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Der Gegenentwurf

StuttgartSo adrett hat sich schon lange kein VfB-Trainer mehr der Öffentlichkeit präsentiert. Wie er da sitzt, mit edlen Lederschuhen, Stoffhose, schwarzem Rollkragenpullover, grau meliertem Bart und Brille könnte er auch einen feinen Barmann in Manhattan abgeben. Dabei ist sein Betätigungsfeld ein ganz anderes: Pellegrino Matarazzo soll die Fußballer des VfB Stuttgart auf Vordermann bringen und sie zum Aufstieg in die Bundesliga führen.

Schon rein äußerlich präsentiert sich der Neue als Gegenentwurf zu dem am 23. Dezember entlassenen Tim Walter. Der Bruchsaler bevorzugte anlassunabhängig den Club-Trainingsanzug, hatte meist einen flotten Spruch auf den Lippen und war auch der bisweilen derben Fußballersprache mächtig. Der Kosmopolit Matarazzo formulierte bei seiner Vorstellung am Dienstag hingegen Sätze wie diesen: „Ich war in den Gesprächen mit Thomas Hitzlsperger und Sven Mislintat sehr beeindruckt von ihren Fragen. Denn Fragen verraten viel über den Sachverstand.“ Die gewählte Ausdrucksweise komplettiert den ersten Eindruck des neuen Trainers. Matarazzo redet langsam und bedächtig, wie ein fußballerischer Feingeist, artikuliert die Worte sorgsam; wie jemand, der die Sprache gut beherrscht, die aber eben nicht seine Muttersprache ist.

In den USA als Kind italienischer Einwanderer groß geworden, hat Matarazzo einen eher ungewöhnlichen Lebensweg hingelegt – einen, auf den die VfB-Verantwortlichen bei ihrer Auswahl durchaus stolz sind. Einem Studium der Mathematik in New York folgte vor 20 Jahren der Sprung nach Europa. Der Versuch einer steilen Profikarriere als Fußballer endete in Wehen und Wattenscheid. „Es war die Leidenschaft für den Fußball“, erklärt der 42-jährige Familienvater diesen für nicht jedermann nachvollziehbaren Schritt. „Ich hatte Kumpels, die haben in ihren Büros übernachtet. Das wollte ich nicht. Ich wollte etwas anderes.“

Der Mut und die Ausdauer des von seinem Vater, einem Anhänger des SSC Neapel, mit dem Calcio-Virus infizierten Einwanderersohnes („Ich bin ein Deutsch-Italo-Amerikaner. Ein richtiges Zuhause habe ich nicht.“), zahlen sich nun aus. Nach Co-Trainer-Stationen in Nürnberg und Hoffenheim steht „Rino“ nach seinem Wechsel zum VfB - laut Mislintat für eine „moderate Ablöse“ – nun erstmals einer Profimannschaft als Chef vor. Ein Ziel, auf das er stets hingearbeitet hat. „Es war nicht die Frage, ob, sondern nur wann.“ Das Angebot eines anderen Zweitligisten schlug er aus, in Thomas Hitzlsperger und Sven Mislintat glaubt er nun die richtigen Mitstreiter gefunden zu haben. Den berüchtigten Schleuderstuhl in Stuttgart fürchtet er dabei keineswegs: „Ich bin optimistischer Realist“, geht Matarazzo die Mission Bundesliga-Aufstieg mit „viel Vorfreude“ an.

Wie er die gegen Ende der Hinrunde so aus der Spur geratene Mannschaft wieder auf Kurs bringen will, davon konnten sich die Fans am Vormittag bei Matarazzos erster Trainingseinheit überzeugen. „Schneller, wir wollen nach vorne spielen“, lautete eines seiner wiederkehrenden Kommandos. Wie genau das gehen soll, auch das wurde nach den ersten 90 Übungsminuten deutlich.

Der reine Ballbesitzfußball des Tim Walter hat ausgedient, unter dem Neuen soll mehr Vertikalität und „Diagonalität“ (O-Ton Matarazzo) ins Spiel des Tabellendritten einkehren. Fußballerisch kein kompletter Gegenentwurf zu Walter, aber doch eine Umkehr. Denn der Ballbesitz, vielmehr das bedingungslose Kurzpassspiel um der reinen Kontrolle willen, gilt für ihn als Muster ohne Wert. Wie sagte er: „Ballbesitz allein bringt nichts. Wir brauchen Spielkontrolle, Rhythmuskontrolle, aber vor allem ein Chancenmuster.“

Als Kind der Hoffenheimer Offensiv-Schule will Matarazzo („Die Grundordnung ist nicht entscheidend“) den von der Torarmut befallenen VfB-Stürmer einimpfen, instinktiv „in die richtigen Räume zu laufen“. Das zustimmende Nicken von Sportdirektor Mislintat war auch in den hintersten Reihen des voll besetzten Presseraumes nicht zu übersehen.

Bleibt die Frage nach der Mathematik und dem Fußball: „Darauf habe ich gewartet“, antwortete er sanft lächelnd. Er wolle den Fußball nicht verkomplizieren, bremste Matarazzo und führte als Parallelen allenfalls „Lösungsorientiertheit, Akribie und Exaktheit“ an. Wie zum Beweis definierte der 1,98 Meter große Hüne am Ende auch noch seine Schuhgröße. „Siebenundvierzigeindrittel.“

Keine Frage, die VfB-Spieler werden es mit einem Trainer der besonderen Art zu tun haben. Einer, der genau hinschaut und vielleicht Vieles besser weiß („Ich bin offen, ehrlich, aber auch kritisch“). Nach Einschätzung des früheren DFB-Trainerausbilders Frank Wormuth sticht unter Matarazzos Vorzügen seine Intelligenz heraus. „Er müsste mit den Fußballweisheiten eigentlich unterfordert sein.“

Personalien

Darko Churlinov spielt künftig für den VfB Stuttgart. Der 19-jährige Flügelspieler des 1. FC Köln wird für eine Ablöse im unteren sechsstelligen Bereich vom Auf- zum Absteiger wechseln. Schon am Dienstag trainierte er (per Gastspielerlaubnis) mit den neuen Kollegen. Die letzte Unterschrift unter das notwendige Papier ist aber nach wie vor nicht gesetzt.

Ebenezer Ofori steht vor einer Rückkehr vom VfB Stuttgart zum schwedischen Club AIK Solna. Der Transfer könne schnell über die Bühne gehen, sagte Sportdirektor Sven Mislintat.

Nathaniel Phillips soll in dem am Freitag beginnen Trainingslager in Marbella wieder zum Team stoßen. Der ausgeliehene Abwehrspieler war kurzfristig zum FC Liverpool zurück beordert worden.

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