Pfarrer Albrecht Fetzer vor der Foto: Rapp-Hirrlinger - Rapp-Hirrlinger

„Schwäbisch ist eine der klangreichsten Sprachen in ganz Europa“, findet der evangelische Pfarrer Albrecht Fetzer. Jetzt schreibt er ein Wörterbuch und eine Grammatik des Dialekts.

DenkendorfSchwäbisch ist mit die klangreichste Sprache in ganz Europa, sie verfügt über ein ganzes Orchester an Vokalen“, schwärmt der evangelische Pfarrer Albrecht Fetzer. Seit mehr als zehn Jahren beschäftigt sich der gebürtige Denkendorfer mit der schwäbischen Mundart, sammelt Wörter und Redewendungen und arbeitet an einer Grammatik, um die Vielfalt und den Reichtum des Schwäbischen zu bewahren.

Er habe in Denkendorf eine solide schwäbische Sozialisation erfahren, sagt der 64-Jährige. Bis zum Abitur und darüber hinaus habe es keine Notwendigkeit gegeben, das Hochdeutsche zu gebrauchen. Damit habe sich bei ihm eine „feste Grundmundart“ ausgebildet. Allerdings hatte er auch negative Erlebnisse. So habe ihn eine Lehrerin im Gymnasium in Esslingen vor der ganzen Klasse bloßgestellt, weil er im Aufsatz „der Butter“ statt „die Butter“ geschrieben hatte. „Dabei ist eine gute Dialektkompetenz die Grundlage für eine gute Sprachkompetenz ganz allgemein“, betont Fetzer.

Wissenschaftlich mit dem eigenen Dialekt befasst sich Fetzer, seit er 2007 Pfarrer in Calw-Heumaden wurde, einem Ort mit einer, wie er sagt, „bunten Multi-Kulti-Bevölkerung“. Dies habe den Anstoß gegeben, „darüber nachzudenken, was mich prägt und wo ich herkomme“. Denn die Mundart transportiere eine gewisse Lebensart, schaffe Gemeinschaftsgefühl und gebe Halt in einer globalisierten, unübersichtlich gewordenen Welt. Dabei geht es Fetzer nicht ums Kirchturmdenken – im Gegenteil: Nicht der Dialekt eines einzelnen Ortes interessiert ihn, sondern das, was die verschiedenen lokalen Varianten gemeinsam haben. „Grundmundart und Grammatik sind im Schwäbischen gleich, nur die Aussprache kann variieren. Ich suche das Verbindende.“ Die ganz normale Alltagssprache habe es ihm angetan, nicht skurrile oder krasse Beispiele, wie sie häufig in der Öffentlichkeit Thema seien. Schon rund 12 000 Wörter hat er für sein Wörterbuch zusammengetragen.

Um unverfälschte Ergebnisse zu bekommen, fragt er nicht nach Begriffen, sondern hört genau zu, wenn er mit anderen redet – sei es bei Seniorengeburtstagen in seiner jetzigen Gemeinde, bei Besuchen in seinem Heimatort Denkendorf, in seinen früheren Wirkungsorten Wankheim, Jettingen und Riederich oder bei den Schwiegereltern auf der Westalb. „Nur im Gespräch kommt das Original-Schwäbisch raus“, ist er überzeugt. Auch Ton­dokumente hat er schon aufgenommen, unter anderem mit alten Denkendorfern. „Doch selbst bei den Älteren merkt man, dass das Hochdeutsch in die Sprache hineinwirkt.“

Um das Gehörte dann in die Schriftform zu übersetzen, hat er eigene Lösungen gefunden – und schaut auch dabei wieder weit über den Tellerrand. Für das dunkle „a“ hat er sich das „å“ aus dem Dänischen entliehen, nasalierte Vokale wie in „Mã“ (Mann) versieht er mit der sogenannten Tilde, wie sie im Spanischen oder Portugiesischen verwendet wird. Auch der Accent circonflexe, wie man ihn im Französischen kennt, kommt zum Einsatz. Gerade beim Erlernen von Französisch und Englisch könne das Schwäbische wegen der vielfältigen Vokale hilfreich sein, betont Fetzer. Leider werde diese Brücke in den Schulen nicht genutzt. Für seine Dialektforschungen steigt Fetzer tief in die Sprachgeschichte ein. „Viele Wurzeln des Schwäbischen liegen im Althochdeutschen“, erklärt er. So hätten sich über 70 Wörter das althochdeutsche, männliche Geschlecht bewahrt: Socken (Sogga), Zehe (Zaija) oder Schürze (Schuorz) gehören wie Butter dazu. Auch manche schwäbische Pluralbildung gehe auf das Althochdeutsche zurück.

Fetzer sammelt das Alltägliche und hebt dabei Schätze wie „Suffrohr“, die Gummistiefel bezeichnen, wie sie einst neben jeder Stalltür standen. Dass Sprache einer ständigen Wandlung unterliegt, sei natürlich. „Aber wenn es rein auf das Hochdeutsche hinausläuft, wird Schwäbisch aussterben.“ Und damit gingen auch ein Stück Kultur und Werte verloren, die der Dialekt transportiere. Andererseits ist er überzeugt: „Wenn die Dialekte verloren gehen, wird auch das Hochdeutsche verarmen.“ Und so heißt sein Leitspruch: „Liabor a guads Schwäbisch wia a liadrichs Deidsch!“ Für seinen Ruhestand hat sich der 64-Jährige einiges vorgenommen: Dann will Fetzer sich noch intensiver als bisher an seine schwäbische Grammatik und das Wörterbuch setzen. Mehrere hundert Seiten bilden schon heute die Grundlage für eine spätere Veröffentlichung. Doch es gibt noch viel zu tun, um das hoch ausdifferenzierte Schwäbisch für die Nachwelt festzuhalten. „Es soll ein Gesamtbild entstehen, das die Breite darstellt. Ich will zusammenführen und nicht auseinanderdividieren.“

Um sein Projekt populär zu machen, schreibt Albrecht Fetzer Beiträge auf der Internetseite Alemannische Wikipedia: https://als.wikipedia.org/wiki/Benutzer:H._Sellmoene. Auch die Seite https://de.wikipedia.org/wiki/Schwäbische_Grammatik hat Fetzer angelegt und mit Inhalt bestückt. Außerdem hält der Pfarrer immer wieder Vorträge, den nächsten am 18. Oktober um 14.30 Uhr im Seniorenkreis der Evangelischen Kirchengemeinde Denkendorf. Im Gemeindezentrum Auferstehungskirche, Albrecht-Bengel-Straße 26, spricht Fetzer zum Thema „Auf de schwäb’sche Eisabahne“.

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