Elisabeth Stöppler inszeniert an der Staatsoper Stuttgart „Die Meistersinger von Nürnberg“ mit einem fantastischen Ensemble – und fesselt sechs Stunden lang ihr Publikum.
Ein weißer Raum, so weiß wie ein leeres Blatt Papier. Hans Sachs, der Schumacher und Poet, holt sich Tisch und Stuhl, setzt sich mit dem Bleistift hin. „Fanget an!“ Nein, so einfach geht das nicht, Sachs grübelt, streicht das „Fanget an!“ wieder durch. Was könnte alles passieren? Eva kommt jetzt herein, noch braust und feiert sich das Orchester durchs C-Dur-Vorspiel. Auch diese Frau will Dichterin sein. Flüssig schreibt die emanzipierte Eva: „So rief der Lenz in den Wald.“ Es ist das Lied, mit dem Walther, ihr Liebhaber, sich um sie bewerben will.
Altfränkisch, mit einem fröhlichen Volk auf der Festwiese, das seinem Schuster-Führer „Heil dir Sachs!“ zujubelt – so kommen „Die Meistersinger von Nürnberg“ höchstens noch ländlich-touristisch auf die Bühne. Dieses Werk, 1868 uraufgeführt, ist ja angeblich Richard Wagners komische Oper und klingt definitiv wunderbar romantisch.
Ohne politische Haltung geht es nicht
Aber es ist nicht harmlos, sondern belastet: als Reichsparteitagsfestspiel der Nationalsozialisten. Und weil Richard Wagner die Figur des Beckmesser, der im Sänger- und Liebhaberwettstreit um Eva als nörgelnder Kunstkritiker auftritt, antisemitisch denunziert.
Das muss einem die Regie nicht bei jeder Gelegenheit um die Ohren hauen. Aber ohne eine politische Haltung geht’s nicht. Weshalb zum Beispiel im vergangenen Sommer in Bayreuth bei den Festspielen die Inszenierung von Matthias David befremdete: als nette, bunte Klamotte, alles ausblendend.
Sechs fesselnde Stunden
Und was bietet nun die Staatsoper Stuttgart – 33 Jahre nach Hans Neuenfels’ „Meistersinger“-Sicht auf ein wiedervereinigtes Deutschland der hämischen Ressentiments? „Fanget an!“ Wer da vor allem neu und ungemein tiefgründig das Textbuch und auch die Rezeptionsgeschichte studiert hat, wer als Erzählerin auftritt, die das Publikum fesselt, sechs Stunden lang, das ist die Regisseurin Elisabeth Stöppler. Premierenjubel am Samstagabend, Standing Ovations.
Elisabeth Stöppler hat ein großes interpretatorisches Paket geschnürt, das sie aber nicht nur behauptet, sondern das als Musikdrama funktioniert, nachvollziehbar: mit einem fantastischen Ensemble, einem gewaltigen Staatsopernchor und dem erstklassigen Staatsorchester, das unter der Leitung von Generalmusikdirektor Cornelius Meister im Graben als fortwährender Unruheherd agiert: auf der Alarmstufe, antreibend, aufwühlend, kommentierend.
Eva küsst ihr Idol Sachs
Die Regisseurin zeichnet Figuren, die man ganz neu begreifen lernt. Es ist geradezu Schauspielertheater – aber immer bis auf den letzten Affekt ausgesungen. Romanhaft ließe sich etwa von Hans Sachs berichten. Der Weißhaarige ist die Legende. Die dilettierend dichtenden Handwerker, die gerne verkünstelt Karo tragen (treffliche Kostüme von Gesine Völlm) sind neben ihm nur Statisten. Eva vergöttert Sachs, küsst ihr Idol leidenschaftlich. Aber Sachs steigen Ruhm und Zuneigung zu Kopf, er hält sich für den Retter der deutschen Kunst. „Wahn, Wahn, überall Wahn!“, konstatiert er und verfällt im Altersfrust selbst dem Größenwahn: holt sich umnachtet eine rote Schleppe, krönt sich zum König. Allmachtsfantasien. Er tippt auf der Schreibmaschine ein Drehbuch der Machtergreifung.
