Albrecht Brugger mit seiner 7,5 Kilo schweren Kamera und seinem Flugzeug Foto: Albrecht Brugger

Albrecht Brugger hat mehr als fünf Jahrzehnte lang aus der Luft fotografiert. An diesem Samstag feiert er, geistig fit und noch immer auf Reisen, seinen 100. Geburtstag.

Nein, ein persönliches Gespräch zum 100. Geburtstag ist leider nicht möglich, sagt Albrecht Brugger. Denn wie jedes Jahr sind er und seine 82-jährige Frau Barbara mit ihrem Reisemobil, einem VW T 4 mit 620 000 Kilometern, nach Portugal gefahren, um dort die Vorsaison zu verbringen. Von der Algarve tuckern sie dann gemütlich über mehrere Wochen hinweg wieder nach Hause. „Das sind für mich die schönsten Wochen des Jahres“, sagt Brugger.

Eine Frage drängt sich hier förmlich auf. Die Antwort darauf: Ja, Albrecht Brugger fährt den Camper noch selbst. Und für den Fall, dass die Polizei ihn anhalten und an seinen geistigen Fähigkeiten zweifeln sollte, hat er sich von Bekannten eidesstattliche Versicherungen schreiben lassen, in denen zu lesen ist, dass er im Kopf noch richtig ticke und auch dem Straßenverkehr durchaus noch gewachsen sei. Motto: Ich würde mich jederzeit neben ihn setzen, und wenn es bis nach Portugal ginge.

Statt zu einem Treffen kommt es also zu einer langen Videokonferenz. Es ist die erste in Bruggers Leben, und er meistert sie mit Bravour. Seine Berichte sind strukturiert und präzise, und ein feiner Humor durchwebt die Geschichten. Nur die körperlichen Wehwehchen würden immer mehr, sagt er, ohne zu klagen: „Bei körperlichen Tätigkeiten ist die Batterie schnell leer.“

Paul Klee der Luftbildfotografie

Es sind deshalb eigentlich zwei Geschichten, die es hier zu erzählen gälte: jene seines biblischen Alters und jene von seinem Leben über den Wolken. Notgedrungen beschränken wir uns auf die zweite, darüber gibt es schon genug zu sagen. Denn Albrecht Brugger gehörte über mehr als fünf Jahrzehnte hinweg, von 1952 bis zur Rückgabe der Pilotenlizenz 2005, zu den besten Luftbildfotografen Baden-Württembergs und darüber hinaus. Als „Paul Klee der Luftbildfotografie“ hat man ihn schon bezeichnet. Sein Blick für das richtige Licht, seine Leidenschaft für die technischen Details und seine Liebe zum Südwesten ließen Bilder entstehen, die für die Ewigkeit sind.

Folgerichtig hütet sein Archiv mit 70 000 Bildern heute das Landesmedienzentrum Baden-Württemberg in der Stuttgarter Rotenbergstraße. Das Archiv besitzt eine der umfangreichsten Fotosammlungen zur Geschichte des Südwestens mit zwei Millionen Bildern, Bruggers Luftaufnahmen gehören zu den Juwelen. Die zuständige Mitarbeiterin Zita Bugbee ordnet sie ein: „Die Bedeutung Bruggers liegt in der lückenlosen Dokumentation unseres Bundeslandes über einen so langen Zeitraum. Besonders hervorzuheben ist die durchgehend hohe Qualität der Schrägluftbilder, die nicht nur informativen, sondern auch hohen künstlerischen Ansprüchen gerecht werden.“

Das Steinheimer Becken im Raureif 1968 Foto: Landesmedienzentrum Baden-Württemberg

Das lange Leben Albrecht Bruggers hat in Stuttgart begonnen, dort ist er am 26. Juli 1925 geboren. Er war als junger Mann noch zwei Jahre lang Soldat im Zweiten Weltkrieg, Bordfunker bei der Luftwaffe, und schüttelt den Kopf darüber, was heute in der Ukraine oder in Gaza geschieht: „Ich wundere mich, dass wir wieder so weit gekommen sind.“

Nach dem Krieg hielt er sich mit einem Job bei der amerikanischen Besatzungsmacht über Wasser. Das Beste dort: „Jeden Tag ein warmes Mittagessen.“ Dann machte er, weil er zugleich kreativ und technisch interessiert war, eine Ausbildung als Fotograf. Sein Lehrmeister Paul Meider aus Sillenbuch habe schöne Bilder von Schmetterlingen geschossen, das habe ihn fasziniert.

