In der AfD gärt es, vor der Europawahl fiel die Partei durch einen Skandal um ihren Spitzenkandidaten auf. Doch auf dem Parteitag präsentieren die Vorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla eine Inszenierung der Zuneigung, die für Raunen im Saal sorgt.
Alice Weidel und Tino Chrupalla sind an diesem Wochenende zu einer Aufführung verabredet. Es ist eine Liebesgeschichte. So oft hat die Partei, in der innere Grabenkämpfe und ein grober Umgang untereinander zum Alltag gehören, das Wort Liebe vermutlich noch nie gehört.
Er wolle seine „geliebte“ Co-Vorsitzende Alice Weidel für die Wiederwahl vorschlagen, so will es Chrupalla beim Bundesparteitag in Essen ausrufen. Doch er muss unterbrechen. Denn beim Wort „geliebte“, das Chrupalla eher beiläufig sagt, geht ein Raunen durch die Reihen. Er wirft eine Kusshand in den Saal. Schließlich bringt er seinen Satz zum Abschluss.
Und was macht Weidel? Sie bedankt sich, indem sie in ihrer Rede mehrfach davon spricht, was sie mit ihrem „geliebten“ Tino noch alles bewegen wolle. Dabei stellt sie das Wort mit Betonung und Kunstpausen besonders heraus. Unter das Raunen in der Halle mischen sich Flüstergeräusche und ein leises Lachen. Es ist doch ein bisschen viel der Liebe.
Starke Wiederwahlergebnisse
Doch der Plan der Parteichefs geht auf. Weidel wird mit knapp 80 Prozent, Chrupalla sogar mit 83 Prozent wiedergewählt. Vor zwei Jahren hatten beide, anders als jetzt, noch Gegenkandidaten – und deutlich schlechtere Ergebnisse. Die AfD will für ein besseres Außenbild die Reihen schließen. Das gilt für die Führung, bei diesem Parteitag aber auch für die meisten Delegierten.
Weidel und Chrupalla haben ein Zweckbündnis geschlossen. Die halten bei der AfD meist nur auf Zeit – aber die ist in diesem Fall noch nicht abgelaufen. Weidel (45) ist eine Ökonomin aus dem Westen, eine scharfe Rhetorikerin, gilt aber nicht als die Fleißigste in der Parteiarbeit. Chrupalla (49) ist ein Malermeister aus dem Osten und seine Reden klingen hölzern. Aber er ist ständig damit beschäftigt die Partei, in der es Konflikte ohne Ende gibt, irgendwie zusammenzuhalten. Weidel und Chrupalla sind keine Freunde, aber sie brauchen einander. Mindestens noch eine Zeit lang.
Die Kulisse, vor der die Aufführung an diesem Wochenende stattfindet, ist oberflächlich eine des Erfolgs. 15,9 Prozent hat die AfD bei der Europawahl erzielt – ein starker Zugewinn für die in Teilen rechtsextreme Partei. Doch noch Anfang des Jahres hatte die Partei sich sehr viel mehr zugetraut. Bei den Umfragen für die Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen liegt die AfD vorn. In der Partei schauen sie aber unter anderem angespannt auf die Frage, ob das neue Bündnis Sahra Wagenknecht der AfD einen Teil der Wählerinnen und Wähler abnehmen kann. „Deutschland schafft sich ab, wenn wir nicht in die Speichen greifen und diesem woken Hippie-Wahn ein Ende bereiten“, ruft Weidel in die Parteitagshalle. Sie hat kürzlich gesagt, Wagenknechts Partei spalte das regierungskritische Lager. Die AfD will Protestpartei Nummer eins bleiben. Unbedingt.
Hinter den Kulissen bleibt die AfD eine gärige, skandalanfällige Partei. Und das ist – gegen ihren eigenen Willen – auch im Europawahlkampf sichtbar geworden. Im Zentrum der Probleme stand Spitzenkandidat Maximilian Krah. Einer seiner Mitarbeiter im Europaparlament ist wegen des Verdachts auf Spionage für China festgenommen worden. Krah weist zurück, in illegale Machenschaften verwickelt zu sein. Gegen den AfD-Kandidaten auf Listenplatz zwei, Petr Bystron, wiederum gibt es den Vorwurf, Geld aus prorussischen Quellen genommen zu haben. Er bestreitet das. Die AfD war vor der Wahl erheblich in die Defensive gekommen.
