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Zeugen, die nicht erscheinen, Angeklagte, die nichts sagen und selbst die Opfer schweigen. Der Prozess, in dem eine Schlägerei im Merkelpark vom Mai 2018 verhandelt wird, ist kompliziert.

EsslingenSeit Dezember versucht das Stuttgarter Landgericht Licht in das Dunkel um die gewalttätige Auseinandersetzung am 11. Mai im Merkelpark zu bringen, an der eine Vielzahl von jungen Männern beteiligt gewesen sein soll. Die beiden Angeklagten schweigen nach wie vor und die drei mutmaßlichen Opfer haben im Prozess von ihrem Recht, die Aussage zu verweigern, Gebrauch gemacht. Und auch so mancher Zeuge macht nicht den Mund auf. So verlas die Vorsitzende Richterin der 2. Großen Jugendkammer Sina Rieberg am 18. Verhandlungstag zunächst das Schreiben eines Rechtsanwaltes: Der geladene Zeuge, gegen den ein separates Ermittlungsverfahren laufe, sei ebenfalls Beschuldigter in der gleichen Sache und werde daher keine Aussage machen , um sich nicht selbst zu belasten.

Der nächste junge Mann war gestern ohne Entschuldigung erst gar nicht erschienen und die Kammer versuchte den Zeugen von der Polizei vorführen zu lassen. Dass der Prozess sich in die Länge ziehe, liege leider in der Natur der Sache, meinte die Staatsanwältin am Rande der Verhandlung. Denn viele Beteiligte gehörten dem gleichen Lager an. Laut Anklage artete nämlich gegen 23 Uhr eine zunächst verbale in eine gewalttätige Auseinandersetzung aus, bei der aus den Reihen der zahlreichen Angreifer Faustschläge und Tritte ausgeteilt wurden und ein Messer sowie ein Schlagring oder eine Kette im Einsatz gewesen sein soll. Die Angeklagten, 18 und 24 Jahre alt, sollen dabei kräftig mitgemacht haben. Der Vorwurf: gemeinschaftlicher, versuchter Totschlag. Die beiden sollen zudem ein paar Stunden später mit ebenfalls zahlreichen weiteren jungen Männern mit Metallstangen und Eisenketten in der Asylunterkunft in der Fleischmannstraße, in der eines der mutmaßlichen Opfer wohnte, aufgetaucht sein. Gegen die beiden war auch damals Haftbefehl ergangen, der 24-Jährige saß bis vor Kurzem in Untersuchungshaft und der 18- Jährige war vorläufig in einer Jugendhilfeeinrichtung untergebracht. Beide sind aber inzwischen wieder auf freien Fuß. Es habe sich heraus gestellt, dass die Verletzungen der mutmaßlichen Opfer und damit verbunden eine zu erwartende Strafe doch nicht so gravierend waren, erzählte Jörg Dietz, einer der Verteidiger.

Das Recht jedes Zeugen, die Aussage zu verweigern, wenn man sich selbst belasten könnte, haben auch die anderen beiden mutmaßlichen Opfer in Anspruch genommen. Da die drei bei der ersten Vernehmung durch die Polizei redseliger gewesen sind, waren anschließend die Vernehmungsbeamten im Prozess gehört worden. Gestern schilderte nun ein völlig Unbeteiligter, der gemeinsam mit anderen Mitgliedern am Tatabend auf der Terrasse des Kanuvereins gesessen hatte, seine Wahrnehmungen und Eindrücke: Gegen 23 Uhr ist es aus Richtung Merkelpark laut geworden. Der Zeuge ging hinunter und sah in ungefähr 100 Meter Entfernung eine größere Gruppe, die beim Färbertörle auf der Mauer saß sowie zwei Männer, die sich schubsten. „Es sah eigentlich nicht bedrohlich aus“, meinte der Zeuge, der wieder zurück auf die Terrasse ging. Doch nun rannten vier Männer am Vereinsheim vorbei Richtung Vogelsangbrücke. Ein Radfahrer habe mit seinem Handy einen Notruf abgesetzt. Nachdem der Zeuge zwei Besucherinnen aus Sicherheitsgründen zu ihren parkenden Autos unter der Brücke begleitet hatte, fand er auf dem Rückweg einen Verletzten auf der Treppe zum Vereinsheim, der über starke Schmerzen klagte. Akribisch versucht die Kammer die Puzzleteile zusammen zu setzen und hat weitere Verhandlungstermine bis Ende Juni anberaumt.

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