„Keine Starallüren und grandioser Humor“: Seit 15 Jahren behandelt Physiotherapeut Jürgen Siegele den Fußballer Joshua Kimmich in seinem Großbottwarer Therapiezentrum – und erinnert sich an viele Behandlungen.
Die Dokumentation „Joshua Kimmich: Anführer und Antreiber“ die am 22. Juni, gut eine Woche nach dem Eröffnungsspiel der Europameisterschaft, im ZDF gezeigt worden ist, gibt ungewöhnlich private Einblicke in das Leben des Fußballstars. 90 Minuten lang wird der Zuschauer mitgenommen auf die Höhen und in die Tiefen des Nationalspielers.
Kurz vor Filmende taucht ein Gesicht auf, das viele Menschen in der Region Stuttgart kennen. Die Kameraeinstellung zeigt Jürgen Siegele, wie er den Fußballprofi auf einer Liege behandelt. Gedreht wurde die Szene vor etwa drei Monaten im Haus von Kimmich in München, erzählt Siegele. „Er hat dort einen Reharaum, in dem ich ihn und auch andere Fußballkollegen regelmäßig behandele“, sagt der Physiotherapeut, Dozent und Buchautor. Seit 15 Jahren vertraut der Kicker auf das Wissen und Können des 55-Jährigen.
Kimmichs hohe Professionalität zeichne aus, dass er seit so langer Zeit zusätzlich zur Betreuung in den Vereinen oder beim DFB auf die Karte Jürgen Siegele setze, heißt es aus dem Management des Spielers. Es habe mit Vertrauen, aber natürlich auch mit der Leistung des Physiotherapeuten zu tun.
Joshua Kimmich wurde in der Praxis schon erkannt
In der Saison 2015/16 wechselte der gebürtige Rottweiler an die Isar zum FC Bayern. Therapieren ließ er sich dennoch weiter von Jürgen Siegele. „Zwei Mal im Monat behandle ich ihn“, erzählt der. Bei Kimmich daheim oder aber im Therapie- und Rehazentrum, das Jürgen Siegele seit 27 Jahren in Großbottwar führt.
„Alle sechs bis acht Wochen kommt er zu mir in die Praxis“, sagt der 55-Jährige. Ohne Starallüren, ohne Einlass durch die Hintertür. Kimmich nimmt im Wartezimmer Platz wie Max Mustermann. Überraschenderweise kann der 29-Jährige in der Regel auch recht unerkannt auf den Maestro warten. „Es rechnet keiner damit, dass Jo im Wartezimmer sitzt“, sagt Siegele und lacht. Wobei Ausnahmen ja die Regel bestätigen, denn vor ein paar Monaten wurde der Star dann doch erkannt und über Social Media verbreitete sich die Nachricht so schnell, dass viele Fans auf ihn warteten, als er das Therapiezentrum verließ. „Aber das ist okay für ihn. Er ist einfach ein unglaublich sympathischer und auch empathischer Typ“, sagt er.
Dass er auf dem Feld auch mal giftig unterwegs sein kann, weiß natürlich auch sein persönlicher Physiotherapeut. „Sobald er die Fußballschuhe an hat, dann ist der Ehrgeiz zu sehen und zu spüren. Er arbeitet unheimlich hart und ist unglaublich fleißig.“ Dass Jürgen Siegele auch in der Dokumentation einen Part haben wird, sei Kimmich wichtig gewesen, erzählt der Großbottwarer.
Kimmich ist ein Familienmensch
„Wir haben nach all den Jahren ein sehr gutes und freundschaftliches Verhältnis“, sagt Siegele. Trotz alledem mit klarer Rollenverteilung. „Wir sind nicht Fan und Spieler, sondern Therapeut und Patient“, sagt der 55-Jährige. „Und wenn ein Patient auf meiner Liege liegt, dann wird jeder gleichbehandelt.“ Eine Einstellung, die der Fußballprofi, der selbst – das wird in der Dokumentation deutlich – ohne Starallüren durchs Leben geht, schätzt. Und was schätzt Jürgen Siegele noch an seinem Patienten? Der 29-Jährige sei ein extremer Familienmensch, erzählt der Großbottwarer. „Und er hat einen grandiosen trockenen Humor und sehr viel Sozialkompetenz – das schätze ich sehr an ihm.“
Über die Verbindung Kimmich wurden im Laufe der Jahre auch noch andere Bayern-Profis und Nationalspieler auf Kimmichs Haus- und Hoftherapeuten im Baden-württembergischen aufmerksam. „In den 15 Jahren, in denen ich ihn behandle, hatte er zwei Verletzungen: einmal an der Schulter und einmal am Meniskus.“ Die Verletzung hatte sich Kimmich im Spitzenspiel gegen den Borussia Dortmund 2020 nach einem Foul an Erling Haaland zugezogen. „Jo hätte zwei Mal operiert werden sollen, aber wir haben es zusammen hinbekommen, dass es keine OP gab“, berichtet Siegele.
Auch Gnabry, Sané und Andrea Berg kommen zu ihm
Da werden Spielerkollegen natürlich hellhörig. Seit acht Jahren vertraut auch Serge Gnabry vom FC Bayern München auf das Können des Großbottwarers. Gnabry ist, wie in der Dokumentation zu sehen, ein enger Freund und der Trauzeuge von Kimmich. Wie dieser habe er einen sehr guten Humor, erzählt Jürgen Siegele – und eine gute Etikette. „Vor drei Wochen war Serge erst eine Woche lang bei uns hier in Behandlung“, erzählt Siegele. Und hat Tag für Tag im Therapiezentrum trainiert – zusammen mit vielen anderen, die dort eine Reha machen.
Und es gibt einen weiteren Bayern-Profi, den Siegele seit viereinhalb Monaten therapeutisch begleitet: Leroy Sané. Auch ihn hat der Großbottwarer für die Europameisterschaft noch mit fit gemacht. „Wir haben zuletzt sehr intensiv miteinander gearbeitet“, erzählt Jürgen Siegele.
Die drei Fußballstars sind übrigens längst nicht die einzigen Promis, die sich bei Jürgen Siegele auf die Behandlungsliege in Großbottwar legen. Schlagersängerin Andrea Berg kommt einmal in der Woche zu ihm. Seit zwölf Jahren schwört sie schon auf seine magischen Hände.
TV-Doku
Der Journalist Jan Mendelin begleitete Joshua Kimmich seit 2015 mit einem Kamerateam. Die Idee zur Langzeitdokumentation ist entstanden, als Kimmich vom damaligen Zweitligisten RB Leipzig zum FC Bayern München wechselte. Er gewährt im Film exklusive Einblicke in seinen privaten Alltag als Vater und Ehemann. Er spricht über sportlichen Erfolge und über die Zeit, als er in der Coronazeit in die Kritik der Öffentlichkeit rückte, aufgrund seines Impfstatus.
Therapeut
Jürgen Siegele hat sich vor 27 Jahren mit dem Therapie- und Reha-Zentrum Bottwartal selbstständig gemacht. Er ist Leitender Therapeut des Baden-Württembergischen Leichtathletikverbandes und Sportphysiotherapeut der deutschen Leichtathletik-Nationalmannschaft. Darüber hinaus ist der 55-Jährige Professor für Physiotherapie.