Szene mit Hase aus„Der Reichskanzler von Atlantis“ Foto: Björn Klein

Christine Gnann inszeniert „Der Reichskanzler von Atlantis“ von Björn SC Deigner an der Esslinger Landesbühne und zeigt, dass Arier alte Comics mögen.

Höhnisch lachend irrlichtert er durch Raum und Zeit, flimmert über die Gardine. Noch kriegt ihn die deutsche Hand nicht zu fassen, den Erzfeind, den Juden, den Weltverschwörer namens Hennoch Kohn, bekannt als Helmut Kohl, Geschäftsführer der Bundesrepublik Deutschland AG und Vater von Angela Merkel.

Reichsbürgers Albtraum in Björn SC Deigners Realfarce „Der Reichskanzler von Atlantis“ illustriert die Regisseurin Christine Gnann im Podium der Esslinger Landesbühne mit alten Comics: Elmer Fudd jagt Bugs Bunny, der Glatzkopf den Hasen. Die auf Inventar und Wände projizierten Zeichentricksequenzen stecken so etwas wie den zurückgebliebenen Bewusstseinshorizont ab in diesem Deutschen Reich, dessen Grenzen von 1871 vom Balkon bis zur Küche einer popligen Zweizimmerwohnung reichen, wo Frau Jutta altdeutschen Apfelkuchen mit Sahne bereitet. Auch kleine Arier müssen ja was essen, wenn große Dinge anstehen: die Befreiung des Reichs von einer dem deutschen Wesen fremden Demokratie.

Sie babbeln das Gewäsch nach, mümmeln Verschwörungsmärchen, zitieren spitzfindig das Grundgesetz, tun erwachsen, sind kindisch. Martin Theuer als Reichskanzler Fürst Burkhard ist ein Rentner-Bub mit schief gezogenem Mund, Angst vorm Sterben und arg folgsam, wenn Mamagattin Jutta (Gesine Hannemann) ihn zum Mittagsschläfchen hinlegt. Vor diesem Regierungschef buckelt der Reichsinnenminister (Markus Michalik), ein dressierter Krawall-Nazi mit gehörigem Respekt vor Schärpe, Ordensbehang und Operettenuniform. Bis durchbricht, was ihm wirklich Spaß macht: sein Spasmus der Gewalt. Mein Krampf, pyromanisch durchzuckt. Die Wahrheit der rechten Sprechblasen: Zisch! Boing! Hephep! Verbrennen, draufhauen, ausrotten! Da johlt man gerne mit bei eigentlich kulturfremden Ami-Comics. Hauptsache zisch, boing, Hackfleisch.

Die wollen nicht nur spielen, die Reichsbürgerkindsköpfe. Die Groteske infantiler Gewaltbereitschaft weist auf die Wirklichkeit versuchter und vollendeter Tötungsdelikte. Deigners Stück tappt nicht in die Verharmlosungsfalle, auch wenn es kein szenischer Verfassungsschutzbericht ist. Sondern die Anwendung der Ästhetik des Absurden auf eine dokumentarische Montage der Realität von Absurdem: Ariermärchen und Atlantismythen, Rassenwahn und geheimnisvolle Kräfte im Frauenhaar, an denen sich Männe auflädt wie an einer Batterie. Sowieso hat Gattin Jutta als Traditionshausmacht die Hosen an: eine Parodie auf die Tiktok-Insta-Mode der Tradwives, die Propagandashows häuslicher Influencerinnen fürs Zurück an den Herd und in die 50er-Jahre.

Das Vorvorgestrige als letzter Schrei fügt sich bestens zum immer gleichen Spinnerten, das sich rechtspopulistisch wiederholt. Dafür steht der Geist des (historisch realen) Nazi-Mystifax Rudolf von Sebottendorf. Den Wiedergänger ewigen Schwachsinns gibt Kim Patrick Biele mit pastoralem Elektrohall-Ton und getarnt im Hasenkostüm: Bugs Bunny als Jäger statt Gejagter, aber so gespenstisch wie der Feind, den er fantasiert.

Trautes Heim in den Grenzen von 1871: Martin Theuer als Reichskanzler und Gesine Hannemann als seine Gattin Jutta. Foto: Björn Klein

Ikea-Charme aus längst eingestampften Katalogen

Passend balanciert Gnanns Inszenierung auf dem Grat zwischen Vorbei und Wieder da – nicht zuletzt dank Judith Philipps Bühnenraum mit Ikea-Charme aus längst eingestampften Katalogen sowie der Berührung von Fax, Kabeltelefon und Internet. Das Reich des Kanzlers: eine Bundesbanalrepublik. Wie Gnanns Regie das Böse der Banalität als groteske Gewalt fokussiert, bleibt Farce, brennt ihr aber das Mahnmal des Grauens ein. Da mag Gesine Hannemanns starke Jutta den rechtsrabiaten Minister-Proll durchs Fenster entsorgen, als wär’s ein brauner Müllschlucker – man hat ja nichts mit Nazis zu tun. Aber dem Staat in Gestalt der Zahlungsrückstände einfordernden Frau Semmerling (Franziska Theiner) geht es an den Kragen. Auch wenn dann nur ihr Personalausweis brennt. Weil er sie als Personal der Bundesrepublik Deutschland ausweist.

Der Reichskanzler von Atlantis. 4., 14. und 15. Oktober, 21. November, 28. Januar, 13. Februar, 26. März und 2. Mai