Die Reihen waren dicht gedrängt, als Chefredakteur Gerd Schneider (rechts) das EZ-Forum im Gemeindehaus eröffnete. Foto: Weller - Weller

Letzte Runde in der Debatte über die Zukunft der Esslinger Stadtbücherei: Bei einem EZ-Forum wurde vor dem Bürgerentscheid am 10. Februar engagiert über beide Standorte diskutiert.

EsslingenWenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie sehr die Zukunft ihrer Stadtbücherei viele Esslinger umtreibt – das EZ-Forum im Gemeindehaus am Blarerplatz hätte ihn am Montagabend geliefert. Etwa 400 Interessierte waren gekommen, um den letzten großen Schlagabtausch vor dem Bürgerentscheid am 10. Februar zu erleben. Und sie waren mit Chefredakteur Gerd Schneider einig, dass die bevorstehende Abstimmung ein besonderes Ereignis ist – immerhin ist Esslingen seit der neuen Gemeindeordnung die bislang größte Stadt, in der ein Bürgerbegehren erfolgreich war. Nun dürfen die Bürgerinnen und Bürger entscheiden, ob der bisherige Bücherei-Standort im Bebenhäuser Pfleghof erweitert und modernisiert werden soll oder ob es am Ende jenen Neubau zwischen Küferstraße und Kupfergasse geben soll, den der Gemeinderat Mitte Juni beschlossen hatte. Wie komplex diese Entscheidung ist, zeigte die Debatte auf dem Podium: Dort diskutierten Professorin Sylvia Greiffenhagen als Vorsitzende des Fördervereins der Bücherei, Kirsten Wieczorek von der Fachstelle für das öffentliche Bibliothekswesen beim Regierungspräsidium, OB Jürgen Zieger und Klaus Hummel von der Initiative für eine Bücherei im Pfleghof. Und dass die Meinungen auf dem Podium zum Teil weit auseinander lagen, war typisch für eine Debatte, die seit Monaten die Gemüter in Esslingen erhitzt.

Die Meinungen im Saal waren klar verteilt: Als Schneider um ein Meinungsbild bat, beteiligten sich 141 Zuhörer an einer Online-Abstimmung – 65 Prozent votierten für den Pfleghof, 15 Prozent für den Neubau, 20 Prozent waren noch unentschlossen. An einer zweiten Umfrage am Ende beteiligten sich 20 Zuhörer weniger – der Pfleghof hatte nun 62 Prozent Zustimmung, der Neubau 26, zwölf Prozent blieben unentschlossen.

Die große Beliebtheit, die der aktuelle Bücherei-Standort genießt, hat Kirsten Wieczorek überrascht: „Man spürt, wie sehr die Menschen an ihrem Pfleghof hängen. Das ist ein Faktor, den man unbedingt berücksichtigen muss.“ OB Jürgen Zieger favorisiert dennoch einen Neubau zwischen Küferstraße und Kupfergasse, wie ihn der Gemeinderat mehrheitlich beschlossen hat. Einmal mehr erklärte der Oberbürgermeister, dass er sich beide Varianten vorstellen könne – dass die Bürger sogar zwischen zwei Standorten wählen können, sei „ein ungeheurer Luxus“. Er forderte eine sachliche Diskussion und ärgerte sich über unliebsame Äußerungen: „Ich lese eigentlich keine Leserbriefe mehr, weil mir dann vielleicht mein Frühstück nicht mehr schmeckt.“ Gemeinderat und Verwaltung hätten sich ihre Entscheidung nicht leicht gemacht. Doch am Ende sei man mehrheitlich zu dem Schluss gekommen, „dass sich in einem Neubau die Anforderungen der nächsten Jahrzehnte besser erfüllen lassen“. Zieger sagte zu, der Pfleghof werde in öffentlicher Hand bleiben und könne sogar kulturell genutzt werden, was viele im Saal jedoch bezweifelten. Außerdem müsse die Bücherei während der Umbauzeit für vier bis fünf Jahre in ein Interimsquartier umziehen. Klaus Hummel sprach von zwei Jahren und wunderte sich, weshalb dieses Argument nie eine Rolle gespielt habe, solange die Stadt die Bücherei der Zukunft im Pfleghof bauen wollte.

