Wenn sich der Kinderbuchautor Paul Maar (rechts) seinen eigenen Reim auf die Märchenwelt macht, Foto: Markus Brändli - Markus Brändli

Gebannt lauschte das Publikum beim LesART-Jubiläum, als der Kinderbuchautor Paul Maar und die Musiker Konrad Haas und Wolfgang Stute ihre Märchen-Versionen auf die Bühne brachten.

EsslingenWer zum Geburtstag gratuliert, bringt gewöhnlich ein Präsent mit. Und wenn es ein ganz besonderer Geburtstag ist, darf auch das Geschenk ein bisschen größer sein. Zur Feier der 25. LesART hat der Förderverein der Esslinger Stadtbücherei eine Jubiläumsveranstaltung fürs junge Publikum der Bibliothek spendiert. Und er hätte kein schöneres finden können als einen Auftritt von Paul Maars „Schiefem Märchentrio“, das zahlreichen Kindern am Samstag im Bürgersaal des Alten Rathauses einen hinreißenden Vormittag beschert hat. „Schiefe Märchen und schräge Geschichten“ (Oetinger-Verlag, 15 Euro) hatten der Autor und die Musiker Konrad Haas und Wolfgang Stute im Gepäck. Und dass am Ende der Büchertisch gestürmt und Paul Maar beim Autogramme-Schreiben dicht umlagert war, lässt ahnen, wie viel Spaß diese musikalische Lesung bereitet hat. Und weil’s ein Samstagmorgen war, hatten sich auch viele Eltern Zeit genommen – schließlich standen Maars Bücher auch bei vielen von ihnen schon im Kinderzimmer.

Wer an Paul Maar denkt, der denkt zum Beispiel an das Sams oder Herrn Bello. Ein bisschen darf man bei ihm aber auch an Esslingen denken, denn der Autor, Illustrator und Übersetzer war Anfang der 80er-Jahre Hausautor der Württembergischen Landesbühne. Und jenen knitzen Witz und jene wonnig-hintergründige Weltsicht, die ihn schon damals auszeichneten, hat er sich auch mit 81 Jahren bewahrt. Es ist ein Vergnügen, Paul Maar zuzuhören, wenn aus dem Hauskater Adalbert „Der gestiefelte Skater“ wird, wenn der goldene Föhn von Prinzessin Elli wie ein Callcenter-Automat zu sprechen beginnt oder wenn ein ausgedienter Kohleofen ins Kino geht, um wenig später zusammen mit einem krähenden Wasserkessel und einem dumpf dödelnden Blecheimer auf dem Schrottplatz zu landen. Solche Wendungen nimmt das Leben in Maars Geschichten immer wieder. Und wenn der Autor sie selbst vorträgt, ist man geneigt, sogar die schiefsten Märchen und die schrägsten Geschichten für bare Münze zu nehmen. Ein bisschen jedenfalls. Vielleicht war ja wirklich alles anders als in Grimms Märchen von Schneewittchen und den sieben Zwergen? Dank Paul Maar wissen wir nun, dass die kleinen Kerle mit den Zipfelmützchen bei Schneewittchens Hochzeitsfest zu tief ins Rotweinglas geschaut und hinterher ziemlichen Blödsinn gelallt haben. Paul Maar verrät, was die Zwerge wirklich gesagt haben. Und die Sache mit Hänsel und Gretel war sowieso ganz anders: In Wahrheit wollten sie sich bei der Knusperhexe anmelden, damit die schon mal das Knusperhäuschen heizt und zwei Currywürste in die Pfanne haut. Und warum gab’s doch nur Pfefferkuchen? Auch da hat Paul Maar die Antwort: „Die Botschaft kam nicht an, das Hexenhaus blieb kalt, denn Gretel fand kein Handynetz im tiefen dunklen Wald.“ Dumm gelaufen ...

Wenn Paul Maar solche Geschichten erzählt, schaut er so treuherzig drein wie ein Lausejunge, der Omas Süßigkeiten stibitzt hat und hinterher die Unschuld vom Lande mimt. Beiden glaubt man nur zu gerne die verrücktesten Geschichten. Und wenn „Das schiefe Märchentrio“ auf der Bühne steht, kommt zum literarischen Genuss auch noch ein musikalischer. Der Autor und die beiden Musiker Konrad Haas und Wolfgang Stute harmonieren so prächtig wie drei Lausbuben, die Freunde fürs Leben werden. Ständig werfen sie einander die Bälle zu, zwischendurch darf immer wieder die Musik den Ton angeben, und wenn Paul Maar seine schiefen Märchen und schrägen Geschichten zelebriert, blinzelt den drei Künstlern der Schalk aus sämtlichen Knopflöchern.

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