Unter welchen Bedingungen wird zum Beispiel in Ungarn aktuell Kunst produziert? Beim Auftaktwochenende des Stuttgarter Europa-Theatertreffens stand der Kampf gegen Despotie und Faschismus auf der Agenda.
Die Freiheit der Kunst und die der Rede sind in Deutschland eine Selbstverständlichkeit. So sollte es auch für alle anderen Staaten der Europäischen Union gelten. Wer in Deutschland lebt, kann sich allerdings kaum vorstellen, unter welchen Bedingungen zum Beispiel in Ungarn aktuell Kunst produziert wird. Das haben ungarische Künstler beim Auftaktwochenende des bis zum 18. Juni in mehreren Staffeln stattfindenden Stuttgarter Europa-Theatertreffens, kurz Sett, gezeigt. So feierte am Freitag Béla Pintérs Farce „Miststück“ in der Regie von László Bagossy Premiere – das Drama erzählt mit bösem Humor davon, wie innerhalb einer Dorfgemeinschaft faschistoides Denken um sich greift. Silvia Passera und Manuel Krstanovic spielen darin das ungarische Ehepaar Irén und Attila, das sich vergeblich ein Kind wünscht, nachdem ein Gott in Weiß Irén ohne deren Zustimmung die Gebärmutter entnommen hat. Der einzige Ausweg aus der Kinderlosigkeit führt über eine Adoption.
Rustikal vereinfacht
Doch die ist kompliziert, außer bei Teenagern, denn die sind unbeliebt und bleiben immer übrig, erklärt die Leiterin des Waisenhauses (Natascha Beniashvili-Zhed) dem verzweifelten Paar. So nehmen Irén und Attila die Teenagerin Rószi (Natália Bálint), genannt „Miststück“, bei sich auf. Weil Rószi im Heim eine Blutspartnerschaft mit Anita (Stefani Matkovic), einer sogenannten „Zigeunerin“, eingegangen ist, müssen Irén und Attila auch dieses Mädchen bei sich aufnehmen. Der unerfüllte Kinderwunsch ist damit zwar vom Tisch. Dafür schlagen sich Irén und Attila nun mit den Vorurteilen der Dörfler herum, die Anita als „Zigeunerin“ und beide Mädchen als „Tramp-Huren“ schmähen. Rószis entsetzliches Gebiss erschwert zusätzlich deren Integration in die Gemeinschaft. Dass ihr Selbstbewusstsein unterm Status des hässlichen Waisenkindes gelitten hat, zeigt sich auch an Rószis Selbstbeschreibung. „Ich bin ein Skorpion! Ich habe ein übles Temperament“, sagt sie ihren Zieheltern.
Bagossy inszeniert die böse Posse auf fast nackter Bühne, mit wenigen Requisiten im sonst schwarzen Raum. Von der Schar der Dörfler setzt Bagossy allerdings einige Autoritätspersonen ab: einen Polizisten, einen Arzt (Stefan Kirchknopf) und die Leiterin des Waisenhauses, die mit christlicher Strahlenkrone auf dem Kopf ihren Sermon abgeben. Das Spiel ist rustikal vereinfacht, manchmal überlaut und schrill, wenn es zur Sache geht. Der Plot ist klug konstruiert und führt das Abgleiten gutmütiger Leute in Menschenverachtung und Faschismus mustergültig vor. Faschismus ist keine abstrakte Erfindung intelligent-gerissener Strategen, macht das Stück klar, sondern etwas, das von ganz normalen Menschen im alltäglichen Zusammenleben ausgeht, befeuert von Wut, Trauer, Neid und Angst. So beschreibt Bagossy mit seiner Inszenierung nicht nur einen speziell ungarischen Zustand, sondern ein allgemeingültiges Phänomen.
Ein ausgestreckter Mittelfinger in Richtung des ungarischen Despoten
Wie sich die rigide Politik unter der Regierung Victor Orbáns konkret auf die Arbeit von Kulturschaffenden vor Ort auswirkt, hat der ungarische Opernregisseur Dániel Sándor Máté anhand seiner Filminszenierung von Giaccomo Puccinis „Gianni Schicchi“ nachvollziehbar gemacht. Die Oper selbst ist dabei alles andere als ernst. Puccini erzählt, basierend auf einer Episode aus Dante Alighieris „Göttlicher Komödie“, wie sich Gianni Schicchi für den verstorbenen Buoso Donati ausgibt, um dessen Testament zu fälschen. Die Familie des Toten ist hinter dessen Vermögen her und jubelt dem Notar mit dem armen, zugezogenen Schicchi einen falschen Donati unter. Doch Schicchi schreibt sich selbst den Löwenanteil des Erbes zu und triumphiert über die Trauer heuchelnde Verwandtschaft.
Máté hat die Oper mit Orchester, Sängern und Schauspielern in einer alten Fabrik aufgeführt und das Geschehen mit Kameras begleitet. Die Bilder wurden live auf eine 28 Quadratmeter große Leinwand für das Publikum im Freien projiziert, erzählt er stolz bei der Einführung am Samstagmorgen im Theater Tri-Bühne. Der Film selbst ist witzig und originell, die Idee, dass Schauspieler die Partien der Sänger vor der Kamera spielen, geht voll auf. Die Inszenierung ist unter besonderen Umständen entstanden; als Produktion der ungarischen Free-SZFE-Bewegung, die für eine unabhängige Hochschule in Budapest kämpft. Die Akademie für Theater- und Filmkunst war einer regierungsnahen Stiftung übergeben worden, die Lehre und Ausbildung im Sinne der Regierung Orbán steuern will. Studierende und Lehrer gründeten daraufhin einen Verein und arbeiten seither im Untergrund. Man kann Mátés „Gianni Schicchi“ also als ausgestreckten Mittelfinger in Richtung des ungarischen Despoten deuten.
Der Kampf ist hart
Gegen Despoten aller Art, aber gegen Wladimir Putin im Besonderen richtete sich am Samstagabend Dieter Nelles Inszenierung von Aischylos Tragödie „Die Perser“, das aus Sicht der Verlierer die Niederlage des persischen Königs Xerxes in der Seeschlacht von Salamis 480 v. Chr. schildert. Aischylos hatte aufseiten der Sieger an der Schlacht teilgenommen und versetzt sich als Autor in die Perspektive der unterlegenen Perser. Nelle inszeniert das Stück im Forum Theater mit vier Darstellern: Martina Guse spielt die Königinmutter Atossa, Peter Blum, Ralph Hönicke und Stefan Maaß agieren in Mehrfachbesetzung. Die Handlung ergänzt Nelle mit Aussagen wehrhafter Ukrainer als Pro- und Epilog. So knüpft die Inszenierung eine Verbindung zwischen den historischen Persern und Putins Russland, weil beide einen vermessenen Krieg führten und sich damit ins Unglück stürzten. Der Kampf gegen Despotie ist hart, erzählen die ersten Inszenierungen des Festivals, aber Aufgeben keine Option.