Pro Familia Waiblingen bietet seit 50 Jahren Schwangerenberatung an. Leiterin Agnes Perjesi berichtet von neuen Projekten – wie der Kooperation mit einem Gefängnis.
Wenn Agnes Perjesi an die Bemühungen der letzten Regierung denkt, ärgert sie sich noch immer: „Die Ampelregierung war so dicht dran, das hätte der Durchbruch sein können. Jetzt fangen wir quasi wieder von vorne an und müssen weiterkämpfen“, sagt die Leiterin der Beratungsstelle Pro Familia in Waiblingen und meint die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. Zum Verständnis: Derzeit gelten für Abtreibungen die in Paragraf 218 des Strafgesetzbuches festgeschriebenen Regeln. Ein Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland grundsätzlich rechtswidrig. Er bleibt jedoch straffrei, wenn er in den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft vorgenommen wird.
„Die ehemalige Ampelregierung hatte zu dieser Frage eine Expertenkommission eingesetzt. Diese empfahl im Frühjahr 2024 die Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. Dann kam die vorgezogene Bundestagswahl im Februar 2025, und es fand sich keine Mehrheit, um das Thema noch vor der Wahl auf die Tagesordnung des Parlaments zu setzen“, sagt Agnes Perjesi.
Und die Leiterin der Beratungsstelle Pro Familia in Waiblingen erklärt das deshalb so genau, weil es wohl beispielhaft für die letzten 50 Jahre hinsichtlich sexueller Aufklärung und Selbstbestimmung ist. „Umstände, wie sie vor 50 Jahren vorherrschten, wären heute nicht mehr vorstellbar. Gynäkologen waren hauptsächlich männlich, die Frauen waren mit der Verantwortung für Verhütung allein und die ganze Thematik war maximal schambehaftet.“ Da habe sich viel getan, doch in anderen Bereichen führe man seit einem halben Jahrhundert denselben Kampf.
50 Jahre nach den Anfängen gibt es immer noch Tabus
Während die 48-Jährige in ihrem Büro sitzt und anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums der Waiblinger Beratungsstelle von Pro Familia Veränderungen, Meilensteine und Rückschläge Revue passieren lässt, ist sie sich ganz sicher, dass das Thema Schwangerschaftsabbruch noch genauso tabuisiert ist, wie zu den Anfangszeiten. „Ich mache auch Konfliktberatungen. Und ich denke, kaum eine Frau, in dieser schwierigen Situation, würde das offen thematisieren. Auch heute nicht“, sagt die dreifache Mutter, die sich wünschen würde, dass Frauen im Falle einer ungewollten Schwangerschaft einfach in eine Klinik gehen könnten, ohne verurteilt oder komisch angeschaut zu werden. „Ich bin hier seit vier Jahren. In der Zeit hatte ich schon viele Beratungen. Da war vielleicht eine dabei, bei der ich das Gefühl hatte, sie kennt den Beratungsprozess in- und auswendig. Die Allermeisten sind in Not und machen es sich nicht leicht.“
Doch der Leiterin der Waiblinger Beratungsstelle, die Fachärztin für Anästhesie und Intensivmedizin ist und berufsbegleitend noch Psychologie drauf gesattelt hat, fallen auch positive Entwicklungen ein. So habe sich die Beratung von bedarfsorientiert hin zu einem professionalisierten Angebot entwickelt. „Die Berater müssen dementsprechend ausgebildet sein. Und bei Teenagern geht es nicht mehr nur um das Thema ungewollte Schwangerschaft, sondern längst auch um queere Thematiken, übertragbare Krankheiten und den eigenen Körper“, sagt Agnes Perjesi und verweist passend dazu auf ein Kooperationsprojekt mit der JVA Schwäbisch Gmünd, einer Justizvollzugsanstalt für Frauen.
Der erste Beratungsdurchlauf mit inhaftierten Mädchen und jungen Frauen wurde unter dem Titel „FreiRaum für Aufklärung“ bereits durchgeführt. Intern trage das Projekt den Namen „Let’s talk about“ – und genau darum gehe es – miteinander ins Gespräch kommen und einen besseren Umgang mit den Themen Körper, Sexualität und Beziehungen ermöglichen. „Ziel ist es, durch sexualpädagogische Angebote Wissen zu vermitteln sowie zur Prävention sexualisierter Gewalt beizutragen. Damit soll die Selbstbestimmung gestärkt und die Reintegration der Frauen unterstützt werden“, erklärt Agnes Perjesi.
Das Projekt mit der JVA wird begleitet von der Pädagogischen Hochschule
Begleitet wird das Projekt von der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd, die die wissenschaftliche Evaluation übernimmt. Hintergrund sei der große Bedarf an Forschung in diesem Bereich – bislang würde es in Deutschland nur wenige Studien und Angebote zur sexuellen Bildung im Jugendvollzug geben. „Gerade diejenigen, die bereits in jungen Jahren in den Justizvollzug kommen oder sogar dort geboren wurden, brauchen in diesem Bereich besondere Unterstützung, um den Teufelskreis zu durchbrechen.“ Es gehe deshalb darum, Themen wie Aufklärung, Körper- und Zykluswissen sowie Verhütung niederschwellig und mit Wiederholungen aufzugreifen. „Die Zusammenarbeit dort klappt sehr gut. Die Frauen sind offen und bereit, ins Gespräch zu gehen. Darum geht es, denn Wissen und Bildung schützen.“
Neben der Planung und Durchführung solcher Projekte beschäftigt sich die Leiterin der Beratungsstelle Pro Familia in Waiblingen auch mit einem Thema, das aktuell fast alle umtreibt. „Wir müssen uns überlegen, wie wir künftige Generationen erreichen, die ihre Infos online und vielleicht auch nachts abrufen wollen“, sagt Agnes Perjesi, und sie ist sich bewusst, dass Social Media und KI immer größere Themen werden. „Wir haben schon digitale Beratungen, aber Ziel wird auch sein, dass sich Klienten online einen Termin machen können.“ Zudem sei eine Zukunftsvision, offene digitale Sprechstunden anzubieten. „Entweder wir passen uns an oder die Entwicklung geht an uns vorbei“, sagt die 48-Jährige, die bei der Gründung von Pro Familia in Waiblingen – 1975 – noch gar nicht geboren war. „Seither hat sich viel verändert, aber noch lange nicht genug.“
50 Jahre Pro Familia in Waiblingen – nicht alles ist anders
Jubiläumsfeier
50Jahre im Rems-Murr-Kreis für Selbstbestimmung und Vielfalt – das feiert die Beratungsstelle Pro Familia in Waiblingen an diesem Freitag, 19. September, ab 16.30 Uhr im Karo Familienzentrum, Alter Postplatz 17, groß mit Reden und musikalischer Begleitung. Nach einem gemütlichen Ankommen gibt es ab 17 Uhr die Begrüßung von Andrea Rieger, erste Vorsitzender von Pro Familia Waiblingen sowie Grußworte von Minister Manfred Lucha, Landrat Richard Sigel sowie dem Oberbürgermeister von Waiblingen, Sebastian Wolf. Auch Ehrungen und Einblicke in die Arbeit der Beratungsstelle gehören mit zum Programm, bei dem Gäste willkommen sind.