Hans-Günther Driess (Mitte) hat den Folklorechor inspiriert – sein Nachfolger David Müller (links) will diesen Weg weitergehen. Foto: Roberto Bulgrin

Hans-Günther Driess hat sich als Musikpädagoge am Plochinger Gymnasium und als Gründer und hoch geschätzter Leiter des örtlichen Folklorechors einen Namen gemacht. Auch im Ruhestand lässt ihn sein Faible für die Musik nicht los.

Für Oscar Wilde war Musik das größte Geschenk, das den Menschen gegeben ist. Hans-Günther Driess liebt es, dieses beglückende Präsent an andere weiterzugeben – ob als Musikpädagoge im Schulunterricht oder als Dirigent des Folklorechors Plochingen. Seit der Gründung 1976 war er dessen Herz und Seele. Und genau wie seinen Schülerinnen und Schülern am Plochinger Gymnasium hat der heute 74-Jährige auch den Sängerinnen und Sängern des Folklorechors die Freude an der Musik vermittelt. Aus dem Schuldienst hat sich Driess vor Jahren in den Ruhestand verabschiedet, auch die Leitung des Folklorechors hat er in jüngere Hände gelegt. Doch sein Faible für die Musik wird ihn nie loslassen.

Ansteckendes Lächeln

„Ich komme aus einem musikbegeisterten Elternhaus“, erzählt er. Mit acht Jahren nahm er Klavierunterricht. Das Gitarrenspiel hat er sich selbst beigebracht, später kam die Orgel hinzu. Schon zu Studienzeiten hat er Orgel- und Gitarrenunterricht erteilt, und er hat sein musikpädagogisches Talent perfektioniert. Driess besitzt die Fähigkeit, künstlerischen Anspruch mit pädagogischer Leichtigkeit zu vereinen. Er möchte Chöre und Orchester in die Lage versetzen, zu zeigen, was in ihnen steckt. Dem Folklorechor Plochingen bescherte er Radioproduktionen, zwei LPs, vier CDs und die Mitwirkung an einer Fernsehsendung. Dabei ist er nie verbissen: „Ich will, dass alle gerne in die Proben kommen. Wenn ich jemanden mit einem Lächeln begrüße, bekomme ich ein Lächeln zurück. Und wenn ich meine Begeisterung zeige, wirkt das ansteckend.“

Wie jeder gute Dirigent hat Driess eine klare künstlerische Handschrift: „Ich habe mich nie als Herrgöttle gefühlt und wollte nie akademisch steif dirigieren.“ Genauso wenig war es sein Ding, die Bewegungen des Ensembles zu choreografieren: „Gerade bei südamerikanischen Stücken dürfen die Zuschauer sehen, dass die Sängerinnen und Sänger mitgehen. Aber die Bewegung muss dem Gefühl des Augenblicks entspringen.“

Dass ihm der Spagat zwischen Ernsthaftigkeit und Freude mit all seinen Ensembles gelungen ist, liegt nicht nur an seinem empathischen Naturell, sondern auch an der Bodenhaftung, die ihm die Arbeit mit Schulensembles beschert hat. „Mich hat es immer begeistert, die Talente junger Menschen zu fördern“, sagt der frühere Fachleiter für Musik am Plochinger Gymnasium. Ob mit dem Schulchor, der Big Band oder dem Schulorchester – Driess hat umjubelte Auftritte, Konzertreisen und viel beachtete Projekte realisiert. Unvergessen sind die großen Musicalprojekte, die Schulchor, -orchester und Combo gemeinsam mit der Theater-AG und dem Bereich Kunst gestemmt haben. Und die stets auch einen gesellschaftspolitischen Anspruch hatten wie das Musical „Yanomamo“, das die Bedrohung der Indigenen im Amazonasgebiet thematisiert hat.

