Ein Justizbeamter führt in einem Gerichtssaal des Landgerichts Stuttgart den Angeklagten zu seinem Platz. Foto: dpa

Der Angeklagte im Prozess der Plochinger Geiselnahme entschuldigt sich vor dem Stuttgarter Landgericht bei seinem Opfer, an dem er sich mehrfach verging und das fast 24 Stunden in seiner Gewalt war. 

Das schockierende Geschehen vom 8. April dieses Jahres ist vielen noch in Erinnerung: Auf einem Feldweg bei Reichenbach wird eine 23-Jährige, die auf dem Nachhauseweg Richtung Plochingen ist, gegen 20 Uhr trotz heftigster Gegenwehr von einem Unbekannten überwältigt. Unter Todesandrohung bringt er sie in eine nahe gelegene Gartenhütte, in der der Obdachlose seit eineinhalb Jahren lebte. Dort wird die junge Frau fast 24 Stunden lang festgehalten und von ihm mehrfach vergewaltigt, bevor ein Suchtrupp sie befreit. Zur Last gelegt wird dieses Verbrechen einem 36-Jähriger mit einer kriminellen Vorgeschichte. Vor der 9. Großen Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts übernahm er dafür auch die volle Verantwortung.

Breit angelegte Suchaktion brachte Erfolg

Geiselnahme und Vergewaltigung in einem besonders schweren Fall legt ihm die Staatsanwaltschaft zur Last. Die Anklageschrift enthält wegen Schwere des Verbrechens sogar den Vorbehalt einer Sicherungsverwahrung, ohne diese allerdings anzuordnen. In allen Details schilderte die Vertreterin der Staatsanwaltschaft, wie der Tatverdächtige sein Opfer überwältigt hat und wie er sich an der jungen Frau verging. Zwischen den Vergewaltigungen habe er immer wieder Drogen genommen und Alkohol getrunken und teilweise zusammen mit dem Opfer ein Video angeschaut. Zwischendurch habe er sie gefesselt und sei nach Draußen gegangen, um ihr Handy und einen Schuh von ihr zu suchen. Am nächsten Tag brachte eine breit angelegte Suchaktion Erfolg. Ein Feuerwehrmann wurde gegen 19.30 Uhr auf die Geschehnisse in der Gartenhütte aufmerksam. Durch ein Fenster konnte er die Frau befreien. Der Täter flüchtete. Nach kurzer Zeit konnten ihn Polizeibeamte an der nahen Bundesstraße 10 festnehmen.

Der Angeklagte äußerte sich zwar zu seinen Verhältnissen und zu seiner langen Drogenkarriere, zum Fall selbst zunächst allerdings nicht. An seiner Stelle gab sein Verteidiger Thomas Mende eine „abschließende Erklärung“ ab, in der der Angeklagte die im vorgeworfenen Taten vollumfänglich gesteht. Beim Opfer wolle er sich „in aller Form entschuldigen“, wohl wissend, dass die Tat nicht entschuldbar sei. Durch den massiven Drogen- und Alkoholkonsum sei „die Kritikfähigkeit seines Handelns sehr stark eingeschränkt gewesen“. Massiver Drogen- und Alkoholkonsum hätten „sein Gehirn derart benebelt, dass er sich zur Tat hat hinreißen lassen.“ Im Normalzustand hätte er das Verbrechen „nie und nimmer getan“. Er wolle sich der Verantwortung stellen. Eine Langzeittherapie sieht der Angeklagte als einzige Chance, sein Leben wieder in dem Griff zu bekommen. Zu dieser Entzugsbehandlung ist er auch bereit.

„Ich wusste nicht, was ich tun soll“

Nach einer Verhandlungspause beantwortete der 36-Jährige doch Fragen zur Tat. Er habe die junge Frau öfter auf dem Feldweg vorbeilaufen sehen, berichtete der Angeklagte. „Geplant war das nicht“, sagte er auf mehrmalige Nachfragen. Ein echtes Motiv habe er nicht. Die Frau zu töten, sei nie seine Absicht gewesen. Er habe ihr von Anfang an gesagt, dass er sie wieder laufen lasse. Der 36-Jährige bestätigte, dass er sein Opfer kurzzeitig auch mit Kabelbindern gefesselt und geknebelt habe, um draußen nach dem Rechten zu schauen. Auf die Frage, warum er das Martyrium so lange hinausgezögert habe, wusste er keine Antwort. „Ich wusste nicht, was ich hier tue. Ich war kaputt, körperlich völlig am Arsch.“ An dem Tag sei ihm vieles durch den Kopf gegangen, sein ganzes verpfuschtes Leben. Etwa alle halbe Stunde habe er Marihuana genommen, insgesamt etwa fünf Lines mit Speed gezogen und über den Tag verteilt mehr als eine halbe Flasche Wodka getrunken. Dadurch sei er „aufgeputscht und betäubt zugleich“ gewesen. Auch Suizidgedanken habe er gehabt. „Ich wusste nicht, was ich tun soll.“ Vermutlich wäre er irgendwann abgehauen. 

Vor der Anklagebank sitzt ein Mann, der schon in jungen Jahren auf die schiefe Bahn geraten ist. Eine Schreinerlehre brach er vorzeitig ab, schon bald nahm er Drogen, vor allem Marihuana, gelegentlich auch Kokain. Er wurde arbeitslos, zwischendurch bekam er Jobs in der Logistikbranche, mit denen er sich über Wasser hielt. 2008 wurde er wegen schweren Raubs zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt. Im Gefängnis machte er den Hauptschulabschluss nach. Wegen guter Führung wurde er auf Bewährung vorzeitig aus der Haft entlassen. Doch beruflich kam er danach nicht mehr auf die Beine. Auch privat lief es nicht. Mehrere Beziehungen mit Frauen gingen in die Brüche. Gelegentlich bekam er einen Job, auch als DJ verdiente er sich etwas Geld. Doch er rutschte mehr und mehr ab. Er wurde arbeitslos und lebte von Hartz IV. Als seine Eltern nach Bayern zogen, hatte er plötzlich keine Unterkunft mehr. Er wurde obdachlos. Drei bis vier Wochen lang lebte er im Herbst 2020 bei Reichenbach in einem Zelt, bis er auf Plochinger Gemarkung auf eine Gartenhütte stieß, die zuletzt für eineinhalb Jahre seine Bleibe war.