Runder Geburtstag in bewegten Zeiten: Beate Scharfenstein (links), die Geschäftsstellenleiterin von Pro Familia in Böblingen, und die Kreisvorsitzende Kristiane Dongus Foto: /Stefanie Schlecht

Seit einem halben Jahrhundert gibt es die Beratungsstelle Pro Familia im Kreis Böblingen. Zum Fest werden nicht nur fröhliche Töne angestimmt.

Was 1974 im Keller der Leonberger Steintorhalle mit fünf Beratungen in drei Monaten angefangen hat, ist längst zur festen Größe im Kreis Böblingen mit über 1000 Beratungen pro Jahr geworden, mit eigener Geschäftsstelle, die seit 2002 in der Böblinger Pfarrgasse zu finden ist.

Das wurde nun gefeiert: das 50-Jahr-Jubiläum des Vereins Pro Familia im Landkreis Böblingen. „Gute Taten seit einem halben Jahrhundert“, formulierte es Oberbürgermeister Stefan Belz (Grüne) bei der Feier im Mehrgenerationenhaus Treff am See. Und er drückte den Gastgeberinnen „höchste Wertschätzung für die Arbeit, die sie für Frauen tun“ aus.

Von der Pille zur Verstümmelung

Auch die Themen haben sich gewandelt und ausgeweitet, mit denen Geschäftsstellenleiterin Beate Scharfenstein, Vereinsvorsitzende Kristiane Dongus und ihre Mitstreiterinnen konfrontiert werden und tagtäglich zu tun haben. Die eigens engagierte Eltinger Humoristin Erna Häberle hat es treffend dargestellt.

In den 1970er und 1980er Jahren hätten erst sie und dann ihre Töchter von Pro Familia die Antibabypille bekommen; dann ging es bei den Enkelinnen um sexuelle Aufklärung in der Schule und heute auch um neue Handlungsfelder wie Sexualität für Menschen mit Behinderung oder die in manchen Kulturen noch immer praktizierte Genitalverstümmelung von Frauen.

„Vor 50 Jahren war vieles nicht selbstverständlich, was heute selbstverständlich ist“, blickte der 1980 geborene Böblinger Oberbürgermeister auch ein wenig verwundert zurück. Doch an der Maxime von Pro-Familia-Mitgründerin Margarete Helmes, die eigens vom Bodensee angereist war, hat sich nichts geändert: „Sexualität darf angstfrei gelebt werden.“ Vor Ort für Frauen da zu sein sei die Aufgabe der engagierten Frauen, brachte es Belz auf den Punkt. Und das seit 1974 mit maßgeblichem Anteil an der Gründung des ersten Frauenhauses im Kreis Böblingen bis hin zum Schutz und Prävention vor sexualisiertem Missbrauch von Kindern.

Düstere Prognose

„Ein halbes Jahrhundert herausragendes Engagement zur Unterstützung von Familien bei Schwangerschaft, Sexualität und Partnerschaft“, würdigte in Stellvertretung von Landrat Roland Bernhard auch Dusan Minic. „Der Sozialstaat ist unter Druck, wir werden Vereine noch stärker brauchen“, prophezeite der Sozialdezernent des Kreises.

Mit dieser Prognose rannte er bei Ruth Weckenmann offene Türen ein. Die erste Vorsitzende von Pro Familia Baden-Württemberg befürchtet angesichts aktueller politischer Entwicklungen auch in Deutschland einen Abbau lang erkämpfter Freiheitsrechte für Frauen, wie er anderswo in Europa bereits üblich sei. Nach „einer Entscheidung mit guter Beratung, aber immer eigenverantwortlich und selbstbestimmt“ könne ein Schwangerschaftsabbruch manchmal auch richtig sein, betonte sie und wandte sich vehement gegen selbst ernannte „Lebensschützer“, die auch hierzulande immer wieder Praxen von Ärztinnen und Ärzten blockieren, die Abtreibungen durchführen.

Demgegenüber stehe die „jahrzehntelange hochwertige Arbeit von Haupt- und Ehrenamt“ bei Pro Familia mit gerade einmal 2,14 Stellen, verteilt auf vier Köpfe, im Kreis Böblingen.