Vier Stuttgarter Schülerinnen haben einen Tag lang als Pflegekräfte gearbeitet. Wir haben die Neuntklässlerinnen begleitet und auch gefragt, was sie besonders überraschend fanden.
Ein kleiner Pieks in den Finger, dann tröpfelt eine Mitarbeiterin eine winzige Menge Blut auf ein Plättchen, das sie anschließend in ein rotes Gerät steckt. „Sehr gute Werte“, freut sich die junge Frau und zeigt die Ergebnisse den vier Schülerinnen, die ihr gebannt zuschauen. Aurelia, Linn, Celine und Lilly sind an diesem Freitag Praktikantinnen für einen Tag. Im Rahmen des Mitmachen Ehrensache-Programms haben sie sich in diesem Jahr für ein Praktikum im Karl-Olga-Krankenhaus im Bereich Pflege entschieden.
Die vier Schülerinnen begleiten das Krankenhauspersonal einen Tag lang auf der Hals-Nasen-Ohren-Station und auf der Orthopädie, die zu seinen Klinikschwerpunkten zählt. Ab halb neun sind die Neuntklässlerinnen aktiv ins Tagesgeschäft eingebunden: Zuckerwerte messen, Hämoglobinwerte messen, Essen verteilen, Blutproben ins Labor bringen.
Während sie den erfahrenen Kolleginnen und Kollegen über die Schulter schauen dürfen, können sie am Freitagmorgen auch beobachten, wie eine Infusionsnadel entfernt wurde. „Ich war überrascht, wie lang die war“, erzählt Celine später und ihre Freundin Linn ist davon überrascht wie anders die Perspektive plötzlich ist, wenn man zum Personal gehört. „Als Patient denkt man nicht so viel darüber nach, wie es anderen geht, als Pfelgerin schon“, stellt sie bereits nach einem halben Tag fest.
Zum ersten Mal Blutdruckmessen
Linn und Celine eilen durch den Flur. Im blauen Oberteil, weißer Hose und Turnschuhen sind sie vom Stammpersonal nicht zu unterscheiden. Doch jugendliche Praktikanten dürfen nicht alleine arbeiten. Entweder müssen sie überwacht werden oder den routinierten Personal über die Schulter schauen. Gerade wartet ein Patient auf seine Blutdruckmessung. „Habt ihr schon mal Blutdruck gemessen?“, fragt Susanne Demant. Die erfahrene Krankenschwester ist Praxiskoordinatorin und kümmert sich um Auszubildende, Praktikanten und Menschen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren wollen.
Die beiden 14-Jährigen verneinen. Susanne Demant holt ein klassisches Messgerät heraus, eines mit Stethoskop. „Ja, es gibt auch Geräte, die von selbst messen. Aber, man sollte lernen, wie es geht. Das ist sonst so, als würde der Bäcker nicht wissen, wie man Brot backt.“ Linn ist als erste dran.
Sie setzt das Stethoskop auf, pumpt und dreht anschließend die Ventilschraube langsam wieder auf. „Ich höre den Herzschlag“, freut sie sich über ihre erste Untersuchung.
Und wie findet es der Patient, dass sich so junge Menschen für den Beruf interessieren? „Ich denke, wir finden es alle gut. Und wenn man im Krankenhaus ist, freut man sich über jeden, der sich zusätzlich um einen kümmert“, sagt er im Brustton der Überzeugung und wünscht den beiden Schülerinnen alles Gute.
Weihnachtlich geschmücktes Haus
Weiter geht es zu einer Patientin, die nach einer Operation ihre Wunde kühlen muss. Aus einem Kühlschrank holen die Praktikantinnen neue Kühlelemente und machen sich auf zum Zimmer. Die Zimmernummer ist, wie alle anderen im Haus, mit Tannenzweigen und Christbaumkugeln geschmückt. Auch im Karl-Olga-Krankenhaus hat die weihnachtliche Stimmung Einzug gehalten. Krankheiten kennen keinen Kalender.
Die Schülerinnen klopfen und nach einem „herein“ betreten sie das Zimmer. Die Patientin ist wieder guter Dinge. Sie freut sich, dass ihre OP gut verlaufen ist, zeigt sogar stolz eine Handyaufnahme, die sie nur wenige Stunden nach dem Eingriff stehend zeigt. Aurelia nimmt den Baumwollbezug, in dem das bereits warme Kühlpack steckt und wechselt es gegen ein kaltes aus. Die 14-Jährige hat großes Interesse an der Medizin. Sie ist bereits Schülersanitäterin an ihrer eigenen Schule und möchte später Krankenschwester werden.
Behutsam legt sie das Päckchen dann wieder auf das Bein der Patientin. Diese findet es super, dass die Jugendlichen das Schnupperpraktikum machen können. „Es gibt viele Talente aber in den Schulen bekommen die Kinder viel zu wenig Orientierung für welchen Beruf sie eventuell brennen.“
Dass die Vier jetzt schon die Gelegenheit hatten in den Krankenhausalltag hineinzuschnuppern, ist für die vier Neuntklässlerinnen ein Glücksfall. Normalerweise nehmen Krankenhäuser Schülerinnen und Schüler ab einem Alter von 16 Jahren für Praktika auf. Susanne Demant erhofft sich, dass dank der Einblicke auch deutlich wird, wie vielfältig der Beruf in der Pflege ist. Oftmals werde das Negative hervorgehoben, bedauert sie. Wenn man aber aktiv dabei sei, sieht man auch, dass es der Beruf direkt am Patienten ist. „Wir sind ein familiäres Krankenhaus und haben ein schönes Miteinander hier“, erzählt sie weiter. Mit familiär spielt sie auch auf die Größe des Karl-Olga-Krankenhauses an. Das Haus ist mit seinen 355 Vollstationären Betten ein eher kleines Krankenhaus.
Tag des Ehrenamts
Der Tag für dieses Praktikum ist nicht zufällig gewählt. Der 5. Dezember ist nämlich der Tag des Ehrenamts. Jugendliche und Arbeitgeber haben an diesem Tag die Möglichkeit Gutes zu tun. Eine Win-Win-Situation für beide Seiten: Schülerinnen und Schüler können in Berufe hineinschnuppern und das verdiente Geld für einen guten Zweck spenden. Arbeitgeber können dem Nachwuchs ihre eigene Branche schmackhaft machen. Die Schulen beteiligen sich übrigens, indem die Jugendlichen an diesem Tag frei bekommen. Allein in Stuttgart haben Jugendliche im Vorjahr 15.150 Euro am Aktionstag erarbeitet.