Video-Einspielungen begleiten die autofiktionale Erzählung „Komm Ma Janz Nah Bei Mir“ im Studio Theater. Foto: 10 hoch 27/Antonio Lallo

Das Kunstkollektiv 10 hoch 27 zeigt im Studio Theater „Komm Ma Janz Nah Bei Mir“, die Erzählung eines Berliner Frauenlebens.

„Gans prima!“ steht doppelt unterstrichen unter einem Gänsebraten-Rezept, das Sabine Christiane Dotzer noch vor Beginn ihrer autofiktionalen Erzählung „Komm Ma Janz Nah Bei Mir“ im Studio-Theater aus dem Kochbuch ihrer Oma Herta vorliest. Damit stimmt die Schauspielerin, die lange zum Ensemble der Landesbühne Esslingen gehörte und dort weiter als Gast auftritt, ihr Publikum auf ein Frauenleben ein. Beginnend in Pommern führte es von Ost- nach West-Berlin und barg bei allem Hang, das Herz auf der Zunge zu tragen, so manch dunkles Geheimnis.

Die Annäherung an die vertraute Großmutter, die mit ihrer schnoddrigen Direktheit die Enkelin immer wieder verblüffte, geschieht spartenübergreifend: durch das Spiel und die Erzählung der wandlungsfähigen Darstellerin, über die gegeigten musikalischen Sequenzen der Violinistin Anna Breidenstein und über Video-Einspielungen (Antonio Lallo), die wesensprägende Landschaften in den Theaterraum holen. Als bruchstückhafte Erinnerungsfetzen fügen sich diese Elemente zu einem lückenhaften Mosaik voller vager Ahnungen um bittere Wahrheiten.

Kartenlegen als Überlebensstrategie

„Da kamen die Russen, und fünf Mann sind über mich drüberjerollt“ brachte Oma Herta ein Stück Zeitgeschichte und ihr privates Schicksal mit Berliner Zungenschlag lapidar auf den Punkt. Auch dass die Ehe mit einem zwanzig Jahre älteren Mann und das Kartenlegen für Nachbarsfrauen, die wissen wollten, ob ihre Männer aus Krieg und Gefangenschaft wiederkehren, reine Überlebensstrategie war, scheint im heiteren Plauderton dunkel auf.

Unter der Lichtregie von Daniel Winkenbach finden die szenischen, visuellen und akustischen Mosaikteile immer wieder zu erhellenden Verdichtungen, wobei das von Sabine Dotzer gegründete Kunstkollektiv 10 hoch 27 dem Publikum viel Freiraum lässt, um die losen Erzählstränge fortzuspinnen. Auch wenn nicht jeder eine Oma Herta hat, so steht ihr Typus mit der Eigenheit, den Zumutungen des Lebens mit schnoddriger Treffsicherheit zu begegnen, doch für eine ganze Generation.

Ein letztes Zupfen an der Geigensaite markiert das Ende

Nur selten, etwa in der Kartenleg-Szene, droht das Bühnengeschehen zu zerfasern. Und das Ende war mit dem letzten Zupfen an der Geigensaite schon erreicht. Die aus dem Off per Tonband eingespielte Schilderung aus dem Hospiz mag für die Erzählerin zu ihrer Erinnerung gehören, für die künstlerische Verdichtung eines Frauenlebens, das Krieg, Vertreibung, Mauerbau und Wiedervereinigung erlebt hat, hätte man sie nicht gebraucht.

Weitere Vorstellungen: 3., 7. und 10. Dezember, 20 Uhr. Kartentelefon 0711-24 60 93 oder per Mail info@studiotheater.de.