Wie Nichtregierungsorganisationen im Mittelmeer Bootsflüchtlinge retten, hat Brüssel-Korrespondent Knut Krohn selbst miterlebt. Beim Pressestammtisch zieht er ein Fazit.
Im Mittelmeer sind seit 2014 nach Schätzungen mehr als 30 000 Menschen auf ihrer Flucht nach Europa ertrunken. Auch wenn die Flüchtlingszahlen inzwischen zurückgehen, ist das Meer, an dem so viele Europäer ihren Urlaub verbringen, nach wie vor ein Massengrab. Knut Krohn, EU-Korrespondent und Redakteur unserer Zeitung, hat jahrelang aus Brüssel über das Thema Migration und Flucht berichtet. Um auch mit eigenen Augen zu sehen, was sich tatsächlich vor der Küste Afrikas abspielt, wenn sich Flüchtlinge aus aller Welt in hochseeuntauglichen Booten auf den Weg nach Europa machen, hat er im August vergangenen Jahres an einer Rettungsmission von SOS Méditerranée teilgenommen. Das Seenotrettungsschiff der europäischen Nichtregierungsorganisation für Seenotrettung im Mittelmeer, die „Ocean Viking“, kreuzte dabei knapp zwei Wochen lang vor der libyschen Küste.
„Die Flüchtlingsboote sind immer überladen und oft ohne Benzin, wenn sie entdeckt werden“, erzählt Krohn seinen Zuhörern am Dienstagvormittag in der Echterdinger Zehntscheuer beim Pressestammtisch – einer gemeinsamen Veranstaltung des Stadtseniorenrates und unserer Zeitung. Wie die Crew bei den Rettungsaktionen vorgeht, beschreibt der Redakteur als „hochprofessionell“. Auffällig sei aber auch, wie die Behörden, im Falle der „Ocean Viking“-Mission, die italienischen, die Arbeit der Seenotretter erschweren. So seien zum Beispiel Versorgungsfahrzeuge vor der Abreise im Hafen von Syrakus nicht bis zum Schiff vorgelassen worden.
Gleichzeitig stelle Frontex, die Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache, obgleich sie mit Drohnen ebenfalls nach Flüchtlingsbooten fahndet, diese Daten den NGOs nicht zur Verfügung. „Stattdessen geben sie ihre Informationen an die libysche Küstenwache weiter“, sagt Krohn. Erst kürzlich sei in der Folge die „Ocean Viking“ von der libyschen Küstenwache beschossen worden.
Als Krohn im August 2024 mit dem Rettungsschiff unterwegs war, konnte die Crew zahlreiche Flüchtlinge aufnehmen, von denen die Mehrzahl ursprünglich aus Bangladesch stammte. Dass viele der Bootsflüchtlinge, wenn sie aufgegriffen werden, krank oder verletzt seien, erklärt Krohn unter anderem damit, dass die Benzin-Salzwasser-Mischung in den Booten schwere Hautverätzungen verursache.
Sicher ist sich der Redakteur nach seinem Aufenthalt auf dem Seenotrettungsschiff indes, dass die Flüchtlinge eine Rettung durch die NGOs nicht einkalkulieren. Der häufig formulierte Vorwurf, dass erst durch die Seenotrettung ein sogenannter Pull-Faktor entstehe, der Menschen zur Flucht über das Mittelmeer anregt, hält Krohn für falsch.„Die Leute würden auch ohne die Seenotretter losfahren“, betont der Redakteur für Europa-Politik. Eine Flucht nach Europa werde von vielen als einzige Chance wahrgenommen. Gäbe es die NGOs nicht, so Krohns Fazit, würden einfach deutlich mehr Menschen im Mittelmeer ertrinken.