Wenn es zum Konflikt kommt, rät der Experte dazu, auf Distanz zu den Angreifern zu gehen oder sich zu anderen Fahrgästen zu setzen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski - Lichtgut/Leif Piechowski

In den vergangenen Monaten ist es vermehrt zu Übergriffen auf Fahrgäste gekommen. Ein Konfliktexperte zeigt auf, wie man richtig einschreitet.

StuttgartPeter Kollmannthaler ist nicht in der betroffenen Stadtbahn gewesen. Doch die Situation kann er sich lebhaft vorstellen: „Ein klassischer Fall, der zeigt, wie schmal der Grat zwischen Zivilcourage und Gefahr sein kann“, sagt er. Der Fall hatte sich vergangenen Freitag in einer Stadtbahn im Stuttgarter Süden abgespielt, als eine Frau von einer Gruppe Jugendlicher angepöbelt wurde. Eine couragierte Zeugin wollte ihr helfen und wurde selbst zum Opfer – doch wie verhält man sich in einem solchen Fall? Kollmannthaler ist Experte für solche Situationen. Der pensionierte Erste Polizeihauptkommissar war einst Leiter des Einsatztrainings bei der Stuttgarter Polizei, übte mit den Beamten Konfliktsituationen des Alltags, heute ist er Leiter des Lehrteams für Gewaltprävention beim Württembergischen Judo-Verband. Er weiß: Wer in solchen Situationen helfen will, sollte sich nicht mit Tätern anlegen – sie nicht mal ansprechen. „Es kann nur darum gehen, die bedrängte Person aus der gefährlichen Situation herauszuholen“, sagt Kollmann­thaler. Indem man etwa nur das Opfer anspricht: „Setzen Sie sich doch zu uns rüber.“ Das kann schon recht gut helfen. Aber immer gilt: „Situationen ändern sich sehr schnell“, sagt Kollmannthaler, „deshalb muss man stets ein Gespür dafür entwickeln, wann es gefährlich wird.“ Und das heißt: Dann besser auf Distanz gehen. Was in einer Bahn unter Umständen schwierig ist. Es gäbe dort aber die Möglichkeit, die Nähe anderer Fahrgäste zu suchen. Bei seinen Präventionsschulungen im öffentlichen Raum lautet sein wichtigster Wahlspruch: „Was ist die beste Verteidigung gegen einen Faustschlag? Sei nicht da.“

Doch die 37-jährige Zeugin war noch da, als sich die Aggressionen der Jugendlichen gegen sie selbst richteten. Als die Stadtbahn der Linie U 34 in der Haltestelle Marienplatz im Stuttgarter Süden anhielt, wurde die Helferin von einem Jugend­lichen geschlagen – ins Gesicht und in den Bauch. Die Frau erlitt dabei leichte Verletzungen. Immerhin war die Polizei schnell zur Stelle. Sie konnte vier Jugendliche in Tatortnähe stellen und die Personalien aufnehmen. Alle vier sind 16 Jahre alt. Ob sie mit der Tat etwas zu tun haben, wird derzeit noch von Beamten des Reviers Gutenbergstraße ermittelt. „Die in der Stadtbahn gemachten Videoaufzeichnungen werden hierzu noch ausgewertet“, sagt Polizeisprecherin Ilona Bonn. Die Tat­beteiligungen dürften dann leicht nachweisbar sein.

Die Polizei bestätigt: Die Zahl der Aggressionsdelikte im öffentlichen Raum hat zugenommen. Im vergangenen Jahr hatten die Beamten 3755 solcher Fälle registriert, eine Zunahme von 6,4 Prozent. Dabei gab es knapp 1000 Fälle der schweren und gefährlichen Körperverletzung – ein Plus von 7,2 Prozent. Um trotz allem ein sicheres Gefühl für Fahrgäste in S-Bahnen zu schaffen, fordert die FDP-Fraktion im Verband Region Stuttgart mehr Maßnahmen, die von der Regionalversammlung beschlossen werden sollen. Der Bereich hinter den Fahrerständen der S-Bahnen soll als „sicheres Abteil“ ausgewiesen werden – mit entsprechender optischer Gestaltung und zusätzlichen Kameras. „Die Kosten könnten womöglich im Rahmen des ohnehin anstehenden Re-Designs abgedeckt werden“, sagt FDP-Fraktionschef Kai Buschmann. Durch „klare Verhältnisse“ und zusätzliche Kameras könne das Abschreckungspotenzial erhöht werden.

