Dieter (links) und Peer Ripberger leiten das Zimmertheater in Tübingen. Foto: Marko Knab - Marko Knab

Peer und Dieter Ripberger bringen frischen Wind ins Tübinger Zimmertheater. Die beiden jungen Intendanten möchten Theater für die Stadtgesellschaft machen.

TübingenUtopien zertrümmern die Performer in Peer Ripbergers Stückentwicklung „Götzendämmerung – Post-Fucktische Ergüsse zum Zeitgeschehen.“ In Zeiten von Fake News zerfallen eben nicht nur die Werte der europäischen Gesellschaften wie Wahrheit oder politische Integrität. Auch Nietzsche, Sex und Richard Wagner geben keinen Halt mehr.

Dieses Spannungsfeld loten Ripberger und sein Ensemble in der neuen Produktion aus. Seit September 2018 leitet er mit seinem Ehemann Dieter Ripberger das Tübinger Zimmertheater in der Bursagasse beim malerischen Hölderlinturm. „Theater für die Stadtgesellschaft“ wollen die jungen Intendanten machen. Mit einem festen Ensemble und freien Gruppen, die zeitweise in den frisch renovierten Gästezimmern des Hauses leben, wollen sie gesellschaftliche Diskurse auf der Bühne verhandeln. Dabei nehmen die Ripbergers die Zuschauer mit. „Institut für theatrale Zukunftsforschung“ nennen sie ihr Projekt. Wie großartig die zwei sympathischen Theaterchefs den theoretischen Begriff mit Leben erfüllen, zeigt das Interesse der Tübinger an den wöchentlichen Sitzungen und an vielen anderen Formaten der Partizipation. Da gehen im engen Foyer der städtischen Bühne schon mal die Stühle aus. „Wir wollen ein Publikum aller Generationen neugierig machen auf innovative Theaterformen“, sagt Dieter Ripberger. Dabei dosieren die beiden ihre ästhetischen Experimente wohl, überfordern die Zuschauer nicht. Eine Schlüsselrolle hat das junge Ensemble inne.

In „Götzendämmerung“ packen die Spielerinnen und Spieler das Publikum an der eigenen Verantwortung für eine bessere Welt. „Wir diskutieren hier über die Möglichkeiten des Theaters, die Welt zu verändern, und Du fängst an, von Deinen Träumen zu sprechen?“ Wütend konfrontiert die temperamentvolle Spielerin Thea Rinderli das Ensemble mit der Unfähigkeit, die individuellen Nabelschauen zu beenden. Das Ensemble ist ganz in Leder gekleidet, wie in einem Pornofilm. Dazu erklingt die von Maximilian Kupi und Ariel William Orah arrangierte Monumentalmusik, die in Anklängen an Wagners mächtige Werke erinnert. Ausstatterin Raissa Kankelfitz geizt nicht mit Bühneneffekten, feuert im Gewölbekeller des Zimmertheaters ein echtes Spektakel mit Licht und Farben ab. Anaela Dörre erzählt in Kankelfitz’ radikal reduziertem Bühnenraum, mit schwarzer Plastikfolie ausgelegt, von der Selbstbefriedigung eines einsamen Menschen. „Thor, der Gott des globalen Rumgefickes“ heißt eine Szene, die bei Ripberger trotz aller Kraftausdrücke einen tiefen Hintersinn hat. Der nordische Donnergott, der 2011 in Kenneth Branaghs Filmprojekt als Fantasyheld Karriere machte, hilft den verzweifelten Individuen nicht mehr, die zwischen Frustration und Erregung taumeln.

Ripbergers Diskurs über schwere philosophische Themen wie den Kampf um Wahrheit in Zeiten der Verblendung kommt nicht zuletzt deshalb griffig und bilderstark beim Publikum an, weil das Ensemble die schweren Thesen mit viel Wort- und Spielwitz vermittelt. Auch Mario Högemann, Nina Karimy und Christopher Wittkopp verstehen es, die versteckte Ironie in Ripbergers kraftvoller Sprache mit Esprit zu vermitteln.

Termine: „Götzendämmerung – Post-Fucktische Ergüsse zum Zeitgeschehen“: 23. und 24. Mai. Die neue Produktion „Schon wieder: davon leben“ des Performancekollektivs „Frl. Wunder AG“ hat am 25. Mai Premiere.

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