Impfen: Soll sich der Staat schon zurückziehen? Foto: Markus Brändli

Das Land Baden-Württemberg plant jetzt schon eine Impfstruktur für den Herbst. Es will rasch die Impfquote hochfahren, wenn eine gefährliche Variante auftauchen sollte.

Das Land Baden-Württemberg will die Corona-Impfung künftig weitgehend niedergelassenen Ärzten und Apothekern überlassen und dennoch bereit sein für das Hochfahren der Impfstrukturen, falls im Herbst eine gefährliche Virus-Variante auftaucht. Das stellte Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) bei einem Expertenanhörung am Freitag klar. Vorerst soll es dabei bleiben, dass jeder der 44 Stadt- und Landkreise einen Impfstützpunkt behält.

„Perspektivisch wollen wir uns aber davon verabschieden“, so Lucha. In den letzten anderthalb Jahren seien 23 Millionen Corona-Impfungen im Südwesten erfolgt. 73 Prozent der Bevölkerung hätten eine Grundimmunisierung und fast 58 Prozent auch eine Auffrischungsimpfung – nach Ansicht der Experten enttäuschend wenig. „Die Nachfrage nach Impfungen ist derzeit leider sehr gering“, so Lucha. Bei der Anhörung war von nur 700 Impfungen pro Woche die Rede.

Ein Überwachungssystem ist geplant

Wenn es im Herbst eventuell Meldungen über pathogene Strukturen neuer Virusvarianten gebe, könne sich das rasch ändern, glaubt Uwe Lahl, Amtschef im Ministerium. „Wir müssen fragen, wie dauerhaft der Staat sich zurückziehen soll.“ Lahl rechnet im Herbst je nach Szenario mit einem Bedarf von vier bis acht Millionen Impfungen mit einem angepassten Impfstoff. Dem stünden Impfkapazitäten von 850 000 bis 1,5 Millionen Impfungen pro Woche gegenüber.

Der Virologie-Professor Klaus Überla hatte zuvor mit Studien aus Israel belegt, wie eine dritte oder vierte Impfung schützt und auch die Infektiosität einer geimpften Person reduziert. Das gelte aber nur, wenn die Pathogenität – also die Ansteckungskraft – eines neuen Virustyps nicht höher werde. Überla regte ein Überwachungssystem (Surveillance) an, das die Pathogenität grassierender Varianten laufend prüfe. Laut Lahl bereite das Land dies längst vor, im Herbst sei es dafür zu spät. Man habe den Bund mehrfach gemahnt, sich daran zu beteiligen.

Neues System für die Terminvergabe

Ein Baustein der Impfstruktur wird eine neue Terminvergabe sein, bei der Ärzte, Apotheker und Impfstützpunkte ihre Termine eintragen und freie Kapazitäten melden. Alexander von Komorowski, Geschäftsführer des Landkreistages, stellte ein Ringmodell vor, das eine abgestufte Verantwortlichkeit fürs Impfen – erst Haus- und Fachärzte, dann andere Leistungsanbieter, zuletzt der Katastrophenschutz – vorsieht. Das Vorhalten staatlicher Doppelstrukturen fürs Impfen werde Hunderte Millionen von Euro kosten.