Im ersten Akt zeigt die Bühne von Valentin Köhler ein Holzbalkengerüst, die Meistersinger sitzen davor am langen Tisch wie zum Abendmahl, die Frauen hängen das Banner „Hier gilt’s der Kunst“ auf und reichen Eintopf. Im zweiten Akt ist die Baustelle gewachsen, eingeklinkerte Häuslichkeit. Aber im dritten Akt sieht man, was wirklich gebaut worden ist: die Führer-Tribüne auf dem Nürnberger Zeppelinfeld.
Sachs, der wie König Lear deliriert, schreibt die Szenenanweisung, auf die Bühnenwand projiziert: „Ein freier Wiesenplan, im ferneren Hintergrunde die Stadt Nürnberg“ – so steht’s bei Wagner, aber dann folgen Albert Speers megalomanische Pläne fürs Gelände. Mit solchen Details bricht Regisseurin Stöppler die Propaganda im Wagner-Werk, aber nicht banal. Eher verfremdet sie das Pathos mit Vogelfiguren ins Surreale. Und immer geht es ums Wort: gesungen, gesprochen, geschrieben.
So inszeniert Stöppler den zweiten Akt als einen Sommernachts-Albtraum: enthemmte Menschen. Der Nachtwächter (Michael Nagl, mächtig-düster kantabel) als teuflischer Bote. Der mit Magdalene (Maria Theresa Ullrich) verlobte David (Kai Kluge, mit heldentenoraler Unbekümmertheit) schlägt Beckmesser äußerst brutal zusammen. Auf Wagners Prügelfuge folgt zu Beginn des dritten Akts die „Todesfuge“ – ja, die von Paul Celan, über Lautsprecher: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.“ Hans Sachs hat die Augen geschlossen, geradezu Unheil ausbrütend. Verstörend. „Aufhören“-Rufe aus dem Publikum, „Nazi!“-Konter, demonstrativer Applaus, fast ein Tumult in der Staatsoper. Und dann dirigiert Cornelius Meister das Vorspiel als innigste Trauermusik, abgrundtief, ungemein berührend.
Wohin das alles führt: Walther singt sein Preislied „Morgenlich leuchtend“ auf der Führer-Tribüne, als Heilsbringer in silberner Uniform, der dann, mit Phoenix-Flügeln, in den Himmel abhebt. Daniel Behle hat dafür die stählern verführerische, einschüchternd großartige Tenorstimme. Nur Eva, die vermeintliche Braut-Trophäe, die funkelnd helle Esther Dierkes, hält dagegen. Sie verschmäht Walther, widmet ihr Lied dem unterlegenen Beckmesser, rehabilitiert ihn. Und schreibt ein Gedicht (von Nelly Sachs), Frieden beschwörend: „Völker der Erde,/ zerstöret nicht das Weltall der Worte/ Zerschneidet nicht mit den Messern des Hasses/ den Laut, der mit dem Atem zugleich geboren wurde.“
Beckmesser als nerdiges Opfer
Zwei Stunden dauert allein der dritte Akt der „Meistersinger“ – in Stuttgart vergehen sie äußerst spannend-kurzweilig. Was man noch alles erzählen könnte: etwa wie es der Regie gelingt, den Beckmesser als nerdiges Opfer ernst zu nehmen und Björn Bürger diese verlorene Figur bass-virtuos singt. Alles wirkt über die Musik. Und es ist der Abend des Martin Gantner. Er verkörpert grandios den Sachs, so hell kantabel wie prononciert fies und mit hundert anderen hörbaren Charaktereigenschaften. „Fanget an!“? Man möchte diese komplex-mitreißenden „Meistersinger“ gleich noch einmal erleben.
Noch fünf Mal im Opernhaus Stuttgart
Termine
Die Neuinszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ steht in dieser Saison noch fünf Mal auf dem Spielplan – am 15. Februar sowie am 1., 8., 14. und 22. März. Alle Aufführungen beginnen um 16 Uhr und enden gegen 22 Uhr (mit zwei Pausen). Alle Termine sind schon ausverkauft, evtl. Restkarten.