Quelle: Unbekannt

Zwischen Trollen mit Plüschtoupet und schadenfrohen Familienvätern verbringt der Esslinger Bambi seine Vorweihnachtszeit. Seit mehr als zehn Jahren gießt er auf dem Esslinger Mittelaltermarkt Zinnfiguren. Um sich nicht selbst zu verleugnen, hat er sich für ein nicht ganz mittelalterliches Piratenkostüm entschieden.

Von Laura Buschhaus (Text), Roberto Bulgrin und Mareike Spahlinger (Fotos)

Esslingen - Der Gestank von Kot weht durch die Luft, Essensreste verkleben das holprige Kopfsteinpflaster und verwandeln die Gasse in eine rutschige Piste. Hinter den verrußten Fenstern flackert schummriges Kerzenlicht. Die Bewohner drängen sich um die Kochstelle, auf der ein Feuer brennt.

Die Menschen im Mittelalter hatten es wahrlich nicht leicht, hart und entbehrungsreich war ihr Leben. Was bringt einen Menschen dazu, mehrere Wochen im Jahr wie im Mittelalter zu leben, auf viele neuzeitliche Errungenschaften zu verzichten und stundenlang in der Kälte zu stehen, um Zinnfiguren zu verkaufen?

Selbstgeißelung ist Bambis Sache nicht. Auch wenn das gut in die Zeit des Mittelalters passen würde. Die Kälte und die eher luftige Kleidung gehören eben zu seinem Job dazu, und „die Gage stimmt“. Und so steht er vier Wochen von morgens bis abends auf dem Esslinger Mittelaltermarkt, gießt und verkauft Zinnfiguren, Schmuckschwerter, Armbänder und Anhänger.

„Neumodisches“ gibt es an dem Stand nicht - mit Ausnahme der Keramiktrolle und -drachen. Aber da drückt der Standbesitzer, Bambis Chef, ein Auge zu. Sie passen ja gut ins Bild. Genauso wie Bambi, der übrigens wirklich so heißt.

Besucher, die es nicht besser wissen, halten ihn für Jack Sparrow - oder auch mal für eine Frau. „Ich bin auch privat immer geschminkt“, verrät der 25-Jährige und streicht sich mit seinen langen, spitz gefeilten Nägeln durch die Haare. Eine Bewegung, die er oft wiederholt. Doch jetzt ist Kundschaft da. Bambi richtet sich auf. Mit wiegendem Schritt, angewinkelten Armen und wedelnden Händen tänzelt er auf die Kundin zu. Kein Wunder, dass sich Johnny Depp für seine Rolle bei Bambi inspirieren hat lassen. Zumindest ist das Bambis Version der Geschichte.

Um in seine Rolle als Pirat zu finden, startet Bambi jeden Markttag mit einem Ritual: eine Zigarette, dazu Musik („aber nichts Mittelalterliches“) und ein Glas Schnaps. „Dann werde ich zum Piraten. Ich verhalte mich auch anders und bin viel lauter und unverschämter als normalerweise“, ­erklärt der Esslinger, „aber das wollen die Besucher auch sehen.“

Für ebendiese Besucher scheint der gesamte Mittelaltermarkt oftmals eine Ansammlung von Freaks und leicht Abgedrehten zu sein. Eine Rentnergruppe läuft durch die Gasse. „Der ist wohl aus der Zeit gefallen“, kommentiert einer Bambis Kostüm. Ein anderer lässt alle Windspiele am Nachbarstand klingen, bevor er wortlos weitergeht.

Auf solche Besucher könnte Bambi getrost verzichten. „Manche halten einem die Kamera direkt ins Gesicht“, fühlt er sich in seiner Ehre verletzt. Überhaupt könnte er endlos von Entgleisungen der Menschenmassen erzählen. Von Familienvätern, die ihn auslachen, als er sich aus Versehen heißes Zinn über die Hand kippt, bis hin zu Betrunkenen, die sich nur mit Mühe davon abhalten lassen, ihren Glühwein in seine Feuerstelle zu gießen und damit das Stoffzelt in die Luft zu jagen. Am meisten ärgert ihn, wenn die Menschen nicht verstehen, dass dieser Pirat auf dem Markt nicht der echte Bambi ist, sondern „ein Mann hinter einer Maske“.

Das Äußere dieser Maske passt genauso wenig ins Mittelalter wie die Keramiktrolle mit Plüschtoupet. Bambi hasst es zwar, „wenn Besucher denken, Wikinger hätten Hörner auf den Helmen getragen“. Doch bei seinem eigenen Kostüm ist er nicht so streng. Da er sich selbst als moderner Pirat sieht, kam für ihn keine mittelalterliche Kleidung in Frage. Pirat, weil er in Mexiko, also nahe der Karibik, geboren ist, und weil er selbst immer wieder Grenzen überschreitet. „Ich bin eine Diva“, fasst Bambi seine Selbstwahrnehmung zusammen.

Er war schon immer anders und hat seine Pläne verfolgt. Vielleicht ist er auch deshalb seinem jetzigen Kollegen Nikos vor zwölf Jahren auf dem Mittelaltermarkt in Esslingen aufgefallen. Bambi war 14 und als Besucher dort, Nikos sprach ihn an, und schon war der Grundstein einer langen Zusammenarbeit sowie Freundschaft gelegt.

Viel ist in Bambis Leben seit damals passiert. Er absolvierte bei Nikos eine Lehre als Zinngießer, trat einige Male im Zirkus auf, machte das Abitur, spielte in mehreren Bands, reiste durch Deutschland, um auf verschiedenen Mittelaltermärkten zu arbeiten, begann zu modeln und schloss in Ludwigsburg sein Studium der Inklusiv- und Heilpädagogik ab. Weil es sich bei so viel Aktivität nicht lohnt, eine eigene Wohnung zu mieten, bleibt sein Hauptwohnsitz weiterhin sein ehemaliges Kinderzimmer in Esslingen im Reihenhäuschen seiner Eltern.

Doch Bambis Bildungsweg, sein schillerndes Äußeres, seine Reisen durch die Republik und die vielen Kontakte täuschen über die schlimmen Zeiten in seinem Leben hinweg, die wie ein Schatten auf ihm zu liegen scheinen. Bambis Weg, den er so stolz verfolgt, stand schon sechs Mal vor dem Ende, allein im vergangenen Jahr. Sechs Mal lag er schon im Krankenhaus, viel hätte nicht gefehlt und er wäre gestorben. Es habe ihn viel Kraft gekostet, jedes Mal wieder aufzustehen und weiterzugehen.

Seit seiner Kindheit leidet er an einer unheilbaren Nierenkrankheit. Die Medikamente, die er dagegen nimmt, lassen seine Hände oft so zittern, dass Beobachter denken, ihm sei schrecklich kalt.

Die Wärme holt sich Bambi bei seinen Kollegen vom Mittelaltermarkt. „Ich hatte Glück, in diesen Kreis hineinzukommen, das ist extrem schwer“, beschreibt er die Gemeinschaft der Händler. „Wir sind eine Familie, in der es egal ist, was jemand in seinem richtigen Leben ist.“ Werde man erst einmal von den anderen akzeptiert, könne man sich ihrer Hilfe zu jeder Zeit sicher sein.

Vielleicht ist der Mittelaltermarkt für Bambi zu einem Ort geworden, an dem er seine Sorgen und negativen Gedanken abschütteln kann und nur noch „der Pirat“ ist. Ein Ort, an dem es dann doch einfacher ist, sich auszuleben als im normalen Leben.

Vielleicht braucht Bambi ja den Markt genauso sehr wie der Markt ihn.

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