Das Kaisersträßle ist für die Bürgerinitiative Pro Schurwald kein geeigneter Standort für Windkraftanlagen. Es gebe zu wenig Wind, zudem werde die Landschaft „verschandelt“. Das sehen die Betreiber des Windparks bei Winterbach anders.
Lichtenwald - Die drei Windkraftanlagen am Goldboden sind Michael Haueis und seinen rund 400 Mitstreitern von der Bürgerinitiative (BI) Pro Schurwald ein Dorn im Auge. Seit Dezember 2017 ist der Windpark der EnBW südlich der Gemeinde Winterbach (Landkreis Rems-Murr) in Betrieb – etwas mehr als zwei Jahre. Und auch der Betreiber Uhl-Windkraft plant derzeit einen Windpark mit zwei Anlagen des Typs Nordex N149 (Gesamthöhe: 238,5 Meter) in Ebersbach-Büchenbronn. Haueis fürchtet, dass es dabei nicht bleiben wird. Als Grundlage nutzt die BI den sogenannten BW-Energieatlas 2019. Dort stellen das Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg und die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) Daten und Karten zum Thema erneuerbare Energien zur Verfügung. Unter anderem geht daraus hervor, wie viele Windkraftanlagen in einer bestimmten Region denkbar wären. Für den Schurwald, der sich über drei Landkreise erstreckt, kommen laut Haueis 82 Windkraftanlagen in Betracht.
Für ihn und seine Mitstreiter ist das eine erschreckende Zahl. „Wir hatten schon beim letzten Energieatlas 2011 das Gefühl, dass der zu optimistisch ist“, sagt Haueis. „Jetzt ist der neue da und der ist noch optimistischer.“ Ein Kritikpunkt der Bürgerinitiative ist, dass sie das Windangebot in den Höhenlagen des Schurwaldes für nicht ausreichend halten. „Der Windpark am Goldboden hat jetzt zwei volle Betriebsjahre hinter sich und konnte sein Pensum in beiden Jahren nicht erreichen“, sagt Haueis. Im vergangenen Jahr – laut Haueis ein „Rekordwindjahr“ – seien lediglich 80 Prozent der anvisierten Leistung erbracht worden.
EnBW kann sich weitere Anlagen vorstellen
Dass die Windkraftanlagen unter ihrem Ziel geblieben sind, gesteht auch Dagmar Jordan, Sprecherin der EnBW, ein. Allerdings seien diese Zahlen nicht zuverlässig. „Im ersten Jahr mussten die Anlagen immer wieder zu Nachjustierungen und Tests abgeschaltet werden“, sagt sie. Und auch im vergangenen Jahr habe es unvorhergesehene Probleme gegeben, wegen derer die Windkraftanlagen teilweise wochenlang stillgestanden hätten. Schuld war damals unter anderem ein gerissenes Rotorblatt aufgrund eines Unfalls beim Transport des Flügels von Schleswig-Holstein ins Ländle. Auch habe eine Störung des Netzbetreibers im vergangenen Jahr dafür gesorgt, dass die EnBW den Strom aus dem Windpark nicht in das Netz hatte einspeisen können.
Für Haueis sind das nur Ausreden. „Selbst, wenn das Windrad durchgelaufen wäre, wären das vielleicht 1,5 Gigawattstunden mehr“, sagt er in Bezug auf den kaputten Flügel. „Die EnBW sucht immer wieder Gründe, warum sie ihre Ziele nicht erreicht, aber solche Vorfälle müsste man doch bei den Planungen berücksichtigt haben.“ Sorgfältige Prüfung sei im Vorfeld nötig. Die EnBW habe daher vor dem Bau des Windparks Windmessungen durchgeführt und den Standort für geeignet befunden. „Wir bauen natürlich nur, wenn die Wirtschaftlichkeit gegeben ist“, sagt sie. „Wir halten den Standort auch nach wie vor für geeignet.“ Auch weitere Windkraftanlagen hält sie theoretisch für denkbar. „Aber das hängt von der Regionalplanung ab“, sagt sie.
Bund muss klare Ansagen machen
Diese Planung wird vom Verband Region Stuttgart (VRS) durchgeführt. Vor sieben Jahren hat er damit begonnen, die Regionalplanung zu erarbeiten. Der Grund: „Wenn es keine Planung gibt, sind Windkraftanlagen grundsätzlich überall erlaubt, wo sie nicht verboten sind“, sagt Thomas Kiwitt, Leitender Technischer Direktor des VRS. Der Bund habe den Windrädern nämlich eine privilegierte Stellung gegeben. Darum will der VRS Verbotszonen definieren. „Grundsätzlich ist Windkraft in der Region Stuttgart momentan verboten und Windparks können nur nach Einzelfallprüfung zugelassen werden“, so Kiwitt. Mit dem System fahre man derzeit ganz gut, aber eine rechtssichere Planung sei über kurz oder lang unerlässlich.
Aber: „Die Regionalplanung ist noch nicht einmal rechtskräftig und jetzt ist sie schon Makulatur“, sagt Windkraftgegner Haueis. Dem widerspricht Kiwitt. Bei Null müsse man mit der Planung nicht anfangen, aber der neue Energieatlas und eine Diskussion auf Bundesebene über den Mindestabstand zu Wohnbebauung schaffen schwierige Bedingungen. Im Vergleich zum Windatlas von 2011 ist die minimale Windgeschwindigkeit, die zum Bau von Windkraftanlagen nötig ist, herabgesetzt worden. Dadurch kommen jetzt mehr Standorte infrage. Und eine mögliche Vergrößerung des Abstands zu Häusern von 700 auf 1000 Meter würde dazu führen, dass sämtliche Planungen überarbeitet werden müssen. „Wir brauchen auf jeden Fall eine klare Ansage vom Bund“, so Kiwitt.
BI kämpft weiter gegen Windpark
Ein weiterer Kritikpunkt ist neben potenziell gesundheitsschädlichem Schattenschlag und Infraschall die „Verschandelung“ der Landschaft. Laut Kiwitt ist die Bewahrung des Landschaftsbildes kein Verbotsgrund. „Aber wir wollen auch keiner Gemeinde zumuten, von Windkraftanlagen umzingelt zu sein“, sagt er. Durch die Planung könne man zumindest markante Gebiete wie die Esslinger Burg oder die Burg Teck als Windkraftstandort ausschließen. Eine Alternative zu den Windkraftanlagen in Bezug auf die Energiewende kann Haueis im Übrigen nicht nennen. „Wir verstehen uns als Bürgerinitiative, die keine Industriepolitik machen will“, sagt er. „Wir kümmern uns um unsere Landschaft und unsere Orte.“
Gegen die Windkraftanlagen, die bereits auf dem Schurwald stehen, können die Windkraftgegner nichts mehr ausrichten, aber aufgeben wollen sie den Kampf gegen den Bau weiterer Windparks dennoch nicht. „Wir wollen uns nicht daran gewöhnen“, sagt Haueis. So wollen sie weiter gegen den geplanten Windpark in Ebersbach-Büchenbronn vorgehen. Und sie fordern eine weitere Vergrößerung des Abstandes zwischen Windrädern und Wohnbebauung auf ein Zehnfaches der Höhe der Maschine – bei einer Anlage von 238 Metern wären das fast zweieinhalb Kilometer.