Eigentlich war es dann ein Zufall, dass er als Teilhaber in einen Fotoladen am Stuttgarter Flughafen einsteigen konnte. Eine Einlage konnte er als armer Schlucker, der nichts besaß außer Lebensmittelmarken, allerdings nicht bringen. Im Jahr 1952, da hatten die Amerikaner noch die Lufthoheit, flog er, quasi illegal, bei Piloten des Flughafens mit und schoss seine ersten Aufnahmen. Er begriff schnell, dass über den Wolken die Freiheit grenzenlos war – nicht nur, aber auch in geschäftlicher Hinsicht: Kaum jemand machte ihm Konkurrenz, und die Nachfrage nach Luftbildern wuchs.

Viele Städte benötigten damals Überblicksfotos von ihren Gemarkungen, um beispielsweise im Krieg zerstörte Viertel neu planen zu können. Satelliten- oder Drohnenfotos waren noch nicht einmal Zukunftsmusik. Unternehmen wollten Fotos für Geschäftsberichte, Firmeninterieurs oder einfach gerahmt für das Büro des Chefs haben. Für das Breuninger-Café etwa hat Brugger ein wandgroßes Panorama von Stuttgart angefertigt – im Vordergrund thront der Fernsehturm wie ein König über der Stadt.

Mit solchen Aufträgen hat Albrecht Brugger seine Brötchen verdient. Die Kür waren die kunstvollen, romantischen, teils betörend schönen Landschaftsfotos aus Baden-Württemberg: Der Bodensee, 1963, zum letzten Mal bis heute zugefroren, und dahinter leuchten die Alpen in unglaublichem Licht. Das Steinheimer Becken, 1968, entstanden durch einen Meteoriteneinschlag, gerade so vom Raureif überzuckert, dass der Kraterrand detailliert herausgearbeitet ist. Oder das Echterdinger Ei 1959, das noch eine putzige Kreuzung mit Autobahn-Raststättchen und ganz ohne Industriegewucher war.

Den Flächenfraß zu stoppen, war Brugger ein Anliegen

In vielen hundert Büchern sind Fotos von ihm erschienen. Schon 1961 hat das New Yorker Museum of Modern Art ein grafisch-strukturelles Luftbild erworben. Und Brugger hat selbst einige Bildbände verfasst, das letzte von 2009 zeigt in Gegenüberstellungen von Fotos aus den Jahren 1958 und 2008, wie sehr sich die Städte ins Grüne hinausgefressen und wie Fernstraßen die Streuobstwiesen zerschnitten haben. Wie sehr die Natur zurückgedrängt wird, trieb ihn um. Er hält sich zugute, gegen die „sinnlose Totalausräumung des typischen Alb-Biotops“ einiges erreicht zu haben. Trotzdem fügt er ernüchtert dazu: „Es richtet sich heute alles nur noch danach, was dem Geld dient – und nicht mehr, was dem Menschen dient.“

Um all diese Bilder aufzunehmen, hat Brugger viel Mühe und Entsagung auf sich genommen. Das Fliegen beherrschte sein Leben, zumindest die sieben grünen Monate lang. In dieser Zeit konnte er nichts planen. Wenn Flugwetter war, musste er los. Meistens war die Luft nur hinter einer Kaltfront so klar, dass eine gute Fernsicht vorhanden war. Nur 200 Stunden im Jahr trete diese Wetterlage auf, erzählt Brugger. Aus diesem Grund ist er 1978 nach Hülben im Kreis Reutlingen gezogen, weil er vom dortigen Segelflugplatz schneller starten konnte. In Stuttgart habe er oft lange auf die Starterlaubnis warten müssen – und sei zudem fast verschmachtet. Auch bei hochsommerlichen Temperaturen zog er sich für minus zehn Grad an. Er flog bis auf 6000 Meter Höhe.