Mehrfach ausgezeichnet

Vieles war nur in der Freizeit realisierbar, weil Driess Wert darauf gelegt hat, dass der reguläre Unterricht unter der musikalischen Kür nicht leiden darf. Und vieles war auch nur möglich, weil er sich seiner Schule und seiner Stadt weit über den Unterricht hinaus verpflichtet fühlt. Nicht von ungefähr wurde Driess 2023 mit der Verdienstmedaille der Stadt Plochingen ausgezeichnet. Bereits 2017 verlieh ihm die Bundesvereinigung Deutscher Chorverbände für hervorragende künstlerische Leistungen den Titel „Chordirektor“. Fast noch mehr freut er sich jedoch über ehemalige Schülerinnen und Schüler, die als Berufsmusiker ihren Weg gingen.

Schwer vorstellbar, dass jemand wie er, der mit jeder Faser für die Musik lebt, die Leitung des Folklorechors aufgegeben hat. „Eigentlich wollte ich diese Aufgabe schon vor fünf Jahren weitergeben“, verrät er. Mit David Müller hatte er einen ehemaligen Schüler auserkoren, sein Lebenswerk fortzuführen. Doch dann kam Corona, „und ich konnte in dieser schweren Zeit nicht einfach gehen“. Nun sieht er den richtigen Zeitpunkt gekommen, zumal der Chor behutsam verjüngt werden soll. „David Müller bringt alles mit, um den Folklorechor erfolgreich in die Zukunft zu führen“, sagt Driess. „Er ist sympathisch, sehr kompetent, ein toller Pianist und großartiger Stimmbildner, und er versteht sich sehr gut mit unseren Sängerinnen und Sängern.“ Das war Driess’ Markenzeichen, der auch mit einem weinenden Auge gegangen ist: „Bei uns ist es immer freundschaftlich zugegangen. Wir waren wie eine große Familie.“

Mit lachendem und weinendem Auge

Vor zehn Jahren wäre ihm der Abschied vom Folklorechor schwerer gefallen – nun genießt er die Freiheit, den Kalender nicht mehr an Proben ausrichten zu müssen: „Vor allem will ich viel mehr Zeit für meine Familie haben, die mir über alles geht.“ Das werden nicht nur seine beiden Kinder und die vier Enkelkinder gerne hören, sondern auch Ehefrau Bruni, die ihm als Familienmanagerin in all den Jahren stets den Rücken freigehalten hat. Der Freundeskreis, der ob Driess’ Verpflichtungen oft zurückstecken musste, soll ebenfalls mehr Aufmerksamkeit erhalten. Als kundiger Musikkritiker mit germanistischem Studium ist er gefragt. Und dann ist da noch die Kirchheimer Schlaraffia – ein Kulturverein zur Pflege von Freundschaft, Kunst und Humor. Dessen Wahlspruch ist wie auf Hans-Günther Driess gemünzt: „In arte voluptas – in der Kunst liegt Lust.“

Der Folklorechor Plochingen

Ensemble
 Der Folklorechor Plochingen wurde 1976 von Hans-Günther Driess als Jugendchor des Sängerbunds Liederkranz Plochingen gegründet. Internationale Volkslieder in mehr als 30 Originalsprachen, Gospels, Messen aus Lateinamerika, afrikanische Folklore, Madrigale sowie Chorwerke von Mikis Theodorakis prägen das Repertoire. „Der Kontrast zwischen A-cappella-Chorsätzen und Chorsätzen mit Beteiligung eines Instrumental-Ensembles, das das landestypische Kolorit unterstreicht, und zahlreiche eigene Arrangements des Chorleiters geben dem Chor seine persönliche Note“, heißt es auf der Webseite des Chors. Zum Jahresende hat Hans-Günther Driess die Leitung des Chors an David Müller übergeben.

Arbeit
Der Folklorechor pflegt einen Völker verbindenden Gedanken, der sowohl im Repertoire als auch mit Konzertreisen ins Ausland gelebt wird. Studioproduktionen fürs Radio, diverse Tonträger und die erfolgreiche Teilnahme an Chorwettbewerben waren eine besondere Motivation für die 45 Sängerinnen und Sänger, die seit 1991 die Weihnachtsaktion der Eßlinger Zeitung mit Benefizkonzerten unterstützen. Über die Jahre hinweg hat der Chor auf diese Weise mehr als 120 000 Euro in die Spendenkasse gebracht.