Schild in einer Stuttgarter Bäckerei Foto: Andrea Schmitz

Es geschieht mehr Gutes, als man oft denkt. Auch in Stuttgart. Man muss es nur wahrnehmen wollen, meint Lokalchef Jan Sellner.

Stuttgart - Zeitung, der Journalismus, hat immer auch eine emotionale Seite. Diese Seite ist jetzt gerade wieder deutlich hervorgetreten, als der Brief eines Pfarrers in der Redaktion einging. Darin wies Ludwig-Frank Mattes von der katholischen Gesamtkirchengemeinde SE Stuttgarter Madonna auf eine Leserin hin, die vor wenigen Tagen in ihrem 100. Lebensjahr verstorben ist. 70 Jahre lang hat sie ein Zeitungsabonnement bezogen. Die Dame, so berichtete der Pfarrer, habe „ihre Zeitung“ unter einem besonderen Blickwinkel gelesen: Sie suchte gezielt nach positiven Dingen. „Immer wenn ich sie besuchte, erzählte sie mir, was sie Dankenswertes aus der Zeitung bezogen hat.“

Dabei war sie vom Leben keineswegs verwöhnt gewesen: Ihren Mann hatte sie im Krieg verloren, sie war ausgebombt worden und wurde vertrieben. „Corona konnte sie da nicht mehr erschrecken“, schrieb der Pfarrer. Im Gegenteil. „Sie sah das viele Gute, das während der Pandemie geschah: Solidarität, Zusammenarbeit, gegenseitige Hilfe.“ Und eben nicht nur das Negative. „Die Begegnung mit ihr ergänzte meine Art, Zeitung zu lesen“, berichtet der Geistliche, der sich bisher an den Theologen Karl Barth gehalten hatte: „Wie man beten soll, das steht in der Bibel. Und was man beten soll, das steht in der Zeitung.“ Der Blick der alten Dame auf die Medien gefiel ihm besser. Er nennt sie seine „Lesetrainerin“.

„Was tust du für die anderen?“, fragte Martin Luther King

Das gibt Gelegenheit, auf das Gute hinzuweisen, das – oft wenig beachtet – auch weiterhin geschieht. Angefangen von den vielen Menschen in dieser Stadt, die sich unentgeltlich für andere einsetzen, über die unverzichtbar gewordene Vesperkirche bis hin zu den Spenderinnen und Spendern unserer Benefizaktion, deren Namen erst jüngst wieder ganze Zeitungsseiten füllten. Martin Luther King, der am 15. Januar 93 Jahre alt geworden wäre, der aber nicht einmal halb so alt geworden ist wie die alte Dame, hat etwas universell Gültiges gesagt, das folglich auch für uns Bedeutung hat: „Die dringlichste und immer wieder aufkommende Frage im Leben ist: Was tust du für die anderen?“ Auf diese Frage haben bemerkenswert viele Menschen eine Antwort. Wem das zu abstrakt ist, der kann in der Zeitung zum Beispiel das Ärztepaar Sara und Roman Laszlo entdecken, das nach Praxisschluss im Stuttgarter Westen übrig gebliebene Impfdosen auf der Straße verimpft. Oder er macht Bekanntschaft mit einer Sprechstundenhilfe, die gereizten Patienten mit Gelassenheit begegnet, man könnte auch sagen mit einer Eselsgeduld. Oder er trifft auf eine Arzthelferin, die der Patientin im Aufwachraum nahebringt, dass es für ihr Wohlbefinden besser wäre, sie würde erst einmal zu sich kommen, bevor sie mit dem Handy hantiert. Nicht der Rede wert? Mag sein. Vielleicht aber doch, weil Fürsorge oft nicht als Wert an sich gesehen wird.

Freundlichkeit zahlt sich buchstäblich aus

Das gilt auch für das Gesundheitswesen als Ganzes. Vom Standpunkt der alten Dame aus betrachtet, kann man darin ein freundlich gesinntes Wesen erkennen, das sich aus vielen menschlichen Wesen zusammensetzt, denen das Wohlergehen anderer etwas bedeutet. In der Pandemie ist dieser menschenfreundliche Zug besonders stark hervorgetreten. Dafür gab es auch Applaus. In der Natur des Beifalls liegt es jedoch, dass er schnell wieder verrauscht. Eine substanzielle Form der Wertschätzung in Form besserer Arbeitsbedingungen für Pflegerinnen und Pfleger lässt immer noch auf sich warten.

Wir sind weit entfernt von der besten aller Welten. Dennoch kann man viel Positives finden – in den Medien wie im Leben. Vor allem, wenn man kleine Gesten und andere Kleinigkeiten einbezieht. Etwa das Schild in einer Stuttgarter Bäckerei mit der Aufschrift: „Ein Kaffee“ – 2 Euro, „Ein Kaffee bitte“ – 1,90 Euro, „Guten Morgen, ein Kaffee bitte“ – 1,80 Euro. Dazu der Hinweis: „Freundlichkeit zahlt sich aus.“ Der alten Dame hätte es vermutlich gefallen.