Probenszene mit Henrik Erikson aus dem neuen Ballett „Vermilion“, für das die Choreografin Vittoria Girelli kreative Prozesse zwischen Chaos und Ordnung ergründet. Foto: Stuttgarter Ballett/Roman Novitzky

Die Choreografin feiert beim Ballettabend „Augen/Blicke“ Opernhaus-Premiere. Ihr neues Werk „Vermilion“ will ergründen, wie schöpferische Prozesse Ordnung ins Chaos bringen.

Noch ein Karrieresprung für Vittoria Girelli: Die Halbsolistin des Stuttgarter Balletts hat bereits eine Handvoll Stücke für die eigene Kompanie choreografiert; begonnen mit „Chrysalis“ im Jahr 2020, waren alle im Schauspielhaus zu sehen. Nun gelingt der Italienerin mit ihrer nächsten Uraufführung der Sprung auf die große Bühne. Vittoria Girellis neues Stück „Vermilion“ geht im Rahmen des Ballettabends „Augen/Blicke“ im Opernhaus über die Bühne, Premiere ist an diesem Freitag.

„Das ist natürlich eine große Ehre für mich, einen Ballettabend mit Kollegen wie Christopher Wheeldon sowie Paul Lightfoot und Sol León bespielen zu dürfen“, sagt Vittoria Girelli und nimmt Bezug auf die beiden weiteren Stücke im Programm: Der Brite Christopher Wheeldon gibt mit dem 2008 für das San Francisco Ballet entstandene „Within the Golden Hour“ sein Stuttgarter Debüt. Das Duo Lightfoot/León kehrt mit dem 2016 fürs Nederlands Dans Theater choreografierten „Shut Eye“ zurück.

Zehn Tänzer tragen Rot

Ob berühmte Nachbarschaft, eine größere Bühne oder ein live musizierendes Orchester: „Ich muss zwar mehr Elemente zusammenbringen, aber an meiner choreografischen Arbeit ändert das im Grunde nichts“, sagt Vittoria Girelli. Auch in „Vermilion“ will sie Inspirationen aus verschiedenen Künsten und Wissenschaften zusammenbringen. Der englisch ausgesprochene Titel verweist auf eine Farbe, die auf Deutsch Zinnoberrot heißt und die reines Rot mit einem Schuss Orange aufpeppt. Der feurige Ton, der früher aus einem seltenen Mineral gewonnen wurde, verkörpert für die Choreografin eine Innenwelt und findet sich in den Kostümen ihrer zehn Tänzer wieder.

Zehn Tänzer tragen feuriges Rot

Die Installationen des indisch-britischen Künstlers Anish Kapoor, der oft auf diese Farbe zurückgreift, nennt Vittoria Girelli als eine Anregung für „Vermilion“. Im Kern ihres Interesses steht der Moment, in dem Chaos in Ordnung übergeht. Dem Ursprung des Kosmos gilt dabei Vittoria Girellis Augenmerk ebenso wie kreativen Prozessen. Als Beispiel nennt sie die Sage von Deukalion und Pyrrha, die nach einer Flut neue Menschen schufen, indem sie Steine hinter sich warfen. Oder künstlerisches Schaffen wie das von Michelangelo, der in seinen Skulpturen den Übergang vom unbehauenen Stein in ein menschliches Abbild thematisiert. „Wie diese Körper aus rohem, unbelebtem Material entstehen, fasziniert mich“, sagt Vittoria Girelli.

Proben für „Vermilion“ mit Rocia Aleman Foto: Stuttgarter Ballett/Roman Novitzky

Dieses Wechselspiel zwischen Ordnung und Chaos, Konstruktion und Dekonstruktion will sie in den Tanz übertragen. Auch die Auftragskomposition von Davidson Jaconello greift das Thema auf und bringt das Spiel des Staatsorchesters und elektronischen Sound aus der Konserve in eine Balance. Zum ersten Mal arbeitet Vittoria Girelli mit Tom Visser zusammen, der sich im Umfeld des Nederlands Dans Theaters und in der Kooperation mit Choreografen wie Johan Inger und Crystal Pite einen Namen als Lichtdesigner machte. „Das ist ein sehr inspirierender Künstler, der auch die Bühne gestaltet“, sagt Vittoria Girelli, will aber nicht mehr verraten. „Es soll überraschend bleiben.“

Nach Aufträgen aus Zürich, Trier und Rom hofft die Choreografin weiterhin auf Angebote anderer Kompanien. Das Tanzen will die Halbsolistin auch als gefragte Schrittmacherin nicht aufgeben. „Mit anderen Choreografen zusammenarbeiten ist für meine eigene Arbeit unglaublich inspirierend“, sagt die Künstlerin.

Wenn „Augen/Blicke“ tanzen

Termine
„Augen/Blicke“ hat an diesem Freitag, 19 Uhr, im Opernhaus Premiere. Bis zum 7. April gibt es insgesamt neun Vorstellungen, für fast alle sind noch einzelne Restkarten verfügbar.