Die Sommerreihe der Stadtführungen in Ostfildern beginnt am Donnerstag, 6. Juni. Stadtarchivar Jochn Bender startet mit einem Rundgang durch die Parksiedlung. Touren durch die weiteren Stadtteile folgen.
Die Pferdeplastik aus Bronze prägt den Herzog-Philipp-Platz in der Ostfilderner Parksiedlung. 1958 hat der Künstler Jakob Wilhelm Fehrle das Kunstwerk geschaffen. In dem Bildband „Geschichte der Parksiedlung“, den der Ostfilderner Stadtarchivar Jochen Bender herausgegeben hat, ist ein Foto der Tochter des Künstlers zu finden, die auf einem Gipsmodell sitzt. Das Pferd erinnert an die Zucht der Araberhengste, die der württembergische König Wilhelm I. im 19. Jahrhundert gegründet hatte. Diese und andere Fakten vermittelt Jochen Bender bei seinen Führungen durch die Stadtteile Ostfilderns. Die erste Tour führt am Donnerstag, 6. Juni, durch die Parksiedlung.
2007 feierte die Parksiedlung ihr 50-jähriges Bestehen. „Die ersten Häuser sind 1957 bezogen worden“, blickt Bender zurück. Mit der Bebauung des ehemaligen Weiler Parks wurde ihm zufolge die Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg gelindert. „Heimatvertriebene und Bauwillige aus der Region“ fanden nach den Worten des Stadtarchivars Platz in dem Siedlungsprojekt, das die Gemeinde Nellingen auf rund 42 Hektar realisiert hatte.
Nach einer umfassenden Bürgerbeteiligung wird der Stadtteil derzeit saniert. Denn neben dem russischen Supermarkt und einigen Lokalen ist die Nahversorgung in der Parksiedlung ausgedünnt. Das war früher ganz anders. In dem Band zur Geschichte des Stadtteils ist auch die liebevoll gestaltete Liste eines Schülers der Lindenschule abgedruckt, der 1965 zwölf Geschäfte zählte. Es gab Lebensmittel, Haushaltswaren, Friseure und vieles mehr. Der Parksiedlung haftet bis heute in der Wahrnehmung vieler Menschen ein negatives Image an, dem die Stadtverwaltung mit einem städtebaulichen Neuanfang gegensteuern will. Der Herzog-Philipp-Platz als Zentrum des zweitjüngsten Stadtteils wird im Zuge dieser Arbeiten umgestaltet, um wieder mehr Aufenthaltsqualität zu schaffen. Wer war dieser Herzog Philipp, nach dem der Platz benannt ist? Georg Philipp Albrecht Herzog von Württemberg lebte von 1893 bis 1975. Der überzeugte Monarchist war von 1939 bis zu seinem Tod Chef des Hauses Württemberg. Weil er sich 1934 geweigert hatte, am Kronprinzenpalais in Stuttgart eine nationalsozialistische Fahne zu hissen, war er gezwungen worden, die Stadt zu verlassen. Diese Geschichte des Namensgebers haben Bender und die Projektplaner der Stadtentwicklung (SEG) Ostfildern auf einem bebilderten Banner dokumentiert, das nun auf dem Platz steht.
Herzog wehrte sich gegen Nationalsozialisten
Wer durch den Stadtteil spaziert, der bis 2008 zum größten Ostfilderner Stadtteil Nellingen gehörte, entdeckt drei unterschiedliche Haustypen. Die mehrgeschossigen Wohnhäuser prägen das Bild. Doch unterhalb der Robert-Koch-Straße hat der Stadtplaner und Architekt Karl Georg Siegler Reihenhäuser und entlang der Parkstraße mondäne Bungalows, viele von ihnen mit herrlichem Blick ins Neckartal, geplant. „Er hat eine Gartenstadt entworfen“, sagt Bender. Wer seinen Weg durch das versteckte Wegenetz zwischen den Reihenhausgrundstücken abkürzt, sieht, dass der Plan aufgegangen ist. Blühende Gärten prägen den Parkcharakter des Stadtteils. Auf den ersten Blick bleibt das vielen Passanten verborgen.
In der Parksiedlung besteht ein Erbbaurechtsvertrag mit der Hofkammer des Hauses Württemberg. Das Unternehmen ist bis heute eng mit der Stadt Ostfildern verbunden und baut derzeit die fünf Hochhäuser in der Parksiedlung Nord-West.
Auf seiner Stadtführung möchte Jochen Bender diese Geschichte ebenso lebendig vermitteln wie den besonderen Charakter des Stadtteils. „Die Menschen, die hier lebten und leben, sind sehr unterschiedlich.“ Das zeichnete sich schon in den ersten Jahren des Stadtteils ab, der heute rund 3000 Einwohner hat. Da waren die Heimatvertriebenen, die sich in der Fremde eine neue Existenz aufgebaut hatten.
Aber die Bewohnerstruktur war sehr gemischt. „Hier wohnten 1968 acht Mal so viele Einwohner mit Doktortitel wie in Alt-Nellingen, drei Mal so viele hohe Beamten und ebenfalls drei Mal so viele Einwohner mit dem Adresszusatz ‚Direktor’“, schreibt der Kulturwissenschaftler Bender in dem Band der Ostfilderner Schriftenreihe.
Dass das kulturelle Leben in dem Stadtteil bis heute blüht, ist dem Bürgerverein zu verdanken, den Ulrich Voss leitet. Mehr als 250 Konzerte und viele andere Veranstaltungen haben die Männer und Frauen organisiert, die viele Gäste aus der Region in die Ostfilderner Parksiedlung locken. „Die Kirchengemeinden gestalten das Leben im Stadtteil ganz wesentlich mit“, verweist Bender auf den besonderen Stellenwert, den die evangelische und die katholische Kirche für die Menschen dort haben.
Stadtführungen in Ostfildern
Stadtteil-Streifzüge
Um den Bürgerinnen und Bürgern die Ostfilderner Stadtteile und ihre Geschichte nahe zu bringen, veranstaltet Stadtarchivar Jochen Bender im Sommer Führungen. Dabei vermittelt er den Teilnehmenden nicht nur historische Fakten, sondern gibt auch Einblicke in Stadtplanung und Architektur.
Das Programm
Los geht es am 6. Juni, mit einer Tour durch die Parksiedlung. Beginn ist um 18.30 Uhr am Herzog-Philipp-Platz. Am Donnerstag, 13. Juni, ist die Entdeckungsreise durch den Stadtteil Nellingen. Treffpunkt ist am Kubino In den Anlagen. Weitere Termine: Kemnat am 20. Juni, Ruit am 27. Juni, Scharnhausen am 1. August. Beginn ist jeweils um 18.30 Uhr. Am Sonntag, 8. September, findet eine Tour im Scharnhauser Park statt, die bereits um 14 Uhr beginnt. Weitere Informationen unter www.ostfildern.de/stadtarchiv.