Von der Maas bis an die Memel: Christine Gnann inszeniert an der Esslinger Landesbühne „Der Reichskanzler von Atlantis“ von Björn SC Deigner.
Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Aber es reicht von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt. Also vom Balkon bis zum Sofa. Fürst Burkhard sieht sich als einzigen wahren deutschen Reichskanzler. In seiner Residenz im fünften oder sechsten Stock, betüttelt und bekocht von Gattin Jutta, regiert er unbegrenzt in den Grenzen von 1871 das vierte Reich, das eigentlich das zweite ist, das Kaiserreich. Nur wenn Frau Müller von unten los muss, muss sein Gast, der Reichsinnenminister, kurz umparken. Kompromisse, die man als Reichskanzler und völkischer Beobachter gern eingeht.
Ganz genau beobachtet er fürs deutsche Volk dessen Todfeind Hennoch Kohn: Jude natürlich, bekannt unter dem Pseudonym Helmut Kohl, leiblicher Vater von Angela Merkel. Der Feind will die arische Rasse zersetzen, Mittel zum Zweck ist die Bundesrepublik, eine Erfindung der Zionisten, Freimaurer, üblichen Verdächtigen.
Alles sehr lustig, ein krachender Reichsbürgerdeppenspaß? Auch. Aber nicht nur. Der Autor Björn SC Deigner hat sein Theaterstück „Der Reichskanzler von Atlantis“ – gemäß rechter Mär das untergegangene Ur-Arier-Reich – 2019 geschrieben. „Vor Corona“, betont die Regisseurin Christine Gnann, die das Stück an der Esslinger Landesbühne inszeniert. Premiere ist an diesem Freitag. Mit Corona, so die Regisseurin, hat sich die Situation verschärft. Pandemie und Lockdowns öffneten den Verschwörungserzählern viele Ohren, Masken und Impfen waren ein Booster für Rechtsesoterik, Rechtsextremismus und die Ladenhüter der Bewegung bis hin zum Antisemitismus.
Absurdität wird wieder real
Seit Corona ist die AfD noch stärker, die Reichsbürger sind zum Fall fürs Bundeskriminalamt geworden. „Man würde heute wohl mehr Bedrohung in den Text reinpacken“, sagt Gnann, die zugleich die sprachliche Präzision des Stücks lobt. Weder verharmlosend noch als bloßer Jux lotet diese Sprache hinein in die verquere Welt des Reichskanzlers samt seines – im Wortsinn – Ghostwriters Rudolf von Sebottendorf, einer historischen Gestalt, Verleger des Nazi-Hetzblatts „Völkischer Beobachter“. Absurdität wird wieder real.
Die Premiere beginnt an diesem Freitag um 20 Uhr im Podium 1 des Esslinger Schauspielhauses. Weitere Vorstellungen: 4., 14. und 15. Oktober, 21. November, 28. Januar, 13. Februar, 26. März, 2. Mai.