Plochingen rückt seine Frauen ins Rampenlicht. Ab März 2026 lädt eine neue Stadtführung zu einer Reise durch die weibliche Stadtgeschichte ein.
Die „Frauengeschichten“ beginnen zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, springen ins Napoleonische Zeitalter und die Industrialisierung und münden in die Nachkriegszeit. Dort enden sie jedoch noch lange nicht. Zu aktuell ist das Thema auch im 21. Jahrhundert, zu kontrovers die Diskussionen, die dadurch angeregt werden. „Vieles, was heute als selbstverständlich erachtet wird, haben sich Frauen in der Geschichte lange und hart erkämpft“, sagt Tanja Wehnl, die Tourismusbeauftragte der Stadt Plochingen.
Schon vor Jahren reifte in ihr die Idee heran, die Frauen der Stadt bei einer Führung zu zeigen. In ihrer Recherche stützte sie sich auf das Buch „Plochinger Wegspuren – Frauen in Plochingen“ von Manfred Reiner. „Drei erfolgreiche Persönlichkeiten sollten es sein und mit der Wengerterin eine Heldin des Alltags“, sagt die Stadtführerin Martina Thielmann. Beginn der Tour ist in der Marktstraße und führt über den Gablenberg, den Kirchberg und den Friedhof hinunter zum Neckar auf den Otto-Steg in Richtung Bruckenwasen.
Sabina Wochenauer ist eine Schlüsselfigur in Plochingen
Eine Schlüsselfigur der Führung ist die Bärenwirtin Sabina Wochenauer (1569-1656), eine der bekanntesten und reichsten Frauen Plochingens ihrer Zeit. Die Pfarrerstochter besaß nach dem Tod ihres Mannes die Herberge „Zum Schwarzen Bären“, zwei Wohnhäuser und 80 Morgen Land. Ihr Vermögen überstieg das des Schultheißes um das 15-fache. Während des Dreißigjährigen Kriegs blieb sie trotz Plünderungen, Gewalt und Pest in der Stadt. Sabina floh nicht, sondern versorgte Verwandte, Hinterbliebene und Obdachlose.
„Sie war eine Überlebenskünstlerin“, sagt Thielmann. Sie unterstützte Kirchenreparaturen und stiftete 1656 eine neue Glocke, die noch heute jede Viertelstunde im Turm der Ottilienkapelle ertönt. Zu sehen ist auch ihr Elternhaus, das 1589 erbaute Jägerhaus auf dem Kirchberg. Außerdem erinnert die Stadt mit bunten Frauenfiguren an die Geschäftsfrau und Wohltäterin: Die „Sabrina“-Skulpturen (mit „r“) des Stuttgarter Künstlers Wolfgang Thiel stehen an acht wichtigen Weggabelungen im Stadtgebiet und weisen seit 1996 Fußgängern und Radfahrenden den Weg.
In den verwinkelten Plochinger Gassen kann man nach wie vor alte Wengerterhäuser entdecken, die von der langen Weinbaugeschichte zeugen. Der Alltag einer Wengerterfrau während der Napoleonischen Zeit war hart, wie die Geschichte von Christine Catharina Ortlieb (1780-1823) zeigt. Ihr Leben war geprägt von schwerer Arbeit in den Weinbergen, wirtschaftlicher Not, dem Tod von sieben ihrer neun Kinder, Hunger und gesellschaftlichen Zwängen. Mit ihrer Familie lebte sie im Ortliebschen Haus, dem Elternhaus ihres Mannes. Das Haus ist heute eine Besenwirtschaft namens „Gablenberg 12“ und hat aktuell bis zum 8. März geöffnet.
Plochingens „Lumpe-Kaatsche“
Die Plochinger Industriegeschichte ist eng verknüpft mit der Waldhornbrauerei und der Unternehmerin Nanette Endriß (1847-1909). „Eine Zeit des Umbruchs und der Transformation“, so Thielmann. Nach dem frühen Tod ihres Mannes und Brauereigründers Carl Endriß übernahm sie 1887 die Gastwirtschaft und die Brauerei allein. Sie trieb den Ausbau des Waldhorns voran, in dessen Gartenwirtschaft der Schwäbische Albverein gegründet wurde. Der Erfolg gab ihr recht. 1900 hatte die Brauerei einen Ausstoß von 20 000 Hektolitern. 1995 wurde der Brauereibetrieb eingestellt. Damals wie heute prägt das historische Brauereigebäude mit der auffälligen Backsteinfassade das Plochinger Stadtbild.
Im 20. Jahrhundert trat mit Margarete Kaatsch (1919-1988) eine weitere prägende Frau auf. Sie steht für weibliches Unternehmertum – und das in einer eher als Männerdomäne geltenden Branche: dem Schrott- und Metallhandel. 1952 gründete sie zunächst in Esslingen ihre eigene Firma, die mit einem Lkw und drei Mitarbeitenden startete. Anfangs sammelte sie mit dem Handwagen Schrott in den Gassen, was ihr den Spitznamen „Lumpe-Kaatsche“ einbrachte. In Plochingen pachtete sie in der Eisenbahnstraße einen Platz, auf dem sie eine Büro- und Lagerbaracke errichtete. Mit ihrer bestimmten, zielstrebigen Art und einem offenen Ohr für ihre Beschäftigten entwickelte sie den Betrieb weiter. 1970 zog das Unternehmen an den damals neu entstandenen Neckarhafen.
Veranstaltungen „Plochinger Frauen“
Anlässlich des Weltfrauentags bietet die Stadt Plochingen vom 4. bis zum 13. März eine Reihe von Veranstaltungen an, bei denen Frauen im Mittelpunkt stehen. Die anderthalbstündige Führung „Plochinger Frauengeschichte(n) findet am 13. März um 16:30 Uhr statt. Eine weitere Frauenführung gibt es am 23. Oktober um 15:30 Uhr. Mehr Informationen gibt es unter: www.plochingen.de/frauen.