Nach einem schweren Unfall, mehreren Knochenbrüchen im Gesicht und zwei Operationen kehrt Christa Jung in die Schleyerhalle zurück: Seit 2008 ist die Parcourschefin beim Stuttgarter Reitturnier für das Design der Kurse verantwortlich.
Christa Jung ist nicht nur eine Institution im Reitsport, sondern auch sehr beliebt. Egal, wo die bodenständige, zurückhaltende Parcoursbauerin auftaucht, stets wird sie freundlich und warmherzig empfangen. Vor dem Turnier in der Stuttgarter Schleyerhalle, das am Mittwoch begonnen hat, wurde sie von vielen Menschen ganz besonders überschwänglich begrüßt. Die Freude über das Wiedersehen war deshalb so groß, weil lange nicht sicher gewesen ist, ob es dazu kommen würde. Denn Christa Jung (69) hat ein Jahr hinter sich, das sie gezeichnet hat. Und das sie nie vergessen wird.
Der Unfall passierte am 7. November 2023, kurz vor den German Masters in Stuttgart. Christa Jung, die mit Pferden aufgewachsen ist und ihr Verhalten bestens einzuschätzen weiß, wurde auf einer Wiese des familieneigenen Reiterhofes in Bad Friedrichshall von einem austretenden Wallach im Gesicht getroffen. Sie selbst will über die Verletzungen und deren Folgen nicht groß sprechen, erst recht kein Aufhebens machen. Das würde auch nicht zu ihr passen. Ein bisschen etwas erzählt Christa Jung dann aber doch. „Ich hatte“, lautet ihr erster Satz, „sehr viel Glück.“
Schmerzhafte Diagnose
Schließlich wurde sie nach einer ersten Untersuchung im Krankenhaus in Heilbronn in die Uniklinik Heidelberg verlegt, zu den dortigen Spezialisten für Kopfverletzungen, bei denen sie sich bestens aufgehoben fühlte. Trotzdem blieb die Diagnose enorm schmerzhaft: Das Nasenbein, beide Jochbeine und der Oberkiefer waren gebrochen. Eine Woche nach dem Unfall ist Christa Jung operiert worden, etliche Platten und Nägel wurden eingesetzt, lange konnte sie nur flüssige Nahrung zu sich nehmen. An Weihnachten hatte sie ein Tief, haderte mit ihrem Schicksal. „Mir ging es damals nicht gut“, sagt sie, „ich hatte Zweifel, wusste nicht, wie es weitergeht.“
Aus diesem Loch befreite sich Christa Jung dann selbst – weil sie stets ein Ziel vor Augen hatte. Obwohl im Februar eine zweite Operation folgte, wollte sie unbedingt beim Maimarkt-Turnier in Mannheim, wo sie schon 1980 erstmals Kurse gebaut hat, in den Parcours zurückkehren: „Das war mein großer Antrieb.“ Der Plan ging auf, völlig wiederhergestellt ist Christa Jung aber immer noch nicht. Sie hat weiterhin Schmerzen, kann nicht richtig essen, was sie körperlich beeinträchtigt. Ihrem Gesundheitszustand gibt die pensionierte Grundschullehrerin mit viel Wohlwollen die Note 2,5. „Ich bin sehr froh, das mein Verstand voll funktioniert“, sagt sie, „bei allem anderen habe ich die Hoffnung, dass es sich noch verbessert.“
Weitere Operation nach dem Turnier
Zwei Tage nach dem Turnier in Stuttgart steht eine dritte Operation an. Dann wird geschaut, welche Platten und Schrauben entfernt werden können. Den Termin hat Christa Jung ganz bewusst in die zweite November-Hälfte gelegt: „In der Schleyerhalle wollte ich auf alle Fälle dabei sein. So ein großes Turnier kostet Kraft – es gibt einem aber auch viel Kraft.“ Erst recht, wenn man so viel Zuspruch bekommt.
Vor einem Jahr musste es, auch wenn alle geschockt waren, ohne Christa Jung gehen. Doch wer sich in der Szene umhört, bekommt einen Satz immer wieder zu hören: Eigentlich, heißt es, sei die Parcoursbauerin „unersetzbar“. Sie selbst würde das nie von sich behaupten, doch zugleich freut sie sich, dass ihre Arbeit wertgeschätzt wird.
Ihre Leidenschaft für Oxer, Steilsprünge, Mauern und Wassergräben begann zu wachsen, als sie ihren späteren Ehemann Karl-Georg Jung, einen Parcoursbauer, kennenlernte. Also sattelte sie um. Fortan ritt sie nicht mehr selbst, sondern ging bei den Experten Arno Gego und Hauke Schmidt in die Lehre, löste mit 22 Jahren die Lizenz zur Parcourschefin Klasse L. 1986 war sie die erste Frau, die vom Weltverband in die oberste Kategorie der Kursdesigner eingruppiert wurde. Seit 2008 ist sie Parcourschefin in der Schleyerhalle, dort entwirft sie in diesem Jahr nicht nur Kurse für 16 Springen, sondern dirigiert auch 30 Mitarbeiter, die in fünf Gruppen auf- und abbauen. Alles ist bis ins Detail geplant, in der Regel dauert es keine zehn Minuten, bis ein Parcours steht. „Da sitzt jeder Handgriff“, sagt Christa Jung, „das ist eine außergewöhnliche Leistung.“ Was auch für ihre Arbeit gilt.
Christa Jung: Es kommt auch auf die Ästhetik an
Christa Jung führt ein Leben voller Hindernisse. Schon Wochen vor einem Turnier entwirft sie die Kurse. Erst mit Stift und Block, dann am Computer. Sie muss die geforderte Schwierigkeit und Art der Prüfung berücksichtigen, will keine Fallen stellen und fair sein, zugleich darf es nicht nur Null-Fehler-Ritte geben. Und es kommt ihr auch auf die Ästhetik an. Abstände, Farben der Hindernisse, Blumenschmuck, ein blauer Graben – alles muss zusammenpassen. „Die Optik ist mir wichtig“, sagt Christa Jung, die einst Kunst studiert und mittlerweile mehr als 10 000 Springkurse entworfen hat. Und dann erklärt sie noch, was sie seit bald 40 Jahren bei der Stange hält: „Mein Job hat viel mit Kreativität zu tun, er ist immer wieder eine neue Herausforderung.“ Vor allem nach einem Jahr, wie es Christa Jung erlebt hat.