Das Bild vom Trainergespann
Es hätte auf dem Parteitag zu einem Scherbengericht kommen können – und zwar sogar zu einem doppelten. Denn es gibt die einen, die den Vorsitzenden vorwerfen, dass Krah Spitzenkandidat werden konnte. Es gibt aber auch andere, die wütend sind, dass die Vorsitzenden sich in der Krise nicht vor Krah gestellt haben. Der blieb zwar Spitzenkandidat, hat aber im Wahlkampf keine Veranstaltungen mehr absolviert.
Weidel begibt sich in die Bilderwelt des Fußballs, um die Reihen zu schließen. Sie spricht davon, während des Spiels habe es Rauchschwaden aus dem Gästeblock gegeben. Und Fouls. Ihre Botschaft ist also erst einmal: Schuld seien die anderen. Das hören in der Parteitagshalle viele gern.
Dann kommt Weidel auf ihre eigene und Chrupallas Rolle zu sprechen. In schwierigen Situationen sei das Trainergespann gefragt, sagt sie. Und sie ergänzt sogleich: „Es kann gezwungen sein, taktische Auswechslungen vorzunehmen.“ Wenn der Gegner das Spielsystem ändere oder jemand mit der Kondition zu kämpfen habe, sei es besser, ihn zeitweise vom Feld zu nehmen. Weidel sagt: „Auch talentierte Spieler können sich verrennen.“ Wenn jemand auf die Ersatzbank müsse, dann sei er noch nicht aus dem Kader geflogen. Weidel beweist sich als Meisterin der Andeutungen, in die alle im Saal ungefähr das reindeuten können, was sie hören wollen.
Die Bühne, auf der das Schauspiel stattfindet, ist eine, die sie aus der Parteigeschichte kennen: die Grugahalle in Essen. Anfang Juli 2015 verlor hier Parteigründer Bernd Lucke – ein Ökonom, der vor allem gegen den Euro kämpfen wollte – die Kontrolle über die AfD. Frauke Petry stürzte ihn, indem sie mit dem äußersten rechten Rand in der Partei paktierte. Danach setzte eine ständige Spirale der weiteren Radikalisierung der AfD ein. Petry und andere nach ihr stürzten darüber selbst. Chrupalla und Weidel sind jetzt als Duo bestätigt. Es könnte für das kommende Jahr um die Frage einer Kanzlerkandidatur gehen.
Außer Weidel nur Männer
Die AfD musste juristisch darum kämpfen, diese Bühne zu bekommen. Die Stadt Essen hätte gern verhindert, dass der Parteitag dort stattfindet. Tausende Menschen demonstrieren gegen die AfD – aber der Protest hat nicht nur friedliche Gesichter. Es gibt verletzte Polizisten. Auch Journalisten, die als solche ja nicht immer erkennbar sind, schallt auf dem Weg zum Parteitag erst mal entgegen: „Ganz Essen hasst die AfD.“
Als der gesamte Vorstand der AfD neu gewählt ist, präsentiert er sich gemeinsam der Presse. Außer Weidel sind es nur Männer. Was sagt sie dazu? „Ich fühle mich wohl, ich werde beschützt, ich muss hier keine Angst haben“, sagt Weidel. Die AfD sei gegen eine Quote. Sie fordere die Frauen in der AfD auf, den Mut zu haben, auch zu kandidieren. „Das ist ja auch ganz nett für die Männer hier, wenn sie mehr Frauen im Vorstand haben.“
Sieht Weidel sich noch in der Poleposition für die Kanzlerkandidatur, nachdem Tino Chrupalla ein stärkeres Ergebnis beim Parteitag bekommen hat? Weidel verweist darauf, wie gering der Unterschied in Stimmzahlen war. Sie kennt die Zahl der Stimmen genau. Liebe ist es wirklich nicht.