Karl Ulrich Nuss mit dem Porträt seines Vaters Fritz Nuss. Foto: Bail - Bail

Er war nahezu blind und widmete sich noch im hohen Alter seinen Zeichnungen: In der Galerie der Stadt kann man die Kunst des verstorbenen Plochinger Zeichners Fritz Nuss ansehen.

PlochingenSpontan und emotional, unmittelbar und unbekümmert sind die späteren Zeichnungen von Fritz Nuss – und das, obwohl der Künstler, der zu den profiliertesten Bildhauern Baden-Württembergs zählt, im Alter nahezu blind war. Die jüngste Ausstellung in der Galerie der Stadt Plochingen widmet sich einem ganz besonderen, weniger bekannten Schaffensbereich im überaus produktiven Künstlerleben von Fritz Nuss: seinen Zeichnungen.

„Ein weiteres Highlight in der Geschichte dieser Räume“, unterstreicht Bürgermeister Frank Buß in seiner Begrüßungsrede im Rahmen der Vernissage in der Galerie der Stadt Plochingen die Bedeutung der Grafik-Schau. Unter den zahlreichen Gästen war auch Karl Ulrich Nuss. Gemeinsam mit Kulturamtsleiterin Susanne Martin hat der Bildhauer die Zeichnungen seines 1999 verstorbenen Vaters für die Präsentation zusammengestellt. Karl Ulrich Nuss ist in Plochingen allgegenwärtig. Das Ottilienbrünnele und der Brunnen am Markt stammen von ihm, auch die Bronzefigur des Marquardt von Randeck hat er neu gestaltet, ließ Buß die Besucher wissen.

Es ist eine Lust und ein sinnlicher Genuss, durch die Galerieräume zu wandern und die Kohle-, Tusche- und Bleistiftzeichnungen, insbesondere der späteren Jahre, zu betrachten. Noch mit 90 Jahren zeichnete Fritz Nuss Figuren von derart natürlicher Körperlichkeit, dass es dem Betrachter ein Vergnügen ist, dieser dynamischen und kraftvollen Konturierung in den Blättern zu folgen. Susanne Martin sprach in ihrer Einführungsrede von einer „Fülle von Formen- und Bewegungsmotiven“. Tatsächlich dominiert die üppige Körperlichkeit im Alterswerk des Strümpfelbacher Künstlers. Nackt oder bekleidet fesseln die beseelten Geschöpfe den Blick.

„Für Fitz Nuss war die Zeichnung immer wichtiges Element der künstlerischen Äußerung, parallel zu seiner bildhauerischen Tätigkeit“, erklärte Susanne Martin und verweist auf die drei Bronzeplastiken in der Ausstellung, die exemplarisch für die sieben Jahrzehnte währende bildhauerische Tätigkeit stehen. „Die Liegende“ aus den 60er Jahren fungiert in der Vitrine am Treppenaufgang zur Galerie, quasi als entspannte „Empfangsdame“ für eintretende Besucher. Lässig hingestreckt, sich auf einen Arm stützend, ruht sie normalerweise im Nuss’schen Garten.

„Ganz im Dienst der Skulptur“ steht, laut Martin, die Gruppe von Bleistiftzeichnungen aus den frühen 60er Jahren im Besprechungszimmer im Obergeschoss. Die Gestalten fallen aufgrund ihrer fast statuenhaften Haltung auf. Im Kontrast dazu stehen die Rötelzeichnungen im ersten Stock. Es sind „mythologisch anmutende Szenen: Pan spielt auf der Flöte, nackte Nymphen tanzen zur Musik, ein lorbeerbekrönter Bacchus scherzt mit einem Gockel“, so Martin. Leichtigkeit und Lebensfreude pur.

Die spannendste und umfangreichste Werkgruppe sind die späten Zeichnungen von 1995 bis 1997 im Raum zur Marktstraße. Was ein nahezu blinder 90-jähriger Künstler hier geschaffen hat, ist überwältigend. Plastisches Arbeiten ist für Fritz Nuss zu der Zeit kaum mehr möglich, dennoch ist seine Schaffenskraft ungebrochen und er greift täglich zu Kohle oder Bleistift und Papier. Oft entstehen zwei oder sogar drei Zeichnungen an einem einzigen Tag. Mit kraftvollem, dynamischem Strich bringt der Künstler Fritz Nuss die üppigen Konturen zu Papier. Korrekturen sind mangels Sehfähigkeit kaum mehr möglich. Und der Besucher denkt: auch unnötig.

Linien überlagern sich; es entstehen Dopplungseffekte. Gesichtskonturen, dralle Schenkel, runde Brüste und Gesäßteile verschieben sich, wechseln die Höhe und tauschen die Plätze als sinnliches Vexierspiel für den Betrachter. Dieser habe aber keinerlei Mühe, die disparaten Teile zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzufügen, urteilt Martin. „Trotz oder gar wegen der verschobenen Proportionen ist ein hohes Maß an Dynamik erreicht.“ Die Gesetze der Perspektive verlieren für den fast erblindeten 90-Jährigen die Gültigkeit. Karl Ulrich Nuss sagt über seinen Vater: „Er hat sich in dieser Zeit Freiheiten erlaubt, die er sich sehend nicht genommen hätte.“ In diesem Sinne wünschte Susanne Martin den Ausstellungsbesuchern viel „Kunstgenuss mit Nuss“.

Die Ausstellung ist bis 27. April montags, mittwochs und samstags von 10 bis 13 Uhr, dienstags und donnerstags von 10 bis 17 Uhr, freitags von 9 bis 16 Uhr in der Galerie der Stadt zu sehen.

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