Alles für die Schönheit? Frei nach Oscar Wilde hat Wilke Weermann im Kammertheater Stuttgart das Stück „Pretty Privilege“ uraufgeführt.
Will der Mensch das wirklich? Einen aufgehübschten, ewig jungen KI-Avatar für sich arbeiten lassen und sich selbst dann in Langeweile auflösen? Und was ist schon Schönheit wert, wenn das „Pretty Privilege“ – das Privileg, das normschönen Menschen das Leben einfacher zu machen scheint – auf alle Menschen übergeht? Will der Mensch in der durchschnittsschönen Masse untergehen?
Solche Fragen werden derzeit in deutschen Theatern gerne in Gestalt von Dystopien behandelt. Dystopien sind in Mode, keine Frage. Und so ist die Welt, die Wilke Weermann als Texter und Regisseur von „Pretty Privilege“ im Kammertheater des Schauspiels Stuttgart auf die Bühne gebracht hat, eben eine düstere, unheimliche, eklige.
Das geht nicht gut aus
Weermann hat sich für sein Stück an Oscar Wildes Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ (1891) bedient, Figuren und Motive daraus entnommen und in unsere Zeit geholt. Im Roman geht es ja um den superattraktiven Dorian, der seinen Alterungsprozess vom Maler Basil Hallward auf ein Gemälde übertragen lässt. Während Dorian selbst sich zu Tode amüsiert und moralisch völlig verfällt, bleibt seine Schönheit erhalten, während das Bild (sein Inneres) immer hässlicher und abgründiger wird. Das geht bekannterweise nicht gut aus.
Weermann hat diese Idee, den eigenen Alterungsprozess auf ein Objekt zu verpflanzen. umgedreht und auf heutige mediale Themen-Hypes übertragen: auf Selbstoptimierung, Gesundheitswahn, Perfektionsstress, Botoxspritzen, Multimillionäre, die das Altern besiegen wollen, das postmortale Weiterleben im Internet in Gestalt von KI-Doppelgängern oder Körpertracking. Er hat dabei alles ordentlich auf die Spitze getrieben und eine poppige, aufgedrehte Gruselkomödie daraus gemacht.
Das Ganze spielt in einer Art Kabinett, einer „todesfreie Zone“, wo Gesundheitsmessias Dorian Gray, der Schönheitsdoktor Henry Wotton (bei Wilde Dorians Verführer) und Basil Hallward als KI-Doppelgängermacher agieren. Das Bühnenbild von Johanna Stenzel ist clean-weiß gekachelt, mit Rundbogen-Zugängen und -Fenstern ausgestattet, in denen antike Torsi stehen. Durch das große Tor in der Mitte erweitert sich das Spiel ins oft geheimnisvoll Unscharfe und Verschattete.
Dorian Gray als Karikatur aus Jesus und Rambo
Dorian Gray ist hier Heilsfigur, die ewiges Leben verspricht durch Tracking, Algorithmen und künstliche Intelligenz: Tim Bülow spielt eine Karikatur aus Jesus und Rambo, mit blond wallendem Langhaar, im Oberkörper-Muskelsuit, nackt bis auf eine altmodische Rippunterhose und Tennissocken (Kostüme: Teresa Vergho).
Sebastian Röhrle als Basil steckt in einer Kostüm-Mixtur aus Barbie-Ken und Quasimodo und ist für die Umsetzung der Avatarisierung zuständig, während der Elektrolyte schleckende Henry in beerenrotem Samtbody (Felix Jordan) selbst seinen eloquenten, narzisstischen Avatar in die Öffentlichkeit schickt, der in Talkshows für die nötige PR sorgt. Running Gag: Stets folgt seinem Redeeinstieg „Ich denke“ eine lange Pause à la ChatGPT, bevor lockerflockig die Antwort fließt.
Der KI-Avatar macht erfolgreich Karriere
Zum Objekt der drei wird die junge, schöne Schauspielerin Sibyl Vane (Teresa Annina Korfmacher), die einerseits unsterblich werden will, andererseits vom Perfektionsdruck der Filmindustrie genug hat. Ihr S-Fehler beim Sprechen werde stets digital getilgt, ständig würde sie durch Körperdoubles ersetzt, klagt sie. Ihr blonder KI-Avatar – der geradewegs dem Kino der 1950er-Jahre entsprungen scheint – macht von nun ab sehr erfolgreich Karriere.
Im Gegenzug beginnt aber schon bald der psychische und körperliche Verfall der „echten“ Figuren, sichtbar in bizarren Körperdeformationen, die an B-Horror-Fantasyfilme erinnern: Sibyls obere Kopfhälfte mutiert zu einem Gehirngeschwür aus zusammengesetzten Händen. Henrys Körper zieren zusätzliche Mundöffnungen.
Und – jetzt wird’s splatterig – aus ihren Körpern dringen braune Soßen und andere Exkremente. Später verschwinden die schlappen Körper im dampfenden Gully, während Sibyl sich gar in ein waberndes, amorphes, von innen leuchtendes Wesen verwandelt.
Problem des Stücks: Inhaltlich ist der Abend nach einer halben Stunde durch. Dann wird’s redundant. Und die einzige Person, die dem ganzen Irrsinn etwas entgegenzusetzen hat, ist Jane (Mina Pecik), die ihrer Schwester voller Sorge auf den Fersen bleibt. Doch zeigen ihre ständig eingeworfenen kritischen Fragen keine Wirkung, und ihre Figur versandet dramaturgisch im Nirwana. Was hat Jane also für einen Sinn? Inhaltlich bleibt es dürftig. Wer aber auf skurrile Kostüme steht und einen gut gespielten Abend sehen will, der wird sich vielleicht amüsieren. Dem Premierenpublikum jedenfalls hat’s hörbar gefallen.
Pretty Privilege: Kammertheater, am 10., 12. und 25. Februar sowie im März und April.