Vor allem in den letzten Wochen kam es vermehrt zu Zwischenfällen im öffentlichen Nahverkehr. Das zeigt auch ein Blick in die Crimemap unserer Zeitung. Am 24. Oktober streiten sich zwei Männer um einen Sitzplatz in der S-Bahn-Linie S 60 bei Korntal (Kreis Ludwigsburg), dabei wird einer bewusstlos geschlagen. Am 17. Oktober macht sich ein 21-Jähriger in der S-Bahn S 5 über einen aufgebrachten Mann lustig, der sich nach dem Aussteigen in Bietigheim-Bissingen mit Messerstichen rächt. Am 16. Oktober bedroht ein Fahrradbesitzer in einer S-Bahn der Linie S­ 1 am Halt Hauptbahnhof einen Fahrgast mit einem Messer, als der sich beim Aussteigen über das störende Fahrrad beschwert. Am 13. Oktober geht ein Betrunkener gegen Reisende eines Regionalzugs im Hauptbahnhof vor, und zwei 18-Jährige werden am Bahnhof Bad Cannstatt beim Aussteigen aus einer S-Bahn von einem Duo brutal attackiert.

Die 37-Jährige ist bei dem Angriff am Freitag vergleichsweise glimpflich davongekommen. Worum es bei der Auseinandersetzung ging, bei der sie mutig eingeschritten war, ist noch immer unklar. Die Frau, der die Zeugin aus der Bredouille geholfen hatte, ist weiterhin unbekannt. „Sie hat sich auch nachträglich nicht gemeldet“, sagt Polizeisprecherin Ilona Bonn. Dabei wäre sie eine wichtige Zeugin für die Ermittler.

Regeln für den Ernstfall

Das Landeskriminalamt hat in einer Initiative für mehr Zivilcourage sechs Regeln aufgestellt, mit denen gefährliche Situationen bewältigt werden können.

Gefahr: „Bring dich nicht in Gefahr“, lautet die erste Regel. Man solle sich zwar einmischen, wenn einem eine Situation merkwürdig vorkommt, dabei aber den eigenen Schutz immer im Blick behalten. Also Distanz zum Täter halten, und besonders wichtig: das Opfer und nicht den Täter ansprechen.

Notruf: Im Ernstfall sollte die Polizei schnell unter der Notrufnummer 110 informiert werden. Je früher, desto besser – und bitte mit genauer Orts- und Situationsbeschreibung. Die Nummer ist immer kostenfrei.

Mithilfe: Viele sehen etwas – und wenden sich ab. Dabei hätten sie gemeinsam mit anderen Zeugen einschreiten können. Wenn man eine brenzlige Situation bemerkt, sollte man deshalb andere umstehende Menschen direkt ansprechen und sie um Mithilfe bitten.

Merkmale: Täter machen sich schnell aus dem Staub. Dann ist es gut, wenn die Polizei zur Fahndung eine genaue Beschreibung bekommt. Vermeintliche Nebensächlichkeiten können wichtig sein. Deshalb sollten Zeugen genau die Augen offen halten.

Kümmern: Erste Hilfe kann Leben retten, deshalb sollte man sich sofort um verletzte Personen kümmern und schnellstens den Rettungsdienst alarmieren. Wer nur als Schaulustiger und Gaffer der Situation beiwohnt, hilft damit niemandem und steht nur im Weg.

Zeugen: Täter kommen häufig ohne Strafen davon, weil sich Zeugen nicht bei der Polizei melden. Gründe können Angst, Zeitmangel oder Bequemlichkeit sein. Eine Aussage bei der Polizei kann den Ermittlern helfen, Straftaten aufzuklären. Die Polizei mahnt: Jeder kann in eine Situation kommen, in der er Unterstützung braucht und für Hilfe dankbar ist – auch im Nachhinein als Zeuge.

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