Dass ein Neubau bessere Möglichkeiten bieten soll, glaubt Klaus Hummel von der Initiative für eine Bücherei im Pfleghof nicht: In beiden Fällen gehe es um Größenordnungen von etwa 3600 Quadratmetern. Ob sich die von der Verwaltung errechneten Flächenvorteile im Neubau erzielen lassen, sei unklar, solange die Stadt viele Details wie Einschränkungen durch den Denkmalschutz bei beiden Varianten nicht abgeklärt habe. Hummel erinnerte an die „unendliche Geschichte“ der Standortdebatte zur Bücherei, die bis in die 90er-Jahre zurückreicht. Trotz diverser Studien sei die Stadt viel zu lange nicht weitergekommen. Und jene Flexibilität, die die Stadt nur im Neubau sieht, könne auch der Pfleghof bieten: „Der ganze Bereich der Nanz-Halle ist nicht geschützt und wird komplett neu gebaut.“

In einer Online-Abstimmung im Gemeindehaus erklärten 70 Prozent der Teilnehmer, dass sie sich von der Stadt in der Bücherei-Frage nicht ausreichend objektiv informiert fühlten. Professorin Sylvia Greiffenhagen hat mit einem Experten-Team die beiden Standort-Varianten und die Berechnungen der Stadt unter die Lupe genommen und Ungereimtheiten bei Flächen-, Kosten- und Risiken-Vergleich festgestellt. Nach Einschätzung des Fördervereins versprechen beide Alternativen keine perfekten Voraussetzungen. Allerdings bezweifelt Greiffenhagen, dass der Pfleghof – wie von der Stadt erklärt – schlechtere Möglichkeiten als der Neubau bietet: „Die geforderte Flexibilität oder eine großzügige Lobby lassen sich in einem lang gezogenen Baukörper, wie er angesichts der Verhältnisse zwischen Küferstraße und Kupfergasse sein müsste, nur schwerlich realisieren.“ Die jüngsten Debatten hätten klar gezeigt: „Diese Stadt will eine gute Bibliothek.“

Dass Hummel von einem Hinterhof-Grundstück sprach, gefiel OB Zieger gar nicht: „Ich kann verstehen, wenn nicht jeder erkennt, dass dort eine qualitätvolle Architektur möglich ist. Dazu braucht man bauliche Grundlagen und viel Abstraktionsvermögen.“ Dass in der benachbarten Musikschule unüberhörbar geprobt wird, während Bücherei-Besucher eher Ruhe suchten, ist für den OB kein unüberbares Problem: In diesem Bereich könne man ja Büros der Mitarbeiter unterbringen. Bücherei-Expertin Wieczorek erinnerte daran, dass Städte von der Größe Esslingens eigentlich 4500 bis 5000 Quadratmeter Büchereifläche bieten sollten. Ein Neubau biete zwar ganz grundsätzlich Vorteile – ob die jedoch zwischen Küferstraße und Kupfergasse zum Tragen kommen, könne sie nicht sagen. Der Pfleghof sei als Gebäude zwar nicht einfach, aber er biete durchaus auch Chancen. Wie die Sache ausgehen wird, muss der Bürgerentscheid am 10. Februar zeigen. „Und was tun Sie, wenn es eine deutliche Mehrheit für den Pfleghof gibt, das Quorum von 14.000 Stimmen aber nicht erreicht wird?“, wollte Gerd Schneider wissen. Darauf der Oberbürgermeister: „Dann kann ich nicht erkennen, dass es im Gemeinderat eine andere Entscheidung als bisher gibt.“

Einen Kommentar von EZ-Redakteur Alexander Maier zu diesem Thema gibt es hier.

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