Seit dem Wintersemester sind die Studierenden wieder komplett in Präsenz-Lehre an den Universitäten – auch in Stuttgart und Heidelberg. Viele freuen sich über die neue Normalität – dennoch wünschen sich einige auch weiter digitale Formate.
Endlich wieder im Hörsaal mit Kommilitonen sitzen statt allein vor dem Laptop in der Online-Vorlesung: An den meisten Hochschulen in Deutschland finden seit Beginn des Wintersemesters 2022/23 wieder alle Vorlesungen in Präsenz statt. Wie an der Universität Stuttgart, wo die meisten froh über die vollständige Rückkehr zum Präsenzbetrieb sind. So auch Nana Moutafidou, Referentin des Prorektors für Lehre und Weiterbildung, die auf die Herausforderungen bei der Umstellung auf Online-Lehre zurückblickt. „Wir hatten zwar bereits vor der Pandemie eine Lernplattform, die die Möglichkeit bot, digitale Features zu nutzen. Diese hatte aber nicht den Anspruch, Präsenzveranstaltungen zu ersetzen.“ Daher sei die Hochschule damals nicht sofort in der Lage gewesen, Lehre in gleicher Quantität und Qualität anzubieten wie in Präsenz. Doch die Online-Lehre habe sich in kürzester Zeit weiterentwickelt.
„Es war eine sehr hektische Zeit“, erinnert sich Dominik Göddeke, Matheprofessor an der Universität Stuttgart. Als die Hochschule im März 2020 schließen musste, hatte er nur wenige Wochen Zeit, seine Lehre komplett auf den Online-Betrieb umzustellen. Weil sich seine Studierenden Lernvideos wünschten, zeichnete Göddeke seine Vorlesungen auch auf und bot Sprechstunden per Liveübertragung an. Wenngleich der Professor vom Institut für angewandte Analysis und numerische Simulation anmerkt, „dass eine Vorlesungsaufzeichnung in einem leeren Raum ohne direktes Feedback didaktisch eine enorme Herausforderung darstellt“.
Lernen im eigenen Tempo dank Vorlesungsaufzeichnungen
Dennoch konnte Göddeke der Online-Lehre auch etwas Positives abgewinnen. „Ich habe die zeitliche Flexibilität sehr genossen“, erzählt der Professor und spricht damit auch vielen Studierenden aus der Seele. Beispielsweise Kay Martin Schlosser, Chemiestudent an der Universität Heidelberg. Dass viele der Veranstaltungen aufgezeichnet wurden, ermöglichte es dem Studenten, die Vorlesungen seinem eigenen Lerntempo anzupassen. „Das hat sehr gut geklappt, weil man die Videos auf unterschiedlicher Geschwindigkeit anschauen konnte und die Möglichkeit hatte zurückzuspulen.“ Florian Hog, der an der Universität Stuttgart Erneuerbare Energien studiert, ist ähnlicher Meinung. „Ich habe während des Online-Studiums besser gelernt“, meint er.
Rückkehr zum Präsenzbetrieb verläuft problemlos
Christoph Walcher dagegen hat mit den aufgezeichneten Vorlesungen überwiegend schlechte Erfahrungen gemacht. Der Softwaretechnikstudent von der Universität Stuttgart erklärt, dass sein Studienalltag durch den Wegfall der Präsenzvorlesungen während der Pandemie stark an Struktur verloren hatte. Bis er sie wiedergewann, sei fast ein Jahr vergangen. An das Präsenzstudium hätte er sich dagegen deutlich schneller wieder gewöhnt.
Wie Schlosser hat Walcher vor allem den Austausch mit Kommilitonen vermisst. Auch Matheprofessor Göddeke hat sich gefreut, wieder viele Studierende in seinem Vorlesungssaal zu sehen. Der Professor erzählt, dass er keine Probleme gehabt habe, wieder in Präsenz vor Studenten zu stehen: „Dadurch, dass ich meinen Vorlesungsstil nicht groß geändert hatte, war die Umstellung instantan.“ Göddeke hat sich dazu entschieden, seine Vorlesungen weiter aufzuzeichnen. Fast alle Studierenden würden dennoch zur Vorlesung kommen – die Aufzeichnung helfe ihnen bei der Prüfungsvorbereitung.
Studierende wünschen sichPräsenzlehre und digitale Inhalte
Mit seiner Entscheidung steht Göddeke nicht allein da. Laut einer Umfrage des Stifterverbands für die deutsche Wissenschaft, für die mehr als 1800 Lehrende befragt wurden, möchte rund die Hälfte weiter Veranstaltungen in Digital-Formaten anbieten. Sehr zur Freude vieler Studierender, darunter Schlosser, Hog und Walcher. Einer Befragung des Centrums für Hochschulentwicklung zufolge, an der rund 5800 Studierende und 650 Dozierende teilnahmen, wünschen sich Studierende am häufigsten eine Kombination aus Präsenzunterricht und ausgewählten digitalen Inhalten. Das gilt auch für die Lehrenden.
Uneinig sind sich die beiden Parteien in puncto Hybridlehre. Bei diesem Lehrformat findet die Veranstaltung in Präsenz statt und wird gleichzeitig online übertragen. Während 25 Prozent der Studierenden die Hybridlehre befürworten, tun dies nur fünf Prozent der Lehrenden. Kay Martin Schlosser bezeichnet die Hybridlehre als „zweischneidiges Schwert“. Einerseits gebe sie einem mehr zeitliche Flexibilität, andererseits verleite sie dazu, die Veranstaltung weniger zu besuchen. Dominik Göddeke weist darauf hin, dass dieses Lehrformat für einen Dozierenden in einer großen Lehrveranstaltung mit mehreren Hundert Teilnehmenden allein nicht zu stemmen ist, weil dieser nicht gleichzeitig die Studierenden im Hörsaal sowie auf dem Laptop im Auge behalten kann.
Von einer reinen Online-Lehre halten weder die Studierenden noch die Lehrenden (jeweils zwei Prozent) viel. Dass die Hochschulen zeitnah wieder schließen und ihre Lehre auf online umstellen müssen, ist derzeit äußerst unwahrscheinlich. Sollte es wider Erwarten doch dazukommen, sind sich Nana Moutafidou und auch die Leitung der Universität Stuttgart jedoch sicher: „Wir wären diesmal deutlich besser vorbereitet und könnten unmittelbar auf Online-Lehre umstellen.“ Und auch Göddeke glaubt: „Der Wechsel zurück zur Online-Lehre wäre zur Not innerhalb kürzester Zeit möglich.“ Verzichten würden die beiden wie so viele Hochschulakteure dennoch wohl nur allzu gerne auf dieses Szenario.