Besuch auf dem Motorrad: Justizministerin Marion Gentges nimmt im Seehaus im Sattel Platz. Der Landtagsabgeordnete Reinhard Löffler blickt prüfend. Foto: Simon Granville

Landesjustizministerin Marion Gentges hat dem Leonberger Seehaus einen Besuch abgestattet. Es geht um Motorräder, den freien Strafvollzug und die Täter-Opfer-Thematik.

Plötzlich rollen sie auf den Hof. Hatten die Wartenden im Innenhof des Leonberger Seehauses die Ankunft der Landesjustizministerin Marion Gentges und des Landtagsabgeordneten Reinhard Löffler (beide CDU) aus Richtung ADAC-Übungsplatz erwartet, überraschte das Duo – und kam aus Richtung Stadt. Unerwartet leise, konträr zur bulligen Optik des BMW-Motorrads, auf dem beide sitzen. Löffler, passionierter Biker, hatte darauf bestanden, die Ministerin mit seiner Maschine zum Ortstermin zu fahren. Diese gesteht später: „Jetzt kann ich es ja sagen: Ich bin heute zum allerersten Mal auf einem Motorrad gesessen.“

Gespräche über Motorräder und freien Strafvollzug

Motorräder sind eines der beiden Hauptthemen an diesem Nachmittag. Es geht zum einen um die Motorradwerkstatt auf dem weitläufigen Gelände und um die Maschine, die dort für die traditionelle Versteigerung beim Biker-Festival Glemseck 101 aufbereitet wurde. Zum anderen wird eindrücklich klar, was beim Seehaus eigentlich geschieht: Junge, männliche Straftäter erhalten die Chance auf einen Strafvollzug in freier Form, arbeiten in den Werkstätten und an ihrer Integration in die Gesellschaft. Und dazu gehört auch die Opfer-Täter-Thematik.

Nach einem Rundgang durch die Werkstattbereiche geht es schließlich zum erwähnten Kleinod auf zwei Rädern. „Das Allerheiligste“, sagt Markus Kast, der Leiter der Seehaus-Ausbildungsbetriebe. Und platt ausgedrückt: Das Teil macht wirklich was her. Sogar das Fabrikat darf schon verraten werden. Es handelt sich um ein Naked Bike des indischen Herstellers Royal Enfield, hell lackiert, wunderbar – wenngleich auch zwei weitere Exemplare die Blicke der Anwesenden auf sich ziehen: eine massige Honda Shadow in grün-beige und eine fast komplett zerlegte, historische Zündapp. Die Honda solle laut Kast ebenfalls veräußert werden, beim Oldtimer handele es sich um einen Kundenauftrag.

Nach einiger Fachsimpelei – Reinhard Löffler ist voll in seinem Element – geht es ins Haupthaus. Dort berichtet neben Eva-Maria Schmutz von der Seehaus-Gefängnisarbeit und Elvira Pfleiderer, Bereichsleitung Opfer- und Traumaberatung, auch das Ehepaar Peters von seinen Erfahrungen. Der damals 15-jährige Sohn war von einer Gruppe Vermummter zusammengeschlagen und schwer verletzt worden. Sie suchten in Sachen Traumaberatung Hilfe beim Seehaus – und erzählen, wie sie sich dabei fühlten, als sie an mehreren Terminen jugendlichen Tätern gegenüber saßen.

Ankunft: Reinhard Löffler und Marion Gentges parken die Maschine. Hinten im Bild (schwarzes Shirt): Markus Kast, Leiter der Seehaus-Ausbildungsbetriebe Foto: Granville

Die Dynamik dieser Treffen habe die Eheleute überrascht und ihre Wut gelindert. Schon beim allerersten Termin sei klar geworden: „Das sind eigentlich ganz normale Jungs.“ Ministerin Marion Gentges übertrug das Thema auf die Arbeit innerhalb der Gefängnisse. „Ich bewundere jeden, der dort tätig ist, und nicht bloß den Straftäter vor sich sieht, sondern vor allem den Menschen.“

In den Gefängnissen wirkt unter anderem Eva-Maria Schmutz. Ihr geht es vor allem um das Opfer-Empathie-Training mit den Tätern. Ihnen soll vor Augen geführt werden, was sie mit ihrer Tat eigentlich bewirkt haben. Einer ihrer einprägsamsten Sätze an diesem Nachmittag: „Häufig haben die Täter Empathie vor allem mit der Mama.“ Nachdem die Gruppe fast eine Stunde länger als geplant diskutiert hatte, geht es für die Ministerin in der Limousine weiter. Reinhard Löffler steigt auf sein Motorrad.