Chandramohan Dhanasekaran will in Hausen eine Spielstätte für Cricket entwickeln – und hat dafür schon reichlich Unterstützung eingesammelt. Foto: Simon Granville

Ein Cricketplatz soll in Hausen helfen, Fachkräfte aus der ganzen Region zu halten. Unterstützer gibt es reichlich, doch Geld gibt es noch keins.

Am Rande des Weil der Städter Ortsteils Hausen läuft Chandramohan Dhanasekaran über einem matschigen Rasen. Beim Gehen muss der gebürtige Inder den braunen Erdhügeln ausweichen, die Maulwürfe hier gegraben haben. Sein Weg führt vorbei an rostigen Toren und überwachsenen Plastiksitzen. Eigentlich gehört das Gelände gehört dem TSV Hausen. Sport gemacht wird hier aber kaum mehr.

Das soll sich ändern – zumindest, wenn es nach Dhanasekaran geht, der sich am liebsten mit der Kurzform seines Namens, Chandra, vorstellt. Gar eine „geopolitische Bedeutung“ könnte der kleine Ort haben, wenn seine Pläne aufgehen, sagt er. Denn Chandra will hier, im kleinen Ort Hausen, einen Cricketplatz errichten.

Kaum eigene Plätze: Wer Cricket spielt, muss auf den Bolzplatz

Davon gibt es bislang kaum welche – und das, obwohl in ganz Deutschland laut des Deutschen Cricket Bundes inzwischen 180 Vereine den Sport in ihr Programm aufgenommen haben. Weltweit ist Cricket fast so beliebt wie Fußball, 2028 sogar olympisch, in Deutschland aber noch ein Nischensport. Trainiert wird hierzulande häufig auf Fußballplätzen. Etwa in Malmsheim: Das an den dortigen TSV angedockte Cricketteam hat Chandra mit aufgebaut, seine Tätigkeit allerdings aufgegeben, um sich ganz dem Bau der neuen Cricketarena zu widmen. Ein nicht ganz einfaches Unterfangen. „Ich habe zehn Jahre nach einer Fläche gesucht“, verrät er.

Mit dem Vorsitzenden des TSV, Bernd Glocker, hat er nun endlich einen Verbündeten gefunden, der dem ungenutzten Fußballplatz mit Cricket neues Leben einhauchen will. Auch zum Gelände gehörende überwucherte Tennisplätze sollen in diesem Zuge wieder hergestellt werden, um so den Menschen im Ort ein Sportangebot zu machen, das nicht nur die Cricketspieler bedient. „Cricket Vision Campus“ hat Chandra sein Vorhaben getauft.

Cricket: in Indien Volkssport – in Deutschland noch Nische

Denn für den jungen Inder, der 2015 nach Deutschland gekommen ist und in der Automobilbranche arbeitet, geht es bei der Sache um mehr als Sport. Für ihn ist das Projekt auch: Integration. Knapp 60 000 Menschen zieht es im Jahr von Indien nach Deutschland, viele zum Studieren oder, als gut ausgebildete, dringend gebrauchte Fachkräfte, zum Arbeiten – unter allen ausländischen Bevölkerungsgruppen verdienen Menschen aus Indien im Schnitt am meisten, sogar mehr als deutsche Staatsbürger.

Und in Indien, aber auch in anderen südasiatischen Ländern wie Bangladesch, Pakistan oder Sri Lanka, ist Cricket – einst importiert von den britischen Kolonisten – eben Volkssport Nummer eins, sogar integral für die kulturelle Identität der Menschen. „Als Kind habe ich das ganz viel gespielt“, erzählt Chandra heute. Der Sport erinnert ihn an sein Zuhause. „Das ist sehr wichtig für mich.“

Wandern gute Fachkräfte wieder ab?

Mit einem besseren Cricketangebot in der Region, die mit ihrer starken Autoindustrie eben auch viele ausländische Fachkräfte anlockt, erhofft sich Chandra deshalb, ebenjene Fachkräfte besser an ihren neuen Wohnort zu binden. „Ich kenne zehn gute Ingenieure, die alle wieder gegangen sind“, berichtet er. „Es fehlt das Soziale.“

Weiterziehen würden die Fachkräfte stattdessen in die USA oder nach Großbritannien. Die Sportstätte in Hausen stellt er sich nicht nur einfach als Cricketplatz vor – sondern als sportliches Integrationszentrum, das südasiatischen Fachkräften das nötige Zugehörigkeitsgefühl bietet und Völkerverständigung fördert.

Für diese Vision konnte Chandra bisher reichlich Unterstützung einfahren: Bei einem Vor-Ort-Termin stapft Bürgermeister Christian Walter mit über die alten Fußballfelder, ebenso die Bundestagsabgeordneten Marc Biadacz (CDU), Jasmina Hostert (SPD) und Caroline van Monsjou als Vertretung für Peter Seimer (Grüne) sowie zahlreiche Vertreter der Cricketverbände von Land und Bund. Sogar der Indische Generalkonsul Shatrughna Sinha aus München ist angereist. Trotz aller Begeisterung für die Idee bleibt an diesem Tag aber vor allem eine Frage unbeantwortet: Wer bezahlt das Ganze?

Bei einer Förderung müsste die Stadt einspringen

Alleine für die nötigen Erdbewegungen müsste man rund eine Million Euro aufbringen, rechnet Bernd Glocker am Rande der beiden Fußballfelder in Hausen vor. Die Gesamtkosten hätten er und Chandra mit zwei Millionen Euro „großzügig kalkuliert.“ Erhofft hatten sich die beiden eigentlich eine Förderung vom Bund. Die würde aber voraussetzen, dass die Verantwortung für die Sanierung vom Verein zur Stadtverwaltung wandert, obendrein eine städtische Beteiligung von rund 10 Prozent der Gesamtkosten – was man sich allerdings im Rathaus nicht leisten kann.

Mit dem Cricket Campus in Hausen scheint Chandra in Sachen Förderung vielmehr in eine bisher unbediente Lücke im Fördernetz des Landes zu fallen. Er und seine Mitstreiter hoffen nun, in Berlin die Werbetrommel für ihr Vorhaben rühren zu können – und so einen Förderweg zu finden, der statt städtischen Mitteln vielleicht Gelder von privaten Investoren hinzuziehen könnte. Schließlich gibt es in der Region Stuttgart nicht nur viele Arbeitnehmer aus Indien – sondern auch jene Arbeitgeber, die sie brauchen.