Menschen mit Handicap haben kaum Zugang zum professionellen Tanz. Dass es anders geht, zeigt Grégory Darcys Tanzkompanie. Die feiert in Esslingen Premiere mit "Ways of Feeling".
Grégory Darcys Herzensanliegen ist es, die Inklusion in der professionellen Tanzwelt zu fördern und Tänzerinnen und Tänzern mit körperlicher und geistiger Beeinträchtigung eine Bühne zu geben. „Ich möchte die Menschen nehmen, wie sie sind. Ich möchte gemeinsam mit ihnen ihr Potenzial entdecken“, betont der französisch-schweizerische Filmemacher und Choreograf, der 2019 in Esslingen die inklusive Tanzkompanie gegründet hat. Am Samstagabend entführt die Truppe bei der Premiere ihrer neuen Performance „Ways of Feeling“ das Publikum mit mehreren Stücken in eine Welt, in der Tanz, Inklusion und eine KI-Roboterfrau aufeinandertreffen.
Ganz weich wird Leonard Exners Gesicht, als er schwärmt: „Ich liebe Tanz.“ Grégory Darcy ist voll des Lobes für den jungen Mann mit Handicap: „Leonard probt und trainiert viel, er ist ehrgeizig, und er ist ein Perfektionist. Er hat eine unglaubliche Dynamik und tänzerisch seinen ganz eigenen Style.“ Gemeinsam mit Tanzprofi Johannes Blattner zeigt Leonard Exner im neuen Stück „Nature Boy“, das in einer nahen Zukunft spielt, wie eng die Verbindung des Menschen zur Natur ist.
Tänzer mit und ohne Handicap in einer Show
Die Natur ist eine Energiequelle, aus der sich schöpfen lässt. Die gewonnene Kraft kann in Kreativität transformiert und sogar an andere Menschen weitergegeben werden. Mal drängend, mal eher meditativ bewegt sich das Tänzerduo durch die Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde – bis sie am Ende achtsam Fuß vor Fuß setzen.
Im Stück „Satellites in the Sky“, das im Hier und Jetzt spielt, werden Johannes Blattner und Joshua Cole von Satelliten umschwärmt. Dabei kommen – charakteristisch in Grégory Darcys Choreografien – den Händen und den Füßen besondere Aufgaben zu: „Hände, Finger, Füße und Zehen tanzen bei mir immer mit.“ Zur selbst komponierten und durch Elemente aus dem Tango erweiterten Musik suchen die beiden Tänzer ihren Weg durchs Leben.
Grégory Darcy: Von der Luft- und Raumfahrttechnik zur inklusiven Tanzkompanie
Der 17-jährige Joshua Cole, der trotz seines Handicaps seit seinem fünften Lebensjahr Balletttanz trainiert, ist Mitglied des Junior-Ensembles der Tanzkompanie. Grégory Darcy setzt auf Kooperation und schätzt die Entwicklungsmöglichkeiten, die in gemischten Gruppen stecken: „Junioren und Erwachsene, Tänzer mit und ohne Handicap, Laien und Profis, Tänzer und Musiker – bunt und vielfältig ist immer spannender als getrennt. Jeder gibt Impulse, jeder hat einzigartige Fähigkeiten, jeder hat eine innere Schönheit, jeder lernt von jedem.“
Als Künstler, der Luft- und Raumfahrttechnik studiert hat, interessiert sich Grégory Darcy auch für den Grenzbereich zwischen Mensch und Technik. „Ich gehe Risiken ein, ich will nichts Gemütliches zeigen, was andere schon gemacht haben“, erzählt er zum Stück „What can I do for you?“, in dem Profi-Tänzerin Lilly Bendl mit einer durch Künstliche Intelligenz gesteuerten Roboterin namens Maira tanzt. Die weiß lackierte Roboterfrau kann via Kamera wahrnehmen, sie reagiert auf Berührung, und sie verfügt über eine technisch erzeugte Stimme.
Echter Roboter bei Premiere auf Esslinger Landesbühne
Grégory Darcy, der sich das Programmieren von Maira selbst beigebracht hat, vergleicht die Arbeit mit der Roboterin mit der mit einem Tänzer: „Auch ein Tänzer macht dem Choreografen bei der Probe ein Bewegungsangebot. Dann entscheiden wir, was wir übernehmen und wie wir weitermachen.“ Die Musik erzählt dabei vom Wind und den Vögeln, auf der Haut der Tänzerin ranken sich Pflanzen-Tattoos, und Mensch und Maschine begegnen sich im poetischen Zwiegespräch: Statt über Sprache wird über den Körper oder über Bewegung kommuniziert. Lilly Bendl und Maira berühren, imitieren und beeinflussen sich gegenseitig.
Als künstlerischer Leiter der Tanzkompanie gibt Grégory Darcy zu Beginn der Probenphase eine Geschichte vor, steckt einen Rahmen ab, oder er bringt Bilder und Gefühle ins Spiel. „Durch die Begegnung miteinander erarbeiten wir dann gemeinsam daraus das Stück. Wir improvisieren viel, wir bieten etwas an und entscheiden zusammen, was gut ist oder was weg muss“, beschreibt Johannes Blattner den Entstehungsprozess neuer Choreografien, wie sie jetzt bei der Esslinger Premiere zu sehen sein werden. Grégory Darcy erklärt seine Rolle im Team so: „Es ist bei uns immer ein Miteinander, ich bin nur einer unter vielen.“ Lachend ergänzt er: „Ich war in meinem Leben schon oft Chef, als Ingenieur bei verschiedenen Firmen, sogar bei der NASA, das brauche ich hier nicht. Ich möchte, dass wir Künstler gemeinsam das Beste suchen. Und ich möchte, dass das Publikum Spaß hat und dass die Zuschauer unsere Botschaft – Inklusion – verstehen.“
Inklusion wird großgeschrieben
Grégory Darcy
Darcy studierte Luft- und Raumfahrttechnik und war als Ingenieur bei führenden Unternehmen der Luftfahrttechnik beschäftigt. Er absolvierte eine Ausbildung an der Berliner Tanzfabrik. Als Künstler arbeitet Grégory Darcy heute als Choreograf und Filmemacher. Mit seiner inklusiven Tanzkompanie wurde er mehrfach zu Festivals eingeladen und mit Preisen ausgezeichnet.
Die Tanzkompanie
Das Ensemble wurde 2019 von Grégory Darcy gegründet und hat seine Heimat im Esslinger Kulturzentrum Dieselstraße. Darcy möchte, dass jeder Mensch ganz selbstverständlich dazugehört, dass auch Menschen mit Handicap gleichberechtigt und selbstbestimmt alles mitmachen können – in der professionellen Tanzszene und in der Gesellschaft.
Premiere
Das neue Programm „Ways of Feeling“ der Tanzkompanie ist am Samstag, 29. November, um 20 Uhr in der Württembergischen Landesbühne in Esslingen zum ersten Mal auf der Bühne zu erleben. Bereits um 19.15 Uhr gibt es vorab im Podium 2 eine Stückeinführung.