Daneben legte er sich schon 1960 das erste eigene Flugzeug zu, um flexibler zu sein, eine Piper PA 18. Sie habe 80 000 Mark gekostet, erinnert sich Brugger. Tatsächlich flog er von diesem Zeitpunkt an selbst, die Füße auf den Pedalen und den Steuerknüppel zwischen den Knien, während er gleichzeitig aus dem Seitenfenster heraus fotografierte. So konnte er die Zeit voll nutzen, ohne dem Piloten ständig Anweisungen geben zu müssen. Wirklich erlaubt war das natürlich nicht, „aber heute kann ich es ja zugeben“, meint Brugger und lacht.

Um diesen nicht immer einfachen Weg als Pilot, Fotograf und Geschäftsmann zu gehen, habe er eine gewisse Hartnäckigkeit an den Tag legen müssen, erzählt Brugger heute – so würden jedenfalls Freunde einen seiner wichtigsten Charakterzüge benennen. Dazu habe er sich einen eigenen Kopf bewahrt, er habe sich auf das Nötige konzentriert, und er sei, außer beim Geld, risikobereit gewesen. Einmal flog er mit seiner einmotorigen Maschine, nur mit Kompass und ohne Navigationshilfen, übers Meer bis auf die Kanaren.

Filme, die für die Nasa bestimmt waren

Ein weiterer Charakterzug dürfte, ohne dass man seinen Widerspruch ernten würde, Bruggers Hang zur Perfektion sein, zumindest in technischen Dingen. Damals gab es schon hochauflösende Vermessungskameras, aber diese waren viel zu schwer, als dass man sie hätte mit beiden Händen halten können. So hat er eine eigene Kamera für das Format 70 mal 100 Millimeter konstruiert. Ganz wichtig war etwa, dass der Film hundertprozentig plan im Gerät liegt, weil es sonst bei enormen Vergrößerungen zu Unschärfen gekommen wäre. Brugger löste das Problem durch einen Ansaugmechanismus. Daneben stand er Kodak in den USA so lange auf die Füße, bis er Filme mit 600 Aufnahmen erhielt, die sonst für die Nasa bestimmt waren. So musste er während eines Fluges den Film nicht wechseln.

Die Kamera wog 7,5 Kilo

Entscheidend für beste Bildqualität sind aber die Objektive. Brugger brauchte welche, die lichtstark waren, kurze Verschlusszeiten ermöglichten und trotzdem eine lange Brennweite hatten – das gab es damals auf dem Markt nicht. Brugger ließ auch da nicht locker, und am Ende baute die Firma Zeiss in Oberkochen extra Objektive für ihn. Trotz all dieser Raffinessen und Tricks: das Gewicht der Kamera lag immer noch bei 7,5 Kilo.

Aber so lange ist das alles her, Albrecht Brugger muss manchmal vor Erstaunen selbst ein wenig den Kopf schütteln über alles, was er erlebt hat. Mittlerweile haben sich aber die ganzen Aufgeregtheiten des Berufslebens in Schönwetterwölkchen aufgelöst. Jetzt in Portugal hat er nicht einmal mehr eine richtige Kamera dabei. Er sei jahrzehntelang Sklave des Wetters gewesen, meint er schmunzelnd, nun könne er schon seit fast einem Vierteljahrhundert seine Freiheit und das ruhige Kontinuum der Zeit genießen, auch wenn dieses manchmal in heftige, aber wonnige Turbulenzen gerät, ausgelöst durch den Besuch der vielen Urenkel.

Die Begierde dazuzulernen, ist noch nicht erloschen

Einen Geheimtipp zum Altwerden hat Albrecht Brugger übrigens nicht parat. Er sei immer viel gewandert und sein größter, aber unerfüllter Traum sei gewesen, zu Fuß die Welt zu umrunden. Er esse wenig, aber anspruchsvoll – also Lebensmittel von hoher Qualität. Er lese weiterhin viel in englischer Sprache, um etwas Gehirnjogging zu betreiben. Und seine „Bereitwilligkeit, wenn nicht Begierde“, etwas dazuzulernen, sei noch immer nicht erloschen. Reicht das aus, um sein hohes Alter zu erklären?

Albrecht Brugger zuckt mit den Schultern. Sollen andere diese Frage lösen. Er möchte jetzt lieber die Sonne der Algarve und das Wasser des Atlantiks genießen. Dann also adeus, senhor Brugger!