die Menschen in England dürfen am Wochenende erstmals seit über drei Monaten wieder in die Pubs. Wird es ein geselliges Zusammensein oder droht London und anderen Städten ein komplettes Chaos?

London - Cheers! Für viele Engländer hört am Samstag eine monatelange Leidenszeit auf. Denn in der Corona-Krise haben sie vor allem eines vermisst: ihren Pub. Nach mehr als drei Monaten ist nun ein Pint nach Feierabend in den urigen Kneipen wieder möglich. Doch was viele Briten freut, lässt Polizei, etliche Politiker und Mediziner die Haare zu Berge stehen: Sie warnen vor Gewalt und Zuständen in Notaufnahmen wie in einem „Zirkus voller betrunkener Clowns“. Das Virus könnte sich auch schneller ausbreiten.

Scotland Yard hat vorsichtshalber die Zahl der Einsatzkräfte in der Hauptstadt für das Wochenende stark erhöht. „Verhalten Sie sich ruhig. Seien Sie achtsam. Passen Sie auf sich und Ihre Familie auf“, warnte Polizei-Chefin Cressida Dick in London. In den vergangenen Wochen hatte es die Einsatzkräfte im wahrsten Sinne des Wortes hart getroffen. Bei Demonstrationen gegen Rassismus und bei der Auflösung illegaler Straßenpartys flogen ihnen Flaschen und Feuerwerkskörper entgegen. Dutzende Polizisten erlitten Verletzungen.

Die Polizei hätte einen Werktag bevorzugt

Viele hätten es lieber gesehen, wenn die Pubs im größten britischen Landesteil nicht an einem Wochenende öffnen würden. „Wir haben dann mehr Gewalt, Störungen auf Straßen, sexuelle Übergriffe, Vermisste und Verletzte, die möglicherweise medizinische Hilfe benötigen“, prophezeit Ian Boot, der Chef des Polizeiverbandes West Yorkshire. Er und viele Kollegen hätten daher einen Werktag bevorzugt.

Der Bier- und Pubverband dürfte hingegen froh sein, dass überhaupt wieder etwas aus den Zapfhähnen strömt. Er hatte den Verlust Hunderttausender Arbeitsplätze befürchtet. Schon zuvor ging es der Branche nicht gut. Sie beklagt seit Jahren ein Pub-Sterben vor allem auf dem Lande, bedingt unter anderem durch zu hohe Biersteuern. Nun könnten die Besucher allein am ersten Wochenende Schätzungen zufolge 210 Millionen Pfund (etwa 231 Millionen Euro) ausgeben.

Kontaktdaten werden gespeichert

Was fasziniert die Menschen so sehr an den Pubs? Viele der Kneipen sind jahrhundertealt. Verklebter Tresen, alte Holzbohlen, biergeschwängerte Luft, Fish und Chips, Burger oder Pies auf der Speisekarte – all das zeichnet einen Pub aus. Der Begriff stammt vom Public House ab, einem der Öffentlichkeit zugänglichen Haus. Der Parlamentarier kann im Pub neben einer Studentengruppe sein Ale süffeln. Klassenunterschiede verschwimmen hier.

Gewöhnen müssen sich die Briten aber an neue Sicherheitsmaßnahmen: Menschentrauben an der Theke soll es zum Beispiel nicht mehr geben. Bestellungen werden künftig am Tisch oder per App abgegeben. Kontaktdaten der Besucher werden vorübergehend gespeichert.

Es gibt Kuriositäten

Die Öffnung der altehrwürdigen Pubs ab Samstag gilt nur für England. Denn jeder Landesteil in Großbritannien entscheidet über seine eigenen Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie. Das führt zu so mancher Kuriosität, etwa im Städtchen Saltney. Die eine Hälfte des Ortes liegt in Wales und hat drei Kneipen. Die andere Seite gehört zu England und verfügt nur über einen einzigen Pub: Im „Brewery Arms“ dürften die Kassen ab Samstag ordentlich klingeln.

Die Pubs sind nur ein Baustein in einer längeren Liste von Lockerungen, die Premierminister Boris Johnson für den 4. Juli angekündigt hat. So dürfen auch Restaurants, Hotels, Friseurläden, Kirchen, Museen und Galerien unter Auflagen öffnen. Die Wirtschaft jubelt, viele Briten sind heilfroh über das Angebot, aber etliche Wissenschaftler sorgen sich: Sie halten das Bündel von Lockerungen für verfrüht und sehen die Eindämmung der Pandemie in Gefahr.

Die Stadt Leicester könnte ein warnendes Beispiel sein: Hier musste die Regierung kürzlich die Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus wieder verschärfen. Die Fallzahlen waren wieder deutlich gestiegen.

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