Die Verletzte wurde in eine Klinik gebracht, die Ermittler sicherten am Tatort auch Spuren. Foto: SDMG/SDMG / Kaczor

Mitte März wurde in Kirchheim (Kreis Esslingen) eine junge Frau am helllichten Tag Opfer eines Messerangriffs. Jetzt hat der Prozess gegen einen 29-jährigen Mann begonnen.

Es war ein Freitagnachmittag und das Wochenende stand bevor. Eine junge Frau hatte gerade Feierabend gemacht und war zu Fuß in Richtung Kirchheimer Innenstadt unterwegs. Plötzlich stürzte sich ein fremder Mann auf sie und stach zu. Die Tat, die mitten am Tag in einem Wohngebiet geschah, sorgte in der Bevölkerung für viel Unruhe, zumal der Angreifer zunächst nicht gefasst werden konnte. Es dauerte Wochen, bis die Polizei einen Verdächtigen ermittelt hatte.

Seit Mittwoch muss sich nun ein 29-Jähriger vor dem Stuttgarter Landgericht für den Angriff in Kirchheim verantworten. Ihm wird zur Last gelegt, die 27 Jahre alte Frau am 14. März dieses Jahres gegen 15.45 Uhr auf dem schmalen Fußweg zwischen der Senefelder- und Henriettenstraße ohne erkennbaren Grund angegriffen und mit einem Einhandmesser schwer verletzt zu haben. Die Anklage lautet auf versuchten Mord und gefährliche Körperverletzung.

Laut der Staatsanwaltschaft soll sich das Geschehen wie folgt abgespielt haben: Der Angeklagte soll sich seinem arglosen Opfer von hinten genähert und die Frau dann mit seinem Unterarm in den Würgegriff genommen haben. Anschließend soll er mit einem Messer mehrfach mit Wucht auf sie eingestochen haben. Als die Frau laut um Hilfe schrie, ließ der Angreifer von ihr ab und rannte weg. Die 27-Jährige erlitt sechs tiefe Stichverletzungen am linken Arm, an der linken Schulter und am rechten Oberschenkel. Die Staatsanwältin geht davon aus, dass der 29-Jährige, der in einer Kirchheimer Flüchtlingsunterkunft lebte, die ihm unbekannte Frau töten wollte.

DNA-Spuren des Angeklagten am Messer und an Kleidung des Opfers

Die Polizei fahndete damals unter anderem mit einem Hubschrauber nach dem flüchtigen Täter – ohne Erfolg. Erst die Auswertung der Spuren führte die Polizeibeamten zu dem Tatverdächtigen. Dieser saß zu diesem Zeitpunkt bereits in Untersuchungshaft, da ihm zwei Einbrüche in eine Bankfiliale in der Alleenstraße in Kirchheim zur Last gelegt wurden.

Trotz der ihm zugeordneten DNA-Spuren, die an der Jacke der Geschädigten und an dem Messer sichergestellt wurden, streitet der Angeklagte die Tat ab. „Ich war das nicht“, ließ der 29-Jährige zum Prozessauftakt über seinen Verteidiger mitteilen. Sein Mandant könne sich nicht erklären, wie dessen DNA auf das Messer gelangt sei, sagte der Rechtsanwalt Thomas Mende, der Angeklagte behaupte, dass das Messer auch von anderen Mitbewohnern benutzt worden sei. Weitere Angaben zum Geschehen machte der 29-Jährige nicht.

Angeklagter: Frust über abgelehnten Asylantrag

Gegenüber dem psychiatrischen Gutachter, dessen Protokoll in der Verhandlung am Mittwoch zitiert wurde, hatte der 29-Jährige angegeben, er sei frustriert darüber gewesen, dass sein Asylantrag abgelehnt worden war. Er hatte in Frankreich und anschließend zweimal in Deutschland Asyl beantragt. Das zweite Gesuch hat er inzwischen zurückgezogen. Er habe in seine Heimat Afghanistan zurückkehren wollen. Da er keinen Pass mehr besaß, wurde ihm mitgeteilt, dass dies nicht möglich sei. Bekannte hätten ihm schließlich den Tipp gegeben, etwas Kriminelles zu tun, damit eine Abschiebung möglich ist. Deshalb habe er die Bank überfallen und auf die Polizei gewartet, damit diese ihn abschiebt, heißt es in dem Bericht weiter.

Mutmaßlicher Messerangreifer soll auch zwei Einbrüche verübt haben

Der brutale Angriff auf die Frau lag zwischen den beiden Einbrüchen. Als Zeugin machte die inzwischen 28-jährige Geschädigte gefasst und präzise Angaben dazu, wie sie die brutale Messerattacke erlebt hat. Auf die Tasche mit ihrem Geldbeutel und dem Autoschlüssel hatte der Angreifer es offenbar nicht abgesehen. Er sei von hinten angerannt gekommen und habe sie wortlos gepackt. Die Folgen der Tat machen ihr körperlich, aber auch psychisch noch immer zu schaffen. „Mein Leben ist auf den Kopf gestellt“, sagte sie. Sie habe zu allen Tageszeiten Angst, alleine unterwegs zu sein.

Für die beiden Bankeinbrüche wurde der 29-Jährige vom Amtsgericht Nürtingen bereits zu einer eineinhalbjährigen Haftstrafe verurteilt. Gegen dieses Urteil hatte er Berufung eingelegt. Im Zuge des aktuellen Prozesses vor dem Landgericht wurde dieses Verfahren nun aber eingestellt. Der erste Einbruch ereignete sich laut Polizeiangaben in der Nacht zum 20. Februar. Der Mann schlug die Scheibe im Vorraum der Bank ein und gelangte zum Schalterbereich. Er machte keine Beute und wurde noch vor Ort festgenommen, kam aber rasch wieder auf freien Fuß. In Untersuchungshaft genommen wurde der 29-Jährige erst am 14. April nach dem zweiten Einbruch in derselben Bankfiliale, wo er Münzgeld mit einem vierstelligen Wert entwendete.

Der Prozess vor dem Landgericht soll am 24. November fortgesetzt werden. Ein Urteil könnte Anfang Dezember fallen.