Noch liegt der sogenannte Düker am Remsufer – im Januar soll er unter dem Fluss verlegt werden. Foto: Gottfried Stoppel

In Waiblingen soll bald eine Gasleitung unter der Rems verlegt werden. Im Juli hatte die Baustelle durch einen tödlichen Unfall traurige Bekanntheit erlangt.

Ein bisschen sieht das Gebilde, das derzeit zwischen der Waiblinger Rundsporthalle und dem Ortsteil Beinstein (Rems-Murr-Kreis) liegt, wie ein Fahrradlenker aus. Wie ein sehr großer Fahrradlenker – 50 Meter lang und rund 70 Tonnen schwer. Tatsächlich handelt es sich um ein wichtiges Bauteil für die Süddeutsche Erdgasleitung (SEL), eine Pipeline, die gerade im Auftrag des Fernleitungsnetzbetreibers Terranets quer durch Baden-Württemberg verlegt wird. Der Düker, so der Name des Trumms, ermöglicht es der Leitung, die hier verlaufende Rems zu queren.

Die Pipeline wird in fünf Abschnitten gleichzeitig verlegt. So ist der Abschnitt zwischen Heilbronn und Besigheim bereits fertig und in Betrieb, zwischen Heidelberg und Heilbronn sowie dem Löchgau und Esslingen wird derzeit gebaut. Für die Abschnitte von Esslingen nach Bissingen und Kampertheim nach Heidelberg liegen laut Terranets immerhin die Bau- und Betriebsgenehmigungen vor. Endgültig fertig soll die ganze Leitung dann im Jahr 2032 sein.

Die fertige Pipeline wird eine Länge von 250 Kilometern haben

Die stählerne Leitung wird mit Beton ummantelt. Foto: Gottfried Stoppel

Der Anlass für das Pipelineprojekt ist gewissermaßen der Ausstieg aus der Kohleenergie. Die in dessen Folge entstehenden Gaskraftwerke müssen per Leitung miteinander verbunden werden – entsprechende Planungen starteten vor rund 20 Jahren schon die Firmen Ruhrgas und Wingas, die jedoch nach einiger Zeit das Interesse verloren. Statt dessen stellt nun Terranets das Projekt fertig – und verlegt nun eine Leitung, die später auch für Wasserstoff geeignet sein wird. „Dieser Stoff ist Stahl gegenüber aggressiv, daher verwenden wir einen besonderen Stahl“, erklärt der Projektleiter Christoph Kröhnert von Terranets.

Die Pipeline hat eine Gesamtlänge von 250 Kilometern – klar, dass es auf dieser Strecke immer wieder Hindernisse zu bewältigen gilt. Bei Besigheim (Kreis Ludwigsburg) etwa mussten in sehr geringem Abstand eine Bahnlinie, die Enz sowie die B 27 unterquert werden. Dafür fraß sich ein Tunnelbohrer, an den der Rohrstrang gleich angehängt war, unter der Bundesstraße hindurch.

Für die Querung von Flüssen benutzt Terranets aber eine andere Methode: Hier wird die Leitung mittels des besagten Dükers verlegt. Diese stählerne, mit Beton verkleidete Rohrleitung führt unter dem Fluss hindurch, ihre Form ist dem Flussbett angepasst. Dafür wird im Flussbett ein Graben ausgehoben – und zwar ohne dass der Fluss dafür aufgestaut werden müsste. „Dafür hat die Rems einfach zu viel Wasser“, sagt Kröhnert.

Pipeline-Bau in Waiblingen: Ein Düker hilft, die Rems zu queren

Projektleiter Christoph Kröhnert Foto: Weingand

Das Rohr wird dann mit schwerem Gerät oder einer Seilwinde in diese Vertiefung abgesenkt oder hineingezogen. Danach wird der Graben wieder aufgefüllt, sodass das Rohr sicher im Untergrund liegt. Diese Methode haben die Verantwortlichen auch angewandt, um auf der Höhe von Ludwigsburg den Neckar zu queren – für dieses Unterfangen musste dort sogar der Schiffsverkehr auf dem Fluss eingestellt werden.

Im Juli gab es einen tödlichen Unfall auf der Baustelle in Waiblingen

Die Baustelle – genau genommen die Verlängerung davon, wo die Trasse für die eigentliche Pipeline vorbereitet wird – erlangte im Juli traurige Bekanntheit. Bei einem Arbeitsunfall wurde ein 26 Jahre alter Bauarbeiter von tonnenschweren Platten erschlagen. Die Ausgleichsgewichte eines Krans rutschten von der Ladefläche eines Lasters, nachdem ein Befestigungsgurt gerissen war. Die Unfallursache, erklärt Projektleiter Kröhnert, sei menschliches Versagen gewesen. „In der Konsequenz haben wir bei der Arbeitsschutzorganisation nachgebessert“, so Kröhnert.

Bis der Düker tatsächlich an Ort und Stelle ist, wird wohl noch einiges Wasser die Rems hinabfließen. Grund dafür sind nicht nur Verzögerungen im Baufortschritt, die Kröhnert mit der Verfügbarkeit einer Spezialfirma begründet, sondern auch der Waiblinger Weihnachtszirkus, der – wie jedes Jahr – seine Zelte und Wagen bei der Rundsporthalle aufgeschlagen hat. „Dadurch ist die einzige leistungsfähige Zufahrt zur Baustelle nicht verfügbar“, sagt der Projektleiter. Er vermutet, dass es Mitte Januar oder Anfang Februar wird, bis die gewaltige Rohrkonstruktion per Kran in die Rems gehoben werden kann.

Ist der Düker einmal verlegt, wird bald im wahrsten Sinne des Wortes Gras über die Baustelle wachsen, dann ist er nicht mehr zu erkennen. Auch die derzeit noch geschotterte Fläche, auf der der Düker vorbereitet wird, soll wieder aufgefüllt und zur Grünfläche werden, verspricht Kröhnert.

Dennoch sind nicht alle von dem Projekt begeistert: Vom Pipelinebau betroffene Grundstücksbesitzer in Waiblingen kritisieren fehlende Informationen, monieren zerstörte Hecken, Obstbäume und lange Sperrzeiten ihrer Grundstücke. Sie hatten im Januar angekündigt, sich gegen das Projekt beziehungsweise die Nutzung ihrer Grundstücke